Der BERG-TEST: Lifting
Schriftstellerin Sibylle Berg in aufklärender Mission: Einmal im Monat testet sie für PARKAVENUE.DE einen technischen Newcomer. Diesmal ist es aber ein ganz persönliches Thema: Lifting
Der Mensch, wie er lügt und böse ist, wie er Angst hat und sich schämt, wie er schlecht riecht und vor anderen immer, immer tut, als sei er perfekt. Es gibt kaum jemanden, der in Originaltönen spricht, fast alle halten sich hinter einem Haufen leerer Sätzen verborgen. „Ich habe keinen Fernseher. Ich langweile mich nie. Ich liebe fremde Kulturen. Mann und Frau müssen sich auf Augenhöhe begegnen."
All diese Nullsätze, die nichts weiter wollen, als zu gefallen, nicht aufzufallen. Sehr gerne sagen Menschen auch: „Ich würde nie zu einem Chirurgen gehen, was machen lassen, die Natürlichkeit, in Würde altern,“ all dieser Scheißdreck, den vornehmlich 20-jährige Schauspielerinnen von sich geben oder ganz offenkundig geliftete 50-Jährige. Was wollen sie uns mitteilen? Ich lasse mir die Zähne nicht richten, treibe keinen Sport und bin nicht anorektisch, um mein Gewicht zu halten, ich färbe mir die Haare nicht und mit 40 werde ich tot sein? Wollen sie sagen, dass der Mensch ein Naturprodukt ist wie Hefe? Wir leben heute doppelt so lange wie noch vor hundert Jahren, wir helfen unserem Aussehen täglich mit diversen Maßnahmen auf die Sprünge, aber natürlich soll es sein. Natürlich würden wir stinken wie die Biber, unsere Zähne wären vergammelt, unsere Organe zerfressen und dichter Haarwuchs überzöge unseren Leib. Was soll dieser Mist? Ich habe ein wunderbares neues Gerät, es ist mein Gesicht nach einer Riesendröhnung Botox.
Wieselflink gehe ich, Verräter der Natürlichkeit, Unterschreiber der Aussage: Es gibt kein großartiges Alter, Befürworter der Ehrlichkeit, denn keine Sau interessiert sich für all die mit wichtigen Gesichtern vorgetragenen Lügen, zu Dr. Christof Wolfensberger in Zürich.
Der Doktor ist ein angenehm zurückhaltender Mensch, der mir von größeren Maßnahmen (Lifting, Kopftransplantation etc.) abrät und elegant zu einer Spritze greift. Das Gesicht, das liebe, wird mit Betäubungscreme schlafen geschickt und zu einer imaginären Musik, die nur in mir erklingt, spritzt der vertrauenswürdige Mensch mir fast 20 Mal ins Gesicht. Stirn, Augen, Kinn, all das Zeug wo es lappt und wo es mich stört, dass es lappt, so wie mich ein gelber Zahn stören würde. Würde meine Lebenserwartung immer noch bei 45 liegen, gäbe es das Problem nicht, mit dem Spiegel, dem Stören, doch nun muss ich vielleicht noch 40 Jahre lang mit meinem Verfall durch die Gegend laufen.
Keiner erwähnt, dass es nicht darum geht, jünger auszusehen, wer will das denn, sondern darum, sich niedlich zu finden, nicht weil man in ein junges Gesicht schaut, sondern in ein reizendes. Nach einer Viertelstunde bin ich wieder zu Hause, drei Tage später habe ich mein neues Gesicht.
Das so alt aussieht, wie es ist, aber angenehm frisch und gesund, alles bewegt sich, nichts ist tot, und was dergleichen Blödsinn von Unwissenden noch erzählt wird. Sicher ist es ein Luxus, heute gute Zähne zu haben, gesund zu sein, Sport zu treiben, sich richtig zu ernähren und angenehm auszusehen, die Welt ist nicht gerecht, sie kann die Hölle sein, die wir uns bereiten. Es wird die Ozonschicht nicht wiederherstellen, die Börsenidioten nicht wegfegen, Afrika nicht aus dem Schlamassel ziehen, doch es wird das Leben ein wenig weniger blöd machen, wenn all die, denen es sowieso schon besser geht als 70% der Menschheit, falls sie mal wieder von einer gebotoxten Journalistin nach ihrem Umgang mit plastischer Chirurgie und deren wunderbaren Entwicklungen, antworten: Ja, natürlich gehe ich zu einem Arzt. Sie etwa nicht?
Selbstverständlich lasse ich Botox spritzen und auch meine Zähne sind neu und ohne jeden Zweifel werde ich, wenn mein Gesicht hängt, wie das eines Faltenhundes, etwas dagegen unternehmen. Warum soll man hässlich sein, wenn es auch schöner geht. Wir leben in einer Welt, die Alte verachtet. Würden sie sich verachten lassen wollen?
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