Curaçao - Ein Reisebericht aus der Karibik

Curaçao liegt, wie man weiß, in der Karibik. Trotzdem sieht es an manchen Stellen so aus wie Amsterdam, allerdings mit deutlich mehr Sonne

 

Wenn Eugene es sich aussuchen könnte, dann wären nicht so viele Holländer auf Curaçao. Und auch auf die meisten Touristen der internationalen Kreuzfahrtschiffe, die fast täglich in Willemstad anlegen, könnte Eugene wunderbar verzichten. „Die wollen doch sowieso nur in die Likörfabrik!“ Andererseits: Eugene ist einer der vielen Guides auf der größten Insel der niederländischen Antillen. Ohne Holländer und Kreuzfahrer hätte der gebürtige Insulaner vermutlich nicht mal einen Job.

200 000 Urlauber jährlich und fast genauso viele Tagesausflügler aus den Ozeanriesen haben Curaçao zu einem beliebten Ferienspot gemacht, die Destination boomt, wie man in der Branche sagt.
Das liegt einerseits an den herrlichen Tauchgebieten der über 60 Millionen Jahre alten Unterwasserwelt vor der Küste, in der sich angeblich über 500 Fischarten zeigen. Das liegt aber auch an den liebevoll restaurierten historischen Vierteln der Insel, den eindrucksvollen Landhäusern und dem malerischen Hafen Willemstads mit seinem schwimmenden Markt und dieser merkwürdigen „Königin-Emma-Brücke“, die sich bei anrollenden Schiffen verschämt wegdreht und den Weg freimacht. Eugene grinst vergnügt. Er kennt die Schönheiten seiner Heimat, und er weiß sie durchaus zu schätzen. Keine geregelte Arbeit zu haben klingt für Eugene und seine karibischen Freunde deshalb auch nicht unbedingt nach einer schlimmen Strafe. Die Durchschnittstemperatur des kulturellen „Melting Points“ zwischen Aruba und Bonaire liegt schließlich bei kuscheligen 28 Grad. Und durchschlagen würde sich Eugene auch ohne die Finanzkraft der vielen Reisenden aus aller Welt, irgendwie. Hat ja früher auch funktioniert.

Der Begriff „laid back“, der eine Haltung irgendwo im Grenzbereich zwischen entspannt und erdnah bezeichnet, ist vermutlich auf Curaçao, knapp 70 Kilometer von der Küste Venezuelas entfernt, erfunden worden. Womit wir bei der ersten Erkenntnis wären, die sich dem Curaçao-Reisenden vom ersten Tag an aufdrängt: Der Einheimische versteht sich nicht als Animateur der reisenden Massen. Er ist zwar nicht unfreundlich und gerne bereit, die Sehenswürdigkeiten und Schätze seiner Heimat mit den Besuchern der Insel zu teilen. Doch servile Beutelschneiderei ist nicht sein Ding, eifriges Streben nach Wohlstand und Besitz augenscheinlich nicht sein primärer Antrieb. Die „amerikanisierte“ Service-Mentalität manch benachbarter Karibik-Insel ist auf Curaçao glücklicherweise noch nicht angekommen. Das macht sich an den zahlreichen Stränden in den mehr als 40 Buchten der palmengesäumten Korallensandstrände durchaus angenehm bemerkbar. Keine lästige Marketenderei in Restaurants und auf öffentlichen Plätzen, kein Ausverkauf der nationalen Identität in Form armseliger Heimarbeit-Folklore. Stattdessen liegen Insulaner und Touristen oft Seite an Seite in Wassernähe, abends in den Bars und Restaurants wird zusammen getanzt und gebechert. Karibische Nächte sind lang, und sie sind ein durchweg demokratisches, ja: völkerverbindendes Erlebnis. Hier hüpfen Menschen asiatischer, indianischer, europäischer, afrikanischer und arabischer Herkunft vergnügt auf der Stelle, was nicht zuletzt dem Umstand geschuldet ist, dass Curaçao in seiner wechselvollen Geschichte seit 1499 schon von einigen Kolonialmächten eingenommen und kulturell befruchtet wurde. Die Spanier waren zuerst da, doch auch Niederländer, Franzosen und Engländer stritten sich mit wechselndem Erfolg immer wieder um die Hoheitsrechte an der kleinen Karibikinsel. Das hat Spuren hinterlassen, wie man sich vorstellen kann:

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Curaçao wurde zwangsläufig zu einem Vielvölkergemisch, einem kosmopolitischen Völkchen, dass neben dem kauzigen „Papiamento“ zumeist auch englisch, spanisch und niederländisch spricht. Die Holländer schließlich blieben: seit 1634 ist Curaçao niederländisch. Die kleine Insel erhielt zwar 1954 die so genannte Autonomie bei „inneren Angelegenheiten“ und organisiert sich seit 1983 in einer „Parlamentarischen Monarchie“, offiziell aber gehört es nach wie vor zu Holland. Was Eugene wiederum gut findet, denn er ist ja nicht dumm: es mögen ihm zwar durchaus zu viele Holländer auf der Insel sein, die wirtschaftlichen Vorteile, die sich aus der Nähe zur europäischen Wirtschaft ergeben, sind vor Ort sehr willkommen. Und weil wir jetzt ohnehin schon mittendrin im trockenen Teil einer Reisegeschichte über ein buntes, gut gelauntes Inselvölkchen sind, gleich noch ein paar Fakten mehr, damit sich auch der ambitionierte Reisefreund entspannt zurücklehnen kann: Curaçao, das sind 444 Quadratkilometer Fläche, rund 150 000 Einwohner, bezahlt wird dem Antillengulden (NAG) oder der Einfachheit halber fast überall auch mit dem amerikanischen Dollar.

Die Hafenfront seiner Hauptstadt „Willemstad“ sieht nicht nur aus wie ein farbig herausgeputztes Spiegelbild einer Amsterdamer Grachtenkulisse, sondern gehört inzwischen auch zum UNESCO-Weltkulturerbe. Und der Christoffelberg ist mit 375 Meter die höchste Erhebung der Insel – für Holländer gar nicht mal so schlecht. Obwohl man aber auf dem Christoffelberg wunderbar trecken kann und in seiner unmittelbaren Nachbarschaft sogar berühmte „Mountain Bike“-Strecken beheimatet sind, dürfte das Hauptinteresse der meisten Touristen allerdings eher auf ebener Erde liegen. Die Strände sind es, die der Karibik dieses wohlbekannte, fröhlich-hedonistische Image verpassen, und in dieser Hinsicht entspricht auch Curaçao allen Erwartungen. Die Quintessenz des karibischen Gefühls, zusammengefasst in einem repräsentativen Tag: am Wochenende ein, zwei Stündchen am populärsten Strand und Treffpunkt der Insel, dem Mambo Beach. Dort später zwei, drei Mojitos an der Bar. Anschließend drei, vier Tänzchen nach karibischen Rythmen – auch wenn man neben den einheimischen Bewegungskünstlern immer so beweglich aussieht wie ein hopsender Kühlschrank. Schließlich maximal vier, fünf Stunden Nachtruhe in dem Gefühl, Urlaub in einem animierten Bacardi-Spot zu verleben. Wer davon schon immer schon mal geträumt hat, bittesehr: Curaçao, bon bini.

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