Schuld und Sühne

Der Fehler eines Fluglotsen nahm Witalij Kalojew alles: Frau, Tochter, Sohn. Er erstach den Mann. Nach fast vier Jahren Haft ist er jetzt stellvertretender Bauminister im Kaukasus. Wir fragten ihn: Wie viel Trost bringt Vergeltung?

 

Als er klein ist, ist es so einfach mit dem Glück: ein Tag in den Bergen, Kräuter sammeln. Als er älter wird, wird es kompliziert, wie bei allen Jungen, die Männer sein wollen. Und als er dann ein Mann ist, heißt das Glück für Witalij Kalojew plötzlich Swetlana: schwarze Haare, tolle Figur, aus gutem Hause, seine erste, seine einzige und letzte Liebe. Zwei Kinder, Konstantin und Diana, machen das Glück perfekt, so perfekt, dass er aus Dankbarkeit eine Kirche baut, mit Goldkuppeln, obwohl er gar nicht an Gott glaubt. An das Glück jetzt auch nicht mehr. Durch die weißen Gardinen fallen Sonnenstrahlen, die im Zimmer Staubkristalle tanzen lassen; die Stimmung können sie nicht erhellen. In Wladikawkas, Nordossetien, 300000 Einwohner, sieben Wodkabrennereien, schmilzt der Schnee. Ossetien ist geteilt, der Norden russisch, der Süden georgisch. Ganz nah die Felsen des Kaukasus, die so steil und spitz in den Himmel stechen, als wäre Gott ein Fakir und das Gebirge sein Nagelbett.

Zum Flughafen ist Witalij Kalojew, 52, selbst gekommen; er raucht Kette, sein Händedruck ist fest, sein Blick gesenkt. Jetzt steht er im Kinderzimmer, einem Friedhof der Kuscheltiere, und sagt, dass man im Bett seines toten Sohnes schlafen solle. Gefühle seien manchmal bessere Antworten als Erklärungen.

Am 1. Juli 2002, um 23 Uhr, 35 Minuten und 32 Sekunden, explodiert sein Glück. Über dem Bodensee bei Überlingen stößt eine Tupolew 154 mit einer DHL-Frachtmaschine zusammen: 71 Tote, darunter Swetlana, 42, Konstantin, 10, und Diana, 4.

Goofy hängt über der Sofalehne, Lupo und Micky Maus liegen wie erschlagen auf dem Boden, erster Stock, am Ende vom Gang, links. Rechts das Schlafzimmer von Witalij Kalojew, der nur Schwarz trägt, auch nachts, seit fast sechs Jahren. Es ist Freitagmittag, der 22. Februar 2008, und Kalojew wird gleich noch einmal arbeiten gehen. Vor einem Monat ernannte ihn die nordossetische Regierung zum stellvertretenden Bauminister. Jetzt sucht Kalojew nach Investoren, die wie er an diese raue Gegend glauben. Das Wochenende ist kein gewöhnliches, in zwei Tagen jährt sich sein Mord: Am 24. Februar 2004 ersticht Kalojew den Fluglotsen Peter Nielsen, 36, in dessen Garten in Zürich-Kloten, nicht weit vom Tower, in dem Nielsen die Befehle gab, die zur Katastrophe führten.

Kalojews Schwestern Zafira und Soja backen in der Küche das ossetische Nationalgericht Pirok, Fladen gefüllt mit Hackfleisch oder Schafskäse. Eine gerade Anzahl Pirok steht für Trauer, eine ungerade für Freude. Witalij Kalojew hatte drei bestellt, ausnahmsweise, der Gäste wegen. Nach dem Essen ist er in sein Büro in der Stadtmitte gefahren. Seine Schwestern servieren zum Tee seine Geschichte. In der geht es sehr häufig um "die da im Westen und uns hier unten", um Missverständnisse zwischen den Kulturen. Eines dieser Missverständnisse sei der 14. November 2007 gewesen, als er freigekommen ist, nach knapp vier Jahren Haft, wegen eines Gutachtens, das ihm eine starke Traumatisierung attestierte, und in der Heimat begeistert empfangen wurde. "Mitteleuropäern mögen unsere Bräuche seltsam erscheinen, aber ein Mann, der sich für seine Familie einsetzt, ist hier ein Held", sagt Soja und zeigt einen Pokal, den ihr Bruder kürzlich bekommen hat. "Ossete des Jahres 2007" steht darauf.

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Ihr Bruder sei kein Mörder, der habe noch nicht einmal ein Huhn vom Markt schlachten können, sagt Zafira, die sich tagelang heulend eingesperrt hat, als sie von seiner Tat hörte. Die Kalojews sprechen von seinem Mord nicht als Rache, sondern von "der zweiten Tragödie". Er habe nicht bewusst, sondern im Affekt zugestochen, vom Verlust seiner Familie traumatisiert. Das ist die Version, an die die Frauen glauben und die Kalojew immer wieder erzählt hat, vor Gericht und in den Anhörungen. Ihr Bruder sei ein Opfer, das zum Täter gemacht worden ist, sagt Soja, die Ältere, keiner der Deutschen und Schweizer habe verstanden, dass es ihm um eine Entschuldigung gegangen sei, nicht um Geld. Soja weint, wenn sie das Fotoalbum zeigt, in dem sie seine Vergangenheit archiviert hat, die spielenden Kinder, die glücklichen Eltern. "Schauen Sie sich im Kinderzimmer um, dann merken Sie, dass er nicht loslassen kann. Über seine Tat kann man nicht urteilen, wenn man seinen Schmerz nicht erlebt hat."

Im Kinderzimmer steht ein weißes Babybett, daneben sitzt Benjamin Blümchen und beschützt immer noch Diana. Auf der Decke ihr Foto, schwarz-weiß, darauf eine Krone, wie sie Mädchen zum Karneval tragen. Gegenüber das Bett von Konstantin, der heute vor dem Schulabschluss stünde, sein Löwe auf dem Kopfkissen. An der Wand mit der rosa Tapete die Bilder der Toten. Die Betten sind gemacht, alles sieht so aus, als würde es gleich kommen, das Geschrei, das Gelache, das Gebalge und Gutenachtsagen nach einem Tag im Schnee. Als wäre es Kalojew gelungen, in diesem Zimmer die Zeit zu überlisten, sie da anzuhalten, als sie noch für ihn lief. Aber der Sekundenzeiger der Holzuhr, die über dem Schreibtisch hängt, tickt vorwärts. Ticktack, ticktack! Ansonsten: Stille.

Nicht so in der Küche. Sie ist der Treffpunkt, oft sind Freunde und Verwandte zu Besuch. Draußen ist es dunkel, der Himmel sternenklar. Der Hausherr ist zurück. Es findet sich wenig, von dem er sich nicht angegriffen fühlt. "Herr Kalojew, Sie sehen ein bisschen aus wie Jean Reno!" "Sie meinen, wie ein Killer?" "Nein, wie der Schauspieler." "Aber seine beste Rolle ist der Killer in ‚Léon - Der Profi‘." "Bereuen Sie, dass Sie vor vier Jahren tatsächlich zum Killer wurden?" "Nein. Ich bin kein Killer. Ein Killer ist ein bezahlter Mörder. Ich habe nur getan, was ich für meine Familie tun musste!"

Dann steht er auf und spricht einen Toast, weil in seinem Haus nicht ohne Grund getrunken wird, und an Gründen zu trinken mangelt es Witalij Kalojew nicht. "Auf dass es sich die Toten schmecken lassen!" Cousin Tamik nickt. "Lada in Russki wie Porsche", hat er vorher lachend gesagt, weil er Kalojew mit seinem Lada durch die Stadt fährt, zur Arbeit oder um eine Stange Marlboro zu kaufen. Jetzt sagt Tamik nichts mehr. Auch Ruslan, der Nachbar, der gerade noch von seinen Schaschlikspießen geschwärmt hat, blickt ernst zum Kopfende des Tisches, wo Witalij Kalojew ein Stück Weißbrot bricht, es mit Salz bestreut und ein paar Tropfen seines Wodkas darüberträufelt. Das Wodkaglas hält er mit dem Daumen am oberen Rand und dem kleinen Finger am Glasboden, so ist es Brauch in Nordossetien. Für die Seinen, die nicht mehr sind! Prost!

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