Ute Lemper, 44, ist Chansonsängerin. Im Frühjahr erscheint ihre aktuelle CD "Between Yesterday And Tomorrow"
Wie finden Sie Madonna? Madonna ist eine kreative Frau und eine wunderbare Geschäftsfrau, die ohne viel musikalisches Talent eine tolle Karriere gemacht hat. Sie hat Erotik, Sexualität und Image vermarktet, sie hat sich immer wieder neu definiert und damit gezeigt, dass das Popbusiness durch Strategie und Erfindungsgeist zu beherrschen ist. Mit dem, was Kunst eigentlich ausmacht, hat das aber nichts mehr zu tun.Welche Rolle hat Madonna in der Gesellschaft? Sie ist fast eine Politikerin, weil sie moralische Grenzen, Klischees und Tabus durchstoßen hat. Mit ihrem "Sex"-Buch hat sie die Grenzen des Exhibitionismus gesprengt. Es war ihr egal, wie tief man in ihr Leben, ihre Seele und ihren Körper hineinschaut. Das hat ihr eine Form von Macht gegeben. Aber auf der anderen Seite hat diese Überdosis auch die Magie von ihr genommen.Hat Madonna einen Beitrag für die Emanzipation der Frau geleistet? Sie hat die Emanzipation auf die andere Seite getrieben. Bei der Emanzipation geht es ja auch darum, dass nicht immer Stereotypen der Frau benutzt werden, sie also auch nicht immer sexualisiert wird. Madonna hat den Sexismus wieder eingeführt, durch ihre Radikalität aber satirisch kommentiert.Welchen Stellenwert hat Madonna heute noch musikalisch? Sie hat es geschafft, den Status als Popikone mehr als jede andere Sängerin bis heute aufrecht zu halten. Normalerweise ist die Halbwertszeit in Pop drei bis fünf Jahre – dann ist es vorbei. Die meisten Sängerinnen aus ihrer Anfangszeit sind längst verschwunden, Madonna ist immer noch da.
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Was halten Sie von dem jugendlichen Auftreten der fast 50-Jährigen? Madonna will das Image eines Jugendsymbols konservieren. Das lässt mich zweifeln, ob sie überhaupt als Künstlerin gewachsen ist in den Jahrzehnten oder ob alles nur eine Zelebrierung ihres plakativen, effektvollen Exhibitionismus war. Es wäre schön, wenn sie jetzt altern würde als eine richtig coole Frau – mit Falten und allem drum und dran, wie Patti Smith. Na ja, aber sie hat eben keine Musik mit der sie altern kann. Haben Sie persönliche Erinnerungen, die Sie mit Madonna verbinden? Zum allerersten Mal habe ich von ihr Anfang der achtziger Jahre gehört, als ich in Wien im Musical "Cats" aufgetreten bin. Ein amerikanischer Kollege spielte mir auf seinem Walkman Songs von Madonna vor und meinte, das ist die neue Topsängerin aus den USA. Ich habe sie auch mal live gesehen. Es war prima. Musikalisch nichts besonderes, aber visuell wie ein Videoclip. Gibt es Songs von Madonna, die Sie hassen? Ja, alles was in Richtung Elektropop geht, ist nicht mein Fall. Das ist dann schon eher für die jüngere Generation. Welche Musik hören Sie privat? Ich bin mit Pink Floyd, Dire Straits, Billy Joel oder Randy Newman groß geworden. Diese Leute machen meiner Meinung nach richtige Musik. Sie haben sich im "Erotica"-Look von Madonna fotografieren lassen, warum? Weil das der einzige Stil von ihr ist, der cineastisch und gleichzeitig etwas mysteriös ist, wie aus einem Film Noir. Ich habe ja auch oft mit dem Look der zwanziger Jahre gespielt, insofern konnte ich mich in dieses Konzept am besten hinein denken. Was wünschen Sie Madonna zum Geburtstag? Sie kann stolz auf sich sein. Ich wünsche ihr Frieden, Intimität und Zeit zum Lesen. Ich hoffe, sie hat den Mut, mit den Jahren zu gehen und den Moment zu genießen, wie er ist.Wer ist die legitime Nachfolgerin von Madonna? Vielleicht Gwen Stefani? Sie kann zwar genauso wenig singen wie Madonna, aber sie spielt ebenfalls mit ihrem Image. Sonst fällt mir noch Christina Aguilera ein. Sie hat eine tolle Stimme und ich traue ihr zu, dass sie in den nächsten 30 Jahren in der Branche ganz oben bleiben wird.