Die Tchibo-Dynastie
Machtspiele, Intrigen, Eifersucht: Das Wappen der Tchibo-Dynastie könnte ein Racheengel schmücken. Über den Tod von Joachim Herz kann sie nun erstmals zusammenfinden. Blick in die Seele der zweitreichsten Familie Deutschlands
Der Geldsegen geht im Kaisersaal nieder.Am repräsentativsten Ort, den Hamburg zu bieten hat, wird Ende Juli ein seit Wochen diskutiertes Rätsel gelöst:
Was wird aus dem Vermögen des tödlich verunglückten Tchibo-Erben Joachim Herz?
Begleitet von Bürgermeister Ole von Beust tritt Petra Herz im Rathaus an die Öffentlichkeit.
Die Witwe, streng frisiert im Hosenanzug, sagt mit leiser Stimme: Ihr Mann verschenkt fast sein ganzes Hab und Gut.
Es sind weit über eine Milliarde Euro.
Wieder mal beherrscht der Kaffee- Clan die Schlagzeilen.
Zur Abwechslung mal im Guten.
Es ist die Joachim-Herz- Stiftung, die nach dem Willen des Namensgebers künftig vier Millionen Euro an Universitäten, Forschungsinstitute und Schulen ausschütten wird – jeden Monat.
- Schlagen Sie hier relevante und interessante weiterführende Inhalte zu diesem Artikel vor.
Damit ist sie die bedeutendste Stiftung Hamburgs und die siebtgrößte in Deutschland.
Doch so großzügig die Spende, so mysteriös bleibt der Spender, den kaum ein Hamburger je zu Gesicht bekommen hat.
Es ist wie immer bei der Familie Herz: Wenn Menschen bei Tchibo einkaufen, sich mit Nivea eincremen oder Tesafilm kleben, wachsen die Konten.
Die Menschen hinter Marken und Milliarden hingegen bleiben im Verborgenen.
Sechs Wochen zuvor, Außenalster.
Wenige Minuten dauert die Reise in die Vergangenheit.
Drei Kilometer fahren Wolfgang und seine Mutter Ingeburg Herz von der Bellevue bis zur Kirche St.
Johannis im feinen Hamburger Stadtteil Harvestehude.
Daniela, Günter und Michael wohnen alle um die Ecke.
Nun sitzen die vier Geschwister ungewöhnlich einträchtig mit Mutter und Familie auf Holzbänken in dieser neugotischen Zuflucht der Nächstenliebe und blicken in das Gesicht eines Fremden.
Unerbittlich sticht sein Blick von der Staffelei vor dem Altar herüber, finstere Brauen und schwarzer Bart rahmen Augen voller Rastlosigkeit.
Es ist lange her, dass die Geschwister ihn so sahen.
Jung ist der Mann auf dem überlebensgroßen Foto, Anfang 30 vielleicht.
Als er am 31.
Mai dieses Jahres beim Schwimmen in seiner amerikanischen Wahlheimat bei Atlanta von einem Motorboot erfasst wird und stirbt, ist Joachim Herz 66 Jahre alt.
„Die Familie steht unter Schock“, sagt einer, der sie gut kennt.
„Besonders Daniela hat viel geweint.
Sie hatte ein inniges Verhältnis zu Joachim, hat ihn oft in den USA angerufen.“ Mit dem alten Foto erfüllen ihm die Geschwister einen letzten Wunsch.
Joachim Herz scheute die Öffentlichkeit.
Selbst nach seinem Tod soll er der Milliardär ohne Gesicht bleiben.
Mag er sie auch genervt, verklagt und angefeindet haben, wenn es darum geht, das Blitzlicht zu meiden, steht die Familie Herz zusammen.
Diskretion bis in den Tod – wenigstens eine Gemeinsamkeit einer ansonsten zutiefst zerstrittenen Familie.
Laut aktueller Forbes-Liste bringt es die Herz-Sippe zusammen auf 20,8 Milliarden Dollar.
Damit ist sie nach den Aldi-Brüdern Karl und Theo Albrecht die zweitreichste Familie Deutschlands – und eine der verschwiegensten.
