Babelsberg-Studios
Seit Christoph Fisser und Carl Woebcken in den Babelsberg-Studios für Action sorgen, liegt Hollywood in Berlin. Begegnungen mit Quentin Tarantino, Matt Damon, Tom Cruise, Kate Winslet und anderen
Die Lunte ist gelegt. Quentin Tarantino rennt mit rudernden Armen durch die Marlene Dietrich Halle; es ist die Vorfreude auf eine Explosion, mit der auch der Zenmeister des Trash-Crash-Wumm-Kinos in eine neue Dimension vorstößt. Ein historischer Knaller. Denn in ein paar Tagen wird hier nicht nur die Kulisse abgefackelt, sondern mit ihr das komplette Nazi-Führungspersonal erledigt. Hitler, Goebbels, Himmler, alle tot.
In Babelsberg haben die Dreharbeiten zum neuen Tarantino begonnen, „Inglorious Bastards“ (etwa: Ein Haufen verwegener Hunde), in Anlehnung an ein Italo-B-Movie von 1977. Die Handlung: Ein Himmelfahrtskommando im besetzten Frankreich, angeführt von einem Brutalo namens Aldo Raine (Brad Pitt), sammelt die Skalps deutscher Soldaten. Und zum Finale wird die in einem Pariser Kino versammelte Elite des Deutschen Reiches weg gebombt. Die Vorstellung macht Tarantino Laune. „Es ist für mich etwas ganz Besonderes, hier zu filmen.“ Sein Büro befindet sich im Studio 9 in der Georg-Wilhelm-Pabst-Straße. „Pabst, was für ein Mann!“, schwärmt Tarantino.
Der Regisseur Georg Wilhelm Pabst war einer der Pioniere von Babelsberg, wo im Jahr 1911 Europas größte und modernste Filmstudios entstanden. Aus dem Pabst-Werk „Westfront 1918“, einem Juwel des frühen Tonfilms, kann Tarantino aus dem Stand jedes Detail abrufen. Wer am hermetisch abgeriegelten Set von „Inglorious Bastards“ arbeitet, muss überhaupt ständig damit rechnen, mit dem Fachwissen von Mister Pulp Fiction konfrontiert zu werden. Dschungel-Gemetzel, Weltkriegs-Trash, auch lustige Szenen aus „Campus Swingers“ (so heißt in den USA die deutsche Schulmädchen-Softpornoreihe aus den 70ern): „Ich liebe es!“ Abends lässt Tarantino oft Bier und Pizza für das komplette Team kommen und zeigt dann in einem extra eingerichteten Kino seine Lieblingsfilme.
Babelsberg, Tarantino-Reich. Das hat was. Die Brüder Wachowski, die ultrascheuen „Matrix“-Erfinder, waren auch schon da, um in den historischen Hallen ihre Comicfiguren loszulassen. Und Tom Cruise wählte den Ort, um sich vor der perplexen Weltöffentlichkeit in den deutschen Widerstandshelden Graf von Stauffenberg zu verwandeln. Doch die Bomben, die Tarantino hier an der ehemaligen Wirkungsstätte von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels abwirft, sind vielleicht das Beste, was Babelsberg passieren konnte.
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Die Kantine auf dem Babelsberger Studiogelände ist ein Gebäude, das mit seinem Ikea-Charme auch zu einer jungen Multimediafirma passen würde. Carl Woebcken, 52, steht an einem Tisch und isst Salat; er trägt selten Anzug und wirkt auch sonst unkompliziert. „Nun, ich sehe uns erst einmal als Dienstleister“, sagt Woebcken, der Maschinenbau gelernt hat. Das ist Understatement vom Feinsten.
Die Filmbranche gab im vergangenen Jahr rund 140 Millionen Euro in Berlin und Brandenburg aus. In der Hauptstadtregion wird so viel gedreht wie nie. Vergessen sind die düsteren 80er-Jahre, als Berlin nur manchmal als kaputte Kulisse herhalten musste, ansonsten aber die Münchner Bavaria mit Erfolgsfilmen wie „Das Boot“ oder „Die unendliche Geschichte“ alles überstrahlte.
Als Woebcken 2004 in Babelsberg antrat, hatte er vom Vorbesitzer, dem französischen Konzern Vivendi, zum symbolischen Preis von einem Euro eine schwere Hypothek übernommen – die Überführung der DEFA-Studios aus dem Nachlass der DDR, dem Ufa-Nachfolger, in kapitalistische Produktionsprozesse galt als gescheitert. Die Hallenvermietung an Fernsehproduktionen („Gute Zeiten, schlechte Zeiten“) und Achtungserfolge konnten die Millionenverluste nicht ausgleichen.
Es war ein strukturelles Problem. Der damalige Babelsberg-Chef Volker Schlöndorff rieb sich auf, seine Künstlerseele war zu groß fürs Geschäftemachen. Dabei wäre auch schon damals nüchternes Management gefragt gewesen. Als „meinen größten Fehler“ hat Schlöndorff seine Babelsberg-Ära bezeichnet.
