IM ZIMMER DER MACHT

Oliver Stone fordert George W. Bush heraus. Doch die Biografie des US-Präsidenten zu verfilmen, ist für den Starregisseur ("JFK") der ultimative Belastungstest

 

Gerade noch drückte eine schwülheiße Sonne auf den Campus der University of Louisiana. Doch plötzlich ballen sich düstere Wolken. Wind peitscht über das Gelände, reißt Zelte um, die auf dem Rasen aufgebaut sind, rüttelt an mannshohen Maschinen; einige Umstehende versuchen sie verzweifelt festzuhalten. Dann bricht ein sintflutartiger Regen los, und jeder flüchtet zu einem halbwegs sicheren Unterstand.

Wer zum Aberglauben neigt, der könnte sich durch den Wettersturz bestätigt fühlen. Denn der unterbricht die Dreharbeiten eines Films, der aus Sicht gottgläubiger Amerikaner einem Akt der Blasphemie gleichkommt: Oliver Stone, ebenso berühmt wie berüchtigt für seine unkonventionellen Porträts der US-Realität wie „JFK“ oder „Natural Born Killers“, verfilmt das Leben von George W. Bush. Und auch wenn der Amtsinhaber in diesem Sommer nur noch Zustimmungsraten von unter 30 Prozent verzeichnete, so scheint dieses Projekt geradezu Widerspruch herauszufordern: „Er packt die Kontroverse am Kragen und gibt ihr einen dicken, fetten Kuss,“ textete „Entertainment Weekly“. Das sahen auch die Finanziers der Branche so. Hollywoods Studios winkten ab. „Sehr traurig“, meint der vierfache Oscarpreisträger. Sein Produzent Moritz Borman musste das Budget wurde von unabhängigen Geldgebern aus der ganzen Welt zusammentragen. Und selbst dann kamen nicht mehr als $ 30 Millionen zusammen. Deshalb muss Stone einen der größten Kraftakte einer an Anstrengungen reichen Karriere bewältigen.

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Innerhalb von 45 Tagen gilt es das Leben des 43. US-Präsidenten zu bebildern – vom alkoholsüchtigen Versager, der gegen seinen übermächtigen Vater rebellierte, über den bekehrten Christen und Ehemann, der sein Leben auf die Erfolgsstraße steuerte, bis hin zum fehl geleiteten Staatsoberhaupt, das einen der fatalsten Kriege der amerikanischen Geschichte anzettelte. Nach zwölfstündigen Dreh-Schichten darf sich der 61jährige Regisseur jeweils zwei-drei Stunden pro Tag an den Schneidecomputer setzen, denn „W“ soll noch vor den Präsidentschaftswahlen in die US-Kinos kommen. Der Ort des Geschehens ist denkbar unwirtlich. Die Produktion ließ sich von üppigen Steuervergünstigungen in den Staat Louisiana locken, zumal sich im Umland der 200.00 Einwohnerstadt Shreveport alle wichtigen Bildmotive fanden. Aber ein Sommer in den Südstaaten bringt schweißtreibende Temperaturen von über 33 Grad im Schatten mit sich. Deshalb sehen alle Anwesenden aus, als wären sie gerade aus der Dusche gestiegen, ob der sichtlich erschöpfte Stone, Tom Hanks Sohn Colin, der Bushs Redenschreiber spielt und in Pausen am liebsten über die Fußball-EM spricht, oder zahllose Statisten in Armeeuniformen. Nur der Hauptdarsteller selbst hat vorerst Glück: Josh Brolin, am besten bekannt für seine Hauptrolle im Oscar-Gewinner „No Country For Old Men“, steht in Badehosen herum, weil er gerade eine Szene im Swimming Pool filmte.

Neben Hitze und Staatsgeldern hat der Drehort freilich auch eine beachtliche Kriminalität zu bieten. Wer das Team-Hotel verlässt, erhält von der Rezeption genaue Anweisungen, in welche Richtung er abbiegen muss, will er physisch unversehrt bleiben. Und beim Warten aufs Taxi kann es passieren, dass eine Polizeistreife stoppt und mahnt, man möge sich möglichst von den nahe gelegenen Büschen fernhalten. Dagegen scheint das Nachtleben so spärlich, dass bei der Stone-Mannschaft so etwas wie Lagerkoller aufkommt. Das könnte zumindest die Erklärung sein, warum einige Teammitglieder, darunter Josh Brolin und Colin Powell-Darsteller Jeffrey Wright („Casino Royale“), in eine Bar-Balgerei gerieten und das lokale Gefängnis inspizieren durften. Details will die Produktion nicht verraten, weil man mit der Polizei eine Vereinbarung getroffen habe.

Auch sonst muss Stone verschiedenste Störmomente bewältigen. Die begannen schon am ersten Drehtag. Als der Regisseur frühmorgens die Kulisse mit der Ölbohranlage besichtigte, erwies sich diese als defekt. Prompt setzte er sich in seinen Wohnwagen und schrieb die Szene um, so dass sich der Präsident in spe mit einer demolierten Apparatur konfrontiert findet.

Weniger elegant ließ sich ein Problem während unseres Besuchs lösen – In dem bewussten Swimming-Pool probte Bush eine Notwasserung – vor seiner absurden Landung auf dem Flugzeugträger U.S.S. Lincoln, auf dem er für den Irakkrieg „Mission Accomplished“ verkündete. Doch bei der Rekonstruktion brach zuerst ein Kamerakran, danach verlor Josh Brolin seinen künstlichen Nasenaufsatz im Wasser. Das wiederum führte zu Verzögerungen, die den Drehplan leicht ins Wackeln brachten. Weniger folgenreich blieb dagegen das Eingreifen von St. Petrus. 20 Minuten später zeigte sich wieder die vertraute Sonne. Schon vorab hatte ein Mitglied der Kamera-Crew mit trainiertem Wetter-Blick das baldige Ende des Wolkenbruchs verkündet.

Aber mit den körperlichen Strapazen scheint der Regisseur gut zurecht zu kommen. „Ich habe ein wunderbares Leben und eine wunderbare Familie,“ erklärt er seine Belastungsfähigkeit. Frau und Tochter sind denn auch während des Drehs präsent. „Eigentlich fühle ich mich energischer als noch vor ein paar Jahren.“ „Oliver ist jemand, der lange Zeit mit weniger als fünf Stunden Schlaf auskommt,“ fügt Produzent Borman bewundernd hinzu.

Die eigentlichen Hindernisse sind indes nicht physisch greifbar. Bereits bei der Besetzung der Hauptrollen hatte der Regisseur enorme Überzeugungsarbeit zu leisten. Angeblich auch deshalb weil viele Schauspieler sich als verkappte Republikaner entpuppten – und die eingetragenen Demokraten Bush so verabscheuten, dass sie ihm keinen Film widmen wollten. Zu letzteren gehörte Josh Brolin, sein auserkorener Präsidentschaftskandidat, der sich lange Zeit verweigerte: „Aber Oliver ließ nicht locker und gab mir das Drehbuch. Ein paar Wochen später auf einem Urlaubstrip mit meiner Familie wachte ich vor allen anderen auf und beschloss, das Ganze endlich zu lesen. Und ich war total überwältigt. Ich fragte mich nur: Schaffe ich das? Aber mein Sohn, der das Skript nach mir las meinte: ‚Du musst das machen.’“

Ein entscheidender Grund für Brolins Zusage war der Humor der Geschichte: „Sonst hätte ich den Job nicht angenommen. Je intensiver ich mich in das Drehbuch vertiefte, desto stärker erkannte ich die komödienhaften Elemente.“ Die sind auch bei den Szenen zu erkennen, die während unseres Aufenthalts entstehen: Bei der Notfall-Probe springt Bush strotzend vor Optimismus ins Wasser, um beinah zu ertrinken. Nach dem Unwetter-Intermezzo fordert Bushs stellvertretender Kommunikationschef den Admiral der U.S.S. Lincoln auf, das Schiff umzudrehen, damit bei der Landung des Präsidenten das offene Meer und nicht die Skyline von San Diego zu sehen ist.

Aber hat sich das wirklich so abgespielt? Anfang April ließ der Hollywood Reporter eine Fassung des Drehbuchs von vier Biografen des Präsidenten begutachten. Deren Urteil fiel zwiespältig aus: Szenen etwa, in denen Bush im Suff eine Bruchlandung mit einem Flugzeug hinlegt oder seiner Frau erzählt, er würde sich wünschen, sein Vater wäre nie Präsident geworden, stoßen auf Widerspruch. Allerdings – diese Skriptversion stammt vom Oktober 2007. Stone und sein Autor Stanley Weiser, die schon „Wall Street“ zusammen schrieben, veränderten danach noch einiges. Der Regisseur betont, dass er alle erdenklichen Bücher gelesen habe. Aber er weiß auch: „Niemand war in den Zimmern der Macht, als die Entscheidungen gefällt wurden. Das musst du eben nachempfinden.“ – Ein verstiegenes Verschwörungsszenario sollte kein Zuschauer erwarten. Stone verwehrt sich selbst gegen Theorien, Bush könnte die Marionette in den Händen cleverer Drahtzieher sein: „Er ist ein Mann, der sein Denken nicht verfeinert, der keine intellektuelle Neugier besitzt und daher ein schlichtes Weltbild hat. Wir behaupten, dass er von seinen Beratern noch mehr in die rechte Ecke geschoben wurde, aber Bush blieb nach wie vor der Entscheider.“

In der visuellen Umsetzung strebt er keinen hundertprozentigen Realismus an: „Es soll nicht genauso aussehen, aber sich so anfühlen.“ Das gilt insbesondere für Josh Brolins Bush-Porträt. Das Make-up ist zurückhaltend; die künstliche Nasenspitze ist das auffälligste Element. Die meiste Arbeit steckte er in Stimme: „Sie verändert sich über seine verschiedenen Lebensphasen. Anfänglich dachte ich, ich bekomme das nicht hin und werde den Film ruinieren, aber ich probte dann Tag für Tag, bis ich sie langsam fand.“ Zum Leidwesen von Brolins Frau, der Schauspielerin Diane Lane („Untreu“), die er damit in den „Wahnsinn“ trieb: „Bei unserem gestrigen Telefonat war sie aufgebracht, weil wir immer noch nicht fertig sind.“ Die Crew dagegen hat mit diesen stimmlichen Imitationen ihren Spaß. Unmittelbar vor Beginn der nächsten Szene, in der Bush eine Ansprache hält, flachst Brolin im präsidialen Tonfall ins Mikro: „Hey, sagt mir, dass danach ein paar Frauen auf mich warten. Das gibt dann eine schöne Orgie.“

Bush braucht freilich auch Muskeln. Brolin – ironischerweise im Bademantel gekleidet – demonstriert die typischen Bewegungen – die hängenden Arme, die Anspannung in den Schultern: „Wenn er kein Selbstbewusstsein besitzt, es aber ausstrahlen muss, dann überkompensiert er das mit seinem Brustkorb. Ich habe es in so vielen Videoaufzeichnungen gesehen.“

Aber ist das kontrovers? „Kontrovers ist die Person, nicht unser Film,“ meint der Darsteller. „Das strebe ich nicht an,“ so der Regisseur. „Ich möchte, dass man meine Filme mag und über sie diskutiert.“ Aber seine Geldgeber scheinen diese Debatten zu provozieren. Es gibt sogar Pläne, Fernsehspots zu „W“ parallel zu Werbeclips für McCains Kampagne zu schalten. Doch ob der Film tatsächlich vor den Wahlen fertig wird, ist nicht garantiert. „Ich versuche es,“ meint Stone. Wenn es so sein soll, dann fügt sich der Film bis dahin zusammen. Aber ich habe auch kein Problem damit, ihn im Dezember in die Kinos zu bringen.“

Große politische Debatten über „W“ finden bislang nicht statt. Wie problematisch dieser Film empfunden werden kann, zeigt sich eher in kleinen Momenten. So sollte „W“ das Filmfest in Rom eröffnen. Dann siegte der Berlusconi-Mann Giovanni Alemanno bei den Bürgermeisterwahlen, und die ihm genehme neue Festivalleitung zog die Einladung aufgrund einer Formalie zurück.

Dabei stellt sich die Frage, ob dieser Film überhaupt eine Auswirkung auf die US-Wahlen haben könnte. „Ich bin nicht so arrogant, das anzunehmen,“ so Brolin. Und doch hofft er, dass „W“ er die Zuschauer zum Nachdenken bringt: „Bush wurde gewählt, weil er den Typ verkörperte, mit dem man ein Bier trinken kann. Aber entdecken die Leute jetzt, dass das kein Kriterium sein kann, und interessieren sich für die wirklichen Themen.“

Für Oliver Stone reicht die Tragweite seines Films ohnehin viel weiter als Winter 2008: „Ihr Europäer glaubt alle, die Tage des Phänomens Bush sind gezählt. Aber dabei lügt ihr euch in die Tasche. Er hat die amerikanische und die internationale Politik vermutlich für immer verändert. Und er selbst ist noch jung, er wird die nächsten zehn, fünfzehn Jahre herumziehen und Werbung für seine Politik machen. Er hält sie ja immer noch für richtig. Die Geschichte geht weiter. “

Die Geschichte der beiden Männer kreuzte sich einmal beinah – Stone und Bush waren zeitgleich in Yale. „Allerdings kannte ich ihn nicht, er kam aus einer anderen sozialen Schicht.“ Strahlkräftigster Student der Eliteuniversität war damals John Kerry, Bushs gescheiterter Herausforderer im Jahr 2004. „Er war so schändlich, wie damals der primitivere den feineren Intellekt besiegte.“ Jetzt ist es an Stone, dieses Duell zu führen – mit den Waffen des Filmemachers. Doch wenn die die Auswirkungen der Bush-Politik präsent bleiben, hat der Regisseur die Kraft, weiter Widerstand zu leisten? Auf dem Weg vom Wohnwagen zum Schneideraum dreht er sich noch einmal um, ein freches Funkeln in den Augen: „Ich drehe Filme, bis ich abkratze.“

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