Mief la France!
Die Guillotine ist tot, es lebe Sarkozy! Der französische Präsident lässt Köpfe kritischer Journalisten rollen, wie es ihm gefällt - und fast alle schauen zu
So einen prächtigen Kotau hatte die Republik lange nicht erlebt.Pünktlich zum Nationalfeiertag am 14. Juli zeigte Paris Match, das Zentralorgan des gehobenen Klatsches, nicht nur ein strahlendes Präsidentenpaar auf dem Titel, sondern spendierte Nicolas Sarkozy und Carla Bruni eine auf 25 Seiten angeschwollene Eloge im Inneren des Blattes, die den Präsidenten als unermüdlichen Weltenretter feierte. Wer an eine vom Élysée-Palast in Auftrag gegebene Werbebroschüre dachte, lag nicht ganz falsch. Denn Paris Match-Besitzer Arnaud Lagardère von der Hachette-Gruppe zählt zu den Medienunternehmern, die zum engen Freundeskreis des Präsidenten gehören, ihn vor kritischer Berichterstattung schützen.
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Gerade Lagardère, so die Auffassung des Präsidenten, hatte einiges wiedergutzumachen.
War es doch im August 2005 Paris Match, das die damalige Sarkozy-Gattin Cécilia mit ihrer Affäre (und heutigem Mann) Richard Attias auf dem Titel zeigte: turtelnd in New York.
Der damalige Chefredakteur, Alain Genestar, der Sarkozy bereits bei anderen Gelegenheiten als „unbeherrschten und vulgären Besserwisser“ erlebt hatte, „ein schlecht erzogenes, tobendes Kind, sobald es nicht seinen Willen bekommt“, erfuhr die geballte Wut des düpierten Ehemanns.
In seinem Buch „Expulsion“ (etwa: Rausschmiss) schildert Genestar jetzt minutiös die Konfrontation.
Sarkozy brüllte ihn, der mit der Veröffentlichung der Bilder der Sunday Times knapp zuvorkam („Sonst hätte man mich gegrillt“), einige Tage später am Telefon an und bedrohte den Journalisten.
Im September brüstete sich Sarkozy vor anderen Journalisten bereits, „diese Sache mit Genestar“ sei rasch „erledigt“, er habe „seinen Kopf bekommen“.
Im Dezember 2005, bei einem von Genestar erbetenen Treffen unter vier Augen, als der Chefredakteur noch an eine Rückkehr zu normalen Beziehungen glaubte, beschimpfte Sarkozy den „Gegner“ erneut als Teil eines Komplotts, das er mit anderen „armen Idioten“ geschmiedet habe.
Im Juni 2006 schließlich flog Genestar raus – nur eine einzige Zeitung griff die offensichtliche Rolle Sarkozys bei dieser Entlassung kommentierend auf.
Dass Lagardère so lange gebraucht hatte, um Genestar, der sich jeder freundlichen Abschiebung widersetzte, endlich loszuwerden, ließ ihn in der Rangliste der Sarkozy-Günstlinge zurückfallen.
Wer von den Pressezaren zulässt, dass wenig wohlwollend über den Polit-Rabauken geschrieben wird, gilt vorläufig als „Verräter“. Dabei ist der freundschaftliche Druck oft stärker als der politische oder ökonomische – die Selbstzensur pflanzt sich nach unten durch, bis in die letzte Redaktionsstube.
Der Fall Genestar dient als warnendes Exempel: So kann es dir ergehen, wenn du nicht spurst. Sarkozy vergisst nicht – und ist lange beleidigt: Als Einziger aus der Tycoon-Runde wird La gardère, dem rund 50 Magazine und zwei Radiosender unterstehen, nach dem Sieg bei der Präsidentschaftswahl am 6.
Mai 2007 nicht zum Abendessen ins Fouquet’s geladen.
Das zeigt Wirkung: Seitdem liefern seine Blätter, Paris Match an vorderster PR-Front, reine Hofberichterstattung.
Peinlich wurde alles Bemühen, als man die präsidialen Speckröllchen auf einem Urlaubsfoto wegretuschierte – die digitale Schönheitsoperation flog auf und sorgte für anhaltenden Spott.
Zu den Gästen des von Cécilia arrangierten Diners zählten indes jene Herren, die Nicolas Sarkozy zum Großteil schon seit den 80er-Jahren kennt, als er junger Bürgermeister des Nobelvororts Neuilly war.
Der Industrielle Martin Bouygues, heute unter anderem Herrscher über den größten TV-Sender TF1, 1996 Trauzeuge bei der Hochzeit mit Cécilia und Pate eines Sarkozy-Sohnes, wohnte damals in Neuilly und fand Gefallen am forschen Aufsteiger.
Der andere Trauzeuge war Bernard Arnault, der reichste Mann Frankreichs, dem nicht bloß der Luxusgüterkonzern LVMH untersteht, sondern auch wichtige Wirtschaftsmagazine.
Auch Serge Dassault, Besitzer eines Rüstungs- und Luftfahrtkonzerns, nebenbei Eigner von Le Figaro und L’Express, gehört zu den amis de Nicolas, seitdem ihn Sarkozy als Anwalt vertrat; dazu kommt Vincent Bolloré, der Gratisblätter herausgibt und den TV-Sender Direct 8 besitzt.
Der gefürchtete Investor geriet noch kurz vor Sarkozys Amtsantritt als Präsident in die Schlagzeilen, denn den dreitägigen Urlaub nach der Wahl verbrachte Sarkozy als Bollorés Gast auf dessen Jacht „Paloma“ vor Malta.
