Barack + Michelle Obama

Auch Barack Obama war mal Praktikant, nicht im Weißen Haus, sondern bei seiner heutigen Frau Michelle. Dass sie ihm alles beibrachte, was ihn heute auszeichnet, wäre übertrieben. Aber nur ein bisschen

 

Es sind nur ein paar Zentimeter. Aber klar ist sie es, die vor ihm auf die Bühne geht, am Abend seines großen Triumphs in St. Paul, Minnesota – nachdem im Minutentakt Delegierte zu ihm übergelaufen waren und er nun, am Ende dieses zermürbenden Wahlkampfs, sagen kann, er sei der designierte Kandidat seiner Partei. Sie zieht ihn hinter sich her – und dann folgt eine Geste, die tagelang die Kommentatoren beschäftigen wird: Sie stößt mit der Faust gegen seine Faust, schaut ihm tief in die Augen, hält den Daumen hoch. Bald darauf diskutieren Experten auf allen Kanälen. Der Skandalsender Fox hält die Gebärde, bekannt von jedem Sportplatz, gar für einen "terroristischen Fauststoß".

Obama sagt später, so Sachen mache seine Frau halt, und dafür liebe er sie. "Sie traut sich was und findet, ich bin trotz allen Tamtams immer noch in erster Linie ihr Ehemann."

Hier im Stadion interessiert sich für die Faust im Moment niemand, hier steht nun Barack Obama am Podium und reißt die Menge von den Sitzen, spricht von Roosevelt, Truman, Kennedy, von Aufbruch und Hoffnung und einem neuen Kapitel. "America", ruft er, "this is our moment, this is our time", und von den Rängen schallt es tausendfach zurück: "Yes, we can." Reporter brüllen in ihre Telefone, so fühle sich Geschichte an. Auf der Bühne stehen die Obamas, flüstern einander ins Ohr, lachen, winken. Dann verschwinden sie durch den Hinterausgang. Wären sie Rockstars, kämen sie gleich wieder, so aber steigen sie ins Flugzeug, früh um acht muss der Kandidat in Washington sein – jetzt geht es richtig los.



Lasst mich nur erzählen, wie crazy er ist  



Sein Zwischensieg ist auch ihrer. Zu Beginn der Kampagne blieb Michelle Obama im Hintergrund, mit der Zeit wurde sie immer öffentlicher. Denn seine Strategen erkannten schnell, sie kommt an mit ihrer schnörkellosen Art, sie redet über das, was die Zuhörer bewegt: drückende Darlehen, kranke Kinder, für die man keinen Babysitter findet, Politik, an die man den Glauben verloren hat. Wo er nach den Sternen greift, bleibt sie konkret, er spricht die Hoffnung der Zuhörer an, sie die Wut.

Im Obama-Team nennen sie Michelle "The Closer", weil oft genug sie es war, die ihm am Ende die Stimmen sicherte. Sie hat für ihren Mann geworben im ganzen Land, an der Seite von Oprah Winfrey und Caroline Kennedy, vor Frauen, vor Soldaten und Studenten, sie kann sich gut auf ein Publikum einstellen. In einem Alten heim in Ohio erzählt sie von ihrer 70-jährigen Mutter, die sich um die Töchter der Obamas kümmert, ohne deren Hilfe es nicht ginge. Ein paar Tage später flirtet sie mit Manhattans Mode-Elite, in einer weißen Galerie mit weißen Möbeln. Wer hier steht, hat mindestens 1000 Dollar bezahlt, für 10 000 Dollar darf man danach auch zum Abendessen bei Calvin Klein. Anna Wintour ist da, die Chefredakteurin der Vogue, die Mrs Obama im April-Heft als It-Girl präsentierte, auch Modechef André Leon Talley; er führt Michelle stolz herum, sie kennen sich schon aus Iowa; er sagt, wie "absolutely phantastic" sie sei. Iman, das ehemalige Supermodel, kommt für eine Umarmung vorbei.

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Michelle Obama bewegt sich entspannt zwischen den schönen Menschen, sie selbst sieht großartig aus mit ihren langen, sehnigen Armen und dem durchtrainierten Körper, den sie jeden Morgen um 4.30 Uhr auf dem Laufband bearbeitet. Sie stellt sich aufs Podium, ohne Manuskript, sie braucht die Hände zum Gestikulieren. Früher hat sie ungern öffentlich gesprochen, inzwischen fällt es ihr leicht. Wie so oft beginnt sie mit einem Witz über ihren Mann. "Lasst mich nur erzählen, wie crazy er ist": Ob sie nicht mal einen ungestörten Tag in New York verbringen wollten, habe er sie vor der Abfahrt gefragt. Wie denn das, hätten die Kinder gemeint, was, wenn jemand ihn erkenne? Dann würde er sich einen Bart ankleben. Aber was sei mit den Ohren?

Der Spott über ihren Mann gehört zu Michelles Repertoire, erst recht, wenn sie vor Frauen spricht. Zu Beginn des Wahlkampfs ließ sie nichts aus: dass er schnarcht, morgens aus dem Mund riecht, Socken rumliegen lässt, die Butter nicht in den Kühlschrank stellt, das Brot vertrocknen lässt. Er sei zwar ein sehr talentierter Mann – „aber eben doch nur ein Mann“.

Nie zuvor hat eine mögliche First Lady sich oder ihren Mann so den Wählern präsentiert. Aber es hat auch noch nie eine so echt gewirkt, so unzensiert, so glaubwürdig. Michelle Obama polarisiert bereits jetzt. Die Ehefrau des Versöhners Barack hat viele Fans und viele Feinde, die einen sehen sie als schwarze Hexe, die anderen als neue Jackie O. Sie unterscheidet sich nicht nur durch ihre Hautfarbe von ihren Vorgängerinnen und weil sie jünger ist als die meisten. Sondern weil sie forsch ist wie bisher keine und doch nicht recht in eine Schublade passt. Weil sie Perlenketten trägt und Bügelfalte, Disziplin und Fleiß predigt – aber fröhlich erzählt, dass sie kaum kochen kann. Im Weißen Haus ginge es ihr vor allem darum, hat sie immer gesagt, ihren Töchtern eine möglichst normale Kindheit zu ermöglichen. Auftritte im Wahlkampf sind so organisiert, dass sie abends zurück ist, um den Mädchen „Harry Potter“ vorzulesen. Außereheliche Eskapaden, Zirkus wie bei den Clintons, all so was ist nicht zu erwarten, auch eine Co-Präsidentschaft nicht. Über den Vorwurf, sie mache den Kandidaten mit ihren Geschichten zum Pantoffelhelden, lachten beide, sagt sie: „Glaubt wirklich einer, man könne Barack Obama entmannen?“

Und weil sie so stolz ist auf ihn, erzählt sie gern, wie sie ihn erst nicht wollte. Im Juni 1988 wurde er ihr in der Anwaltskanzlei, in der sie arbeitete, als Praktikant zur Seite gestellt, er studierte in Harvard, wo auch sie gerade ihren Abschluss gemacht hatte. Süß sei er, ein echter hotshot, hätten die Sekretärinnen gesagt. Fand sie nicht, entschied sie nach Durchsicht der Bewerbung. Zu große Nase. Und so ein komischer Name. Die prägenden Jahre in Hawaii verbracht, auch komisch. Er war drei Jahre älter als sie, hatte aber, anders als sie, nach dem College nicht gleich mit Jura weitergemacht, sondern als Community Organizer gearbeitet, auch damit konnte sie nichts anfangen. Als er dann vor ihr stand, fand sie ihn schon weniger komisch.

Er war von ihr sofort hingerissen. Mit ihren 1,80 Metern war sie fast so groß wie er, sie hatte runde dunkle Augen und lachte schnell. Und da war noch etwas: „Ein Flimmern in ihrem Blick, wann immer ich sie ansah; als wüsste sie im Innern genau, wie zerbrechlich alles ist, dass all ihre Pläne sich auflösen könnten, wenn sie auch nur einen Moment schwach wäre. Diese verletzliche Seite berührte mich, die wollte ich kennenlernen.“

Er warb hartnäckig um sie. Nein, blockte Michelle ab, sie sei seine Vorgesetzte. Und sie beide die einzigen Schwarzen in der Firma – sie fand, auch das wäre ein bisschen billig. Er kriegte sie dann doch rum, auf die gleiche Weise, wie er später sein Land verführte: mit Redekunst. Eines Abends nahm er sie mit zu einer Bürgerversammlung in der Gegend, in der sie aufgewachsen ist. Im Keller einer Kirche hat er gesprochen: darüber, wie die Welt ist – und wie sie sein sollte. „Amen“, riefen die Leute, „halle luja!“, und sie dachte nur: „Wow, der Typ ist wirklich anders.“ Nach einem Picknick der Kanzlei fuhr sie ihn nach Hause, in die kleine Wohnung, die er während des Sommers bewohnte. Gegenüber war ein Baskin-Robbins, er hat sie auf ein Eis eingeladen – auf dem Bordstein sitzend haben sie sich zum ersten Mal geküsst.

Das weiß man, weil Barack Obama, durchaus selbstbewusst, schon mit Mit te 30 seine Biografie vorgelegt hat, „Ein ameri kanischer Traum“. Laut einer zweiten Ver sion der Ereignisse, später von ihr verbreitet, kamen sie sich im Kino näher. Bei Spike Lees Film „Do the Right Thing“, ausgerechnet. Da habe er ihr die Hand aufs Knie gelegt. Wie auch immer, als Obama im Herbst abreiste, um sein Studium fortzuführen, waren er und Miss Robinson ein Paar.

Noch zu Sommerbeginn hatte Michelle ihrer Mutter gesagt, sie habe keine Zeit für Ablenkungen, schon gar nicht für Männer. Sie war auf Urheberrecht und Marketing spezialisiert, bald würde sie deshalb wohl nach Los Angeles oder New York ziehen, hatte sie Obama am Tag verkündet, als sie sich kennenlernten. Michelle Obama lebte immer schon nach Plan. Und sie ist stur. Als Kind aß sie drei Jahre lang nichts als Erdnussbutter und Marmelade. Boyfriends hatte es bisher nur wenige gegeben, und wenn, musterte sie sie schnell aus, keiner genügte ihrem Anspruch. Bis Barack kam. Für ihn hatte sie noch eine Prüfung – Craig, ihr älterer Bruder, sollte mit ihm Basketball spielen. Der hatte immer gesagt, erst auf dem Spielfeld zeige sich der Charakter. Obama bestand den Test.

Sidley Austin, jene Kanzlei, in der Michelle und Barack sich getroffen hatten, ist eine der Top-Sozietäten der USA. Mit einem protzigen Hauptsitz in Downtown Chicago, selbst die Sitzbänke vor dem gläsernen Wolkenkratzer sind aus schwarzem Marmor. Bei Sidley war Michelle Obama gleich nach ihrem Harvard-Abschluss eingestiegen, als Nächstes würde sie Partnerin werden. Dann starb ihr Vater – und sie saß eines Tages da, schaute aus ihrem Büro im 47. Stock auf all die anderen Kanzleien und Banken und entschied: Das kann es nicht gewesen sein – sie wollte den Menschen ihrer Stadt wieder näher sein.

Sie sprach mit Barack darüber, mittlerweile ihr Verlobter. Er ermutigte sie, die finanzielle Einbuße würden sie schon verwinden können. Auch er entschied sich gegen ein attraktives Angebot von Sidley Austin und ging nach Studienende zu einer Kleinkanzlei, die auf Bürgerrechte spezialisiert war. Michelle wechselte ins Team des Bürgermeisters von Chicago.

Barack und sie heirateten im Oktober 1992; sie zogen in eine Wohnung mit Blick auf den Lake Michigan, 20 Straßenblocks und eine Ewigkeit von jenem Teil der South side Chicagos entfernt, in dem Michelle Obama, geborene Robinson, aufgewachsen ist. Es ist einer der Orte, wo Ame rika hässlich ist. Mit verbarrikadierten Häusern, ausgebrannten Sofas auf der Straße und überall Menschen, die herumsitzen und die Zeit totschlagen.

Vor der Grundschule, auf die sie ging, einem Backsteinkasten mit einem Hof voller Schlaglöcher, warnen Schilder, wer nach 21.30 Uhr das Gelände betrete, werde verhaftet. Drogen- und Waffenbesitz werde geahndet, Gang-Aktivitäten auch. Michelle hat hier die zweite Klasse übersprungen, genauso wie ihr Bruder Craig, dem sie später nach Princeton folgte. Die Familie lebte vom Gehalt des Vaters, der einen Job als Schichtarbeiter bei den Wasserwerken hatte. Frasier Robinson war mit 30 Jahren an Multipler Sklerose erkrankt – er schleppte sich auf zwei Stöcke gestützt zur Arbeit. Er klagte nicht und erwartete von seinen Kindern, dass auch sie immer alles gaben. Michelle rief er „Miche“, Familie und Freunde nennen sie heute noch so.

Die Robinsons waren nicht bettelarm – aber sie mussten jeden Cent umdrehen. Trotzdem war der Tisch immer gedeckt, das Haus voll mit Tanten und Onkeln, Cousins und Cousinen. Auf Barack Obama machte die Begegnung mit seiner zukünftigen Schwiegerfamilie tiefen Eindruck – es hat mit seinem eigenen Lebensweg zu tun, der so kompliziert ist, dass viele Amerikaner bis heute nicht genau verstanden haben, wo ihr Kandidat nun eigentlich herkommt.

Baracks Vater, ein Austauschstudent aus Kenia, und seine Mutter, ein Mädchen aus Kansas, trafen sich auf Hawaii, bei ei nem Russischkurs an der Universität in Honolulu. Wenige Jahre nach Baracks Geburt verschwand der Vater nach Afrika, er sah ihn vor seinem Tod nur noch ein einziges Mal. Die Mutter fand bald einen neuen Mann in Indonesien, Barack wuchs abwechselnd dort und in Hawaii auf, bei den Großeltern. Wurzellos, immer auf der Suche. „Fast wie eine Waise“, hat er mal gesagt. Die Robinsons gaben ihm ein Zuhause.

Michelles Mutter Marian lebt noch in der alten Straße, hinter heruntergelas senen Jalousien, das Haus vis-à-vis ist mit Brettern vernagelt. Oft haben die Obamas gefragt, ob sie nicht umziehen wolle, schließlich haben sie Geld, seit Barack vor drei Jahren seinen Bestseller „Hoffnung wagen“ geschrieben hat. Aber nein, die Mutter wollte bleiben, wo sie immer gelebt hat. Im Bungalow einer Verwandten, in dem sie früher nur die obere Etage hatten, die Kinder schliefen im Wohnzimmer hinter einem Vorhang. Die Nachbarn beschützen sie. Michelle sei immer freundlich gewesen, schon als Kind, in letzter Zeit habe man sie nur selten gesehen, mehr ist hier niemandem zu entlocken.

Von 1993 bis 1996 hat Michelle Obama das Chicagoer Büro von Public Allies aufgebaut – einer Organisation, die landesweit junge Führungskräfte für gemeinnützige Arbeit rekrutiert. Sie prahlt nicht damit – aber sie hat alles gesehen in diesen Jahren, wagte sich in berüchtigte Siedlungen wie Cabrini-Green oder die Robert Taylor Homes, in denen jeweils mehr als 15 000 Wohlfahrtsempfänger lebten. Beide Projekte so verrufen, dass die Polizei sich nicht mehr hintraute, es wurde gemordet und vergewaltigt, Müll türmte sich meterhoch. Die Häuser sind heute weitgehend abgerissen. Einer ihrer Mitarbeiter von damals, Jose A. Rico, erzählt, wie im nächsten Block Schüsse fielen, als sie mal unterwegs waren, um einen Spielplatz von Unrat zu säubern. Michelle Obama habe ganz ruhig angeordnet, zusammenzupacken. Beim Bewerbungsgespräch hatte sie ihn gefragt, was er in seinem Leben machen wolle. Eine Schule für Einwanderer aufmachen. Gut, sagte sie, aber was er denn konkret dafür plane? Vor einigen Jahren wurde die Multicultural Arts High School eröffnet, die er mitbegründet hat, Jose A. Rico ist ihr Direktor.

Auch ein anderer Kollege aus jener Zeit, Paul Schmitz, heute der CEO der Organisation, hat nur Lob für Michelle Obama. Public Allies sei damals so etwas wie ein Start-up gewesen, sagt er. Sie sei die Älteste und Erfahrenste gewesen, diejenige, die Dinge zu Ende dachte. Die immer nach Lösungen suchte, im Umgang direkt, aber warm, man wusste, wo sie stand. Egal ob es um Finanzierung ging, um Probleme mit Mitarbeitern, den Kontakt mit Philanthropen, die Arbeit mit Gettokindern. Sie habe damit begonnen, Mitarbeiter nicht nur aus den Top-Unis abzuwerben, sondern in den Problemvierteln direkt zu suchen, an Türen zu klopfen. So halte man es bei Public Allies bis heute.

„Wirklich, sie ist die brillanteste, einfühlsamste und authentischste Person, mit der ich je gearbeitet habe“, sagt Schmitz. Bis heute habe in der Organisation keiner mehr Spenden gesammelt als Michelle Obama. Als sie Public Allies verließ, sei sie sofort ins Board of Directors gebeten worden, das sei nie wieder bei jemandem vorgekommen. Sie wechselte an die Universität von Chicago, heute hat sie einen Spitzenposten in der Krankenhausverwaltung, mit einem Jahresgehalt von fast 300 000 Dollar. Seit sie für ihren Mann Wahlkampf macht, ist sie beurlaubt.

Es gab eine Zeit, da glaubte Michelle Obama, „kulturelle und soziale Strukturen der Weißen“ würden ihr nie erlauben, weiter vorzudringen als „an die Peripherie der Gesellschaft“. Mitte der 80er-Jahre war das, am Ende von vier Jahren Princeton, einer der konservativsten unter den „Ivy League“-Universitäten. Im Vorwort zu ihrer Abschlussarbeit schrieb sie damals, hier, in der privilegierten Enklave, sei sie sich ihrer Hautfarbe bewusster geworden als je zuvor: „Egal wie liberal und offen meine weißen Professoren und Mitstudenten versuchen, sich mir gegenüber zu verhalten, fühle ich mich doch oft als Besucherin auf dem Campus. Als ob ich immer zuerst eine Schwarze sein werde und erst an zweiter Stelle Studentin.“

Michelle, die zunächst Soziologie studierte, war eine von 94 Afroamerikanern in einer Klasse von mehr als 1 100 Studenten – sie hatte im ersten Semester eine weiße Mitbewohnerin, die vor Kurzem einräumte, ihre Mutter habe bei der Universitätsleitung angerufen und durchgesetzt, dass sie ein anderes Zimmer bekam. Michelle Obama hat darüber nie gesprochen, sie sagt, sie erinnere sich kaum mehr. Sie umgab sich mit Freunden ihres Bruders und anderen Schwarzen. Sie haben oft darüber geredet, dass die Weißen sie nicht grüßen, erzählt eine enge Freundin von damals.

Das Team Obama hatte Michelles Abschlussarbeit mit dem Rassismusvorwurf eigentlich bis zur Wahl im November unter Verschluss halten wollen, gab aber dem Druck der Medien nach und veröffentlichte sie im Internet. Die politischen Gegner werden sie in den kommenden Monaten ausweiden, so wie die Frage der Hautfarbe ohnehin viel stärker thematisiert werden wird als bisher. Noch sind die USA längst nicht das Amerika, von dem Martin Luther King geträumt hat. Barack wird in den Medien als „exotisch“ bezeichnet, der New Yorker schreibt, wenn Michelle lächle, habe sie Wangen wie ein Eichhörnchen. Larry King hat Michelle mal gefragt, ob sie um das Leben ihres Mannes fürchte. Sie gab brüsk zurück, daran denke sie nicht, als schwarzer Mann könne er auch erschossen werden, wenn er nur zum Tanken fahre. Dabei hat sie mehrfach gesagt, wie sehr die Frage der Sicherheit sie umtreibt. Sie erlaubt sich die Angst nur nicht.

Seiner Kandidatur stimmte sie erst nach sehr langem Zögern zu. Vorher hat sie ihn gegrillt: Woher käme das Geld, hätten sie wirklich eine Chance gegen die Clintons? Wie sähe das Familienleben aus? Für Elternabende und Ballettaufführungen habe er da zu sein, egal wie. Eins sagte sie gleich: Es werde keinen zweiten Versuch geben, falls es nicht klappe. Außerdem: Er müsse endlich mit dem Rauchen aufhören, Zigaretten und Präsidentsein, das ginge nicht. Seitdem kaut er Nikotingum.

Sie sei tougher als er, sagt Barack. Intelligenter auch. Besser aussehend sowieso. Würde sie gegen ihn kandidieren, er hätte keine Chance – zu seinem Glück wolle sie nicht in die Politik. Solche Sätze zeugen von viel Selbstvertrauen – die Frage ist, ob die Wähler sie einem möglichen Commander in Chief durchgehen lassen. Einmal haben sich die beiden vor laufenden Kameras Blut abnehmen lassen für einen Aidstest. Er zuckte zusammen, als die Nadel piekste, sie verzog keine Miene.

„Er ist einer der wenigen Männer, die ich kenne, die vor starken Frauen keine Angst haben“, sagt Michelle. „Er mag es, dass ich nicht einfach von ihm beeindruckt bin.“ 2004, kurz vor seiner Rede, durch die ihn die Welt kennenlernte, beim Nominierungsparteitag für John Kerry, flüsterte sie ihm auf dem Weg zur Bühne zu: „Versieb es nicht, Buddy!“ Als er wenig später in den amerikanischen Senat einzog, sagte sie einem der vielen Reporter: „Ich hof fe, er tut irgendwann etwas, was diesen ganzen Ansturm hier rechtfertigt.“

Die beiden komplementieren einander. Er ist der Träumer, der zum Pathos neigt, sie die Geerdete, die dafür sorgt, dass er nicht abhebt. Die ihn im Büro anruft und ihn, wenn er erzählt, was er politisch wieder alles erreicht hat, unterbricht und sagt, er solle Zeug gegen Ameisen mitbringen. Er bezeichnet sie als seinen Felsen. Und sagt, sie sei der Mensch, den er als Erstes und als Letztes konsultiere, bei allem, was er tut. „Sie ist klug. Und sie sagt mir Dinge, die sich andere vielleicht nicht trauen würden.“ Sie sei der ehrlichste Mensch, den er kenne.

Es gab auch Schwierigkeiten, beide haben darüber gesprochen. Ende der 90er- Jahre, nachdem er es ins Landesparlament von Illinois geschafft hatte, kurz nach der Geburt der ersten Tochter, war er wenig zu Hause. Kam er dann, fand er lange Listen von ihr vor, die ihn an seine häuslichen Pflichten erinnerten. „Du denkst nur an dich!“, schrie Michelle. „Ich hätte nie gedacht, dass ich die Kinder mal allein aufziehen müsste.“ Heute sagt er, es sei ihr zu verdanken, dass sie diese Zeit überstanden haben; er denkt mittlerweile daran, auch mal die Spülmaschine einzuräumen.

Michelle hat ihm und den Töchtern Laptops mit Digicam gekauft – so können sie sich vor dem Zubettgehen sehen, egal wo er ist. Als er 2004 sein Senatsbüro in Washington bezog, entschied sie, mit den Kindern in Chicago zu bleiben. Malia und Sasha gehen auf eine Grundschule, die der Universität angegliedert ist und als eine der besten der USA gilt, im Elternverzeichnis steht vor jedem zweiten Namen ein Doktortitel. Michelle Obama hat ihre Telefonnummer dort eingetragen, genau wie alle übrigen Eltern.

Das Haus, in dem die Obamas seit drei Jahren leben, sieht aus wie die andern in der Greenwood Avenue von Chicago, wohlhabend, aber nicht protzig, die Nachbarn sind Professoren, Ärzte und Anwälte, die meisten Afroamerikaner. Das Einzige, was bei den Obamas anders ist, sind die Wagen des Secret Service, die Tag und Nacht vor der Tür stehen. Das Haus ist nur ein paar Straßen entfernt von der Eisdiele, vor der alles angefangen haben soll. Um die Ecke vom Schuster, von ihrem Spielplatz, von der Kooperative, in der sie ihre Bücher kaufen, vom Friseur, bei dem sich Obama seit bald 20 Jahren die Haare schneiden lässt. Hyde Park, Chicago, ist wie eine Kleinstadt mitten in der City, ein Univiertel, in dem man sich per Fahrrad bewegt oder im verbeulten Auto, irgendeine Kundgebung oder Lesung gibt’s immer. Ein paar Hundert Meter von den Obamas entfernt hat Jesse Jackson sein Büro, der Bürgerrechtsveteran, der schon vor Jahrzehnten hoffte, erster schwarzer Präsident zu werden. Seine Tochter ist seit Kindertagen mit Michelle befreundet. Er hat sich im letzten Frühjahr als einer der Ersten hinter Obamas Kandidatur gestellt, obwohl er seit Jahren zum Freundeskreis der Clintons gehört. Man ist stolz hier auf Michelle und Barack. Als die Kampagne begann, druckte die Stadtteilzeitung eine Sonderausgabe: „Viel Glück, Nachbar!“

Die Republikaner haben natürlich längst mit dem Versuch begonnen, Michelle Obama zu demontieren. Raunen von einem Tape, das es angeblich gibt, auf dem sie von „Whiteys“ spricht – das Schimpfwort schwarzer Amerikaner für Weiße. Obama sagt, seine Frau zu attackieren sei abscheulich, er hat eine eigene Website geschaltet, um direkt auf Verunglimpfungen zu antworten. Lüge, steht da, es gebe kein Tape. Republikaner schmähen Michelle Obama als unpatriotisch, spätestens seit sie im Februar den Satz gesagt hat, Baracks Erfolg mache sie zum ersten Mal in ihrem Erwachsenenleben wirklich stolz auf ihr Land. Die barbieblonde Cindy McCain, die mal Rodeoqueen war und sich meist darauf beschränkt, neben ihrem Gatten zu lächeln, nutzte die Gelegenheit und teilte mit, sie sei „sehr stolz“ auf ihr Land.

Rechte Kommentatoren zeichnen Michelle Obama als schwarze Radikale, einer nannte sie Baracks „bittere Hälfte“, das National Review widmete ihr eine Covergeschichte mit der Schlagzeile „Mrs Grievance“, etwa: das Klageweib. Und ja, sie kann bitter wirken, streng, skeptisch, fordernd – anlegen möchte man sich mit ihr nicht. Das Bild, das sie vom heutigen Amerika zeichnet, ist kein schönes. Wenn sie sich in Rage redet, staucht sie ihre Landsleute zusammen, sie seien zynisch geworden und gemein, faul und selbstgefällig. „Wenn es hier einen gibt, der sagen kann, sein Leben sei in den letzten 40 Jahren mal leicht gewesen, würde ich ihn gern treffen.“

Manche dieser Auftritte finden sich als Video im Internet – Steilvorlagen für die Gegner. Im letzten Sommer etwa, in Iowa, begründet sie, warum sie der Kandidatur zustimmte; mit aufgerissenen Augen, gerunzelter Stirn und dem Einsatz beider Arme: „Weil ich es satt habe, Angst zu haben. In einem Land zu leben, das von Angst regiert wird.“ Sie ballt die Faust. „Denkt nach! Hört zu! Das Spiel der Politik funktioniert doch so, Angst zu schüren, damit ihr nicht mehr nachdenkt.“ Stößt mit dem Zeigefinger in den Saal: „Wir brauchen einen Mann wie Barack Obama.“

Manchmal, wenn Michelle redet, spricht sie auch nebulös von „denen“, die die Latte immer etwas höher hängen für Leute wie Barack, und man fragt sich, wen sie wohl meint. Sehr weit ist der Weg von hier nicht mehr zum wütenden Reverend Wright und dessen Tiraden gegen das weiße Amerika, die zur bisher größten Krise im Obama-Camp geführt haben – nur sehr zögernd beugte sich Barack dem Druck der Medien und brach mit seinem Pastor. 20 Jahre lang waren die Obamas jede Woche zu ihm gefahren, er hat sie 1992 getraut, hat beide Kinder getauft.

Obamas Strategen haben erkannt, dass auch Michelle ein Problem werden könnte. Seit einigen Wochen nun bemühen sie sich, die mögliche First Lady zu repositionieren, sie weicher zu zeigen – man weiß spätestens seit Teresa Heinz Kerry (die einen Reporter wissen ließ, er solle sich seine Frage „in den Hintern stecken“), wie sehr die große Klappe der Ehefrau einem Kandidaten schaden kann. Und so begibt sich Michelle Mitte Juni in die Frauen- Talkshow „The View“. Im schwarz-weißen Cocktailkleid, das nicht nur politisch perfekt gewählt ist, sondern auch toll aussieht und drei Tage später landesweit ausverkauft ist. Kaum ist der Applaus abgeklungen, sagt Michelle Obama mit entwaffnendem Lächeln: „Moment, ich muss doch anständig begrüßt werden: fist bump, please!“ Treffer, Lacher, die Damen halten die Fäuste hin, nun sind sie alle Terroristen. Und sie erzählt gleich, sie sei gar nicht besonders hip, sie habe nur den jungen Mitarbeitern zugeschaut, das mache man jetzt so. Und dann sagt sie, wie viel sie von Laura Bush lernen könne, von deren ruhiger Herangehensweise. „Sie schüttet kein Benzin ins Feuer.“

Michelle Obama will gewinnen. Größer nämlich als ihre Skepsis vor Politik ist nur ihre Angst vor Niederlagen. Dort, wo sie herkommt, enden die meist richtig schlecht, dort sind zweite Chancen selten. Daher vielleicht auch die aggressive Dringlichkeit, mit der sie oft spricht. Aber sie hat verstanden – und bisher hat sie noch immer alles hinbekommen.____

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