Nastassja Kinski

Ihren letzten großen Filmerfolg feierte sie vor einem Vierteljahrhundert. Dennoch glaubt man, Nastassja Kinski, 47, sei nie weg gewesen. Auf einen Hummersalat mit dem Weltstar ohne Bühne

 

Vor drei Jahren hat sie gelernt, wie man ein Auto betankt. Deckel auf, Benzin rein, Deckel zu. „Ich hatte Angst davor, ich wurde ja sonst immer gefahren“, wispert sie mit dieser Mädchenstimme, die klingt, als würde eine Katze sich dehnen und gähnen und in die Sonne blinzeln. Heute früh, wispert sie weiter, als sie ihre Tochter in die Schule fuhr, da sei das Ding prompt „explodiert, plötzlich zischt es und Dampf kommt raus, und ich hab die Schule angerufen, dass wir zu spät kommen, und dann meinen Agenten, dass ich zu spät zum Interview komme, und dann den Automechaniker. Und wissen Sie was“, sagt sie und neigt den Kopf ein Ideechen zur Seite, macht schmale, sprühende Augen und lächelt verträumt.

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Wir sitzen im Restaurant des Hotel Bel-Air in Los Angeles, ein Kellner steht am Tisch und bewegt sich seit fünf Minuten nicht mehr, seit Nastassja Kinski zu einer länglichen Erklärung ausgeholt hat, wo sie die vergangenen anderthalb Stunden verbrachte (statt wie abgemacht hier), und dabei den Mann in Weiß sanft in ihr Wortgewebe hineingezogen hat. Der Kellner lauscht und starrt, und fast meint man, ein trockenes Schmatzen zu hören, als er die Zunge vom Gaumen löst und auf ihre rhetorische Frage gebannt „Was?“ zurückfragt.

Das Lächeln vertieft sich. „Der Mann vom Rettungsdienst hieß – Jesus!“ Sie schaut auf das Namensschildchen des Kellners. „Luis, er hieß Jesus! Ist das nicht ein Zeichen?“

Äh, wofür genau, will man fragen, aber Luis fühlt sich angesprochen, fühlt sich wie jeder Mann angesprochen von Nastassja Kinski, und lehnt sich über den Tisch. „Das müssen Sie annehmen“, raunt er und blickt tief in ihre graugrünen Augen. Annehmen? Was denn annehmen?, will man fragen, aber diese Konversation, diese kleine Begegnung hat längst ihre ganz eigene Dynamik entwickelt. Nastassja Kinski erwidert, immer noch katzenhaft lächelnd: „Danach ging es mir gleich besser.“ „Ihr Leben ist jetzt wieder in Ordnung?“, erkundigt sich Luis teilnahmsvoll, als wäre sie mit knapper Not einem kalifornischen Waldbrand entronnen. „Viel besser“, bestätigt sie. Noch ein Augenaufschlag. Und dann entlässt sie ihn behutsam aus ihrem Bann, man meint, wieder ein trockenes Schmatzen zu hören, als er sich vom Tisch löst, und wendet sich der Interviewerin zu. „Was möchten Sie von mir wissen?“

Ja, was will man wissen von Nastassja Kinski? Seit rund 35 Jahren wandelt sie – auf rätselhafte Weise stets präsent, unerklärlich unvergessen – durchs deutsche Gemüt, als Kindfrau, Weltstar, Männerfantasie; hat in Hunderten und Aberhunderten Gesprächen ihre Wünsche und Ängste offenbart, wurde von Time-Magazin und Norman Mailer und ihrer eigenen Mutter beschrieben und gedeutet; wurde mit der Monroe verglichen (der Sex-Appeal), mit Audrey Hepburn (die Exotik der europäischen Herkunft) und mit Romy Schneider (die Erotik einer verwundeten Seele).

Sie wurde „Satansweib“ genannt, da war sie gerade 15, später „Königin“, da hatte sie gar kein Reich. Ihr letzter als Sensation gefeierter Auftritt in einem Kinofilm, Wim Wenders’ Amerika-Elegie „Paris, Texas“, liegt fast ein Vierteljahrhundert zurück, aber Erfolge haben den Erfolg der Nastassja Kinski nie erklärt und Erklärungen ihr Geheimnis nie ergründet. „Ich nehme den Hummersalat“, wispert sie. Luis fliegt herbei. „Wollen Sie wissen, wie er zubereitet wird?“, fragt er begierig.

Auf keinen Fall, möchte man knurren, aber natürlich hat sie schon genickt und gelächelt, sie ist so verdammt nett, und Luis schmachtet los, von einem Bett von irgendetwas, auf dem zärtlich geköchelte Hummerteilchen sich darbieten, und eine Soße dazu, mit Käse, „mögen Sie Käse?“ – „Ich liebe Käse“, gibt sie sanft zurück, klingt selbst schon wie ein zerfließender Camembert. Luis strahlt, und sie fügt mit kleinem Seufzen hinzu: „Ich sollte ja vielleicht nicht.“

Selbst auf dem berühmtesten Foto, das von ihr existiert, machten Verehrer eine weiche Wölbung in der Bauchgegend aus: Sie liegt in Richard Avedons Porträt von 1981 nackt unter einer Schlange, die sich wie ein nicht enden wollender Männerarm um sie schmiegt. Ihre Schönheit galt damals als geradezu peinigend: die großen Augen, die hohen Wangenknochen, dieser Mund, reif und knospend zugleich, alles an ihr Verheißung, Versprechen, Lolita-Melodie. Nun ist sie 47. Der Mund immer noch voll und weich, um die Augen ein paar Fältchen.

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