Marius Müller-Westernhagen zum 60. Geburtstag

Reality-Check bei Marius Müller-Westernhagen! Anlässlich seines 60. Geburtstages am 6. Dezember lasen wir ihm den vollständigen Eintrag der Online- Enzyklopädie Wikipedia über ihn vor und fragten nach: Mythos oder Wahrheit? Ma’ ehrlich jetzt…

Nicht weit von der Außenalster steht seine Jugendstilvilla. Im Keller sein Büro, die Wände behangen mit goldenen Schallplatten, oben vor der Tür liegen zwei Paar Joggingschuhe, Marius Müller-Westernhagen und seine Frau Romney sind Läufer, und so sehen sie auch aus: kein Gramm zu viel, fast asketisch, sie größer als er. Der Flur ist duster, im Wohnzimmer stapeln sich Foto- und Kunstbücher. Es ist ruhig geworden um Westernhagen, der uns den Stilisten, Schnösel, Rockpopper, die Diva machte, der für die 90er-Jahre stand wie „Pulp Fiction“, der die Freiheit besang, die Dicken und Johnnie Walker. Er wird am 6. Dezember 60 Jahre alt und sagt, dass er die große Bühne verlassen habe, weil er es so wollte, nicht weil er musste.

Zu unseren Gesprächen empfängt der Hausherr am Holztisch in der Küche, vor dem offenen Fenster zum Garten. Es scheint, als freue es ihn, mal wieder der Befragte zu sein, auch wenn er in unsere Unterhaltung wiederholt einfließen lässt, dass er das Rampenlicht nicht vermisse. Vorsichtshalber trägt er trotzdem eine silberne Sonnenbrille, dazu ein dickes Chromarmband und eine abgewetzte Jeans. Sein Verhältnis zu Journalisten war nicht immer einfach, oft fühlte er sich missverstanden. Damit das bei uns nicht auch passiert, darf er zu seinem Geburtstag jetzt endlich sagen, wie er sich selbst sieht. Ich lese ihm vor, was Wikipedia über ihn schreibt, und er erzählt dann, wie die Dinge wirklich liefen. Und laufen.

Leben und Karriere: Familie

Wikipedia: Marius Müller-Westernhagen wurde 1948 in Düsseldorf geboren und wuchs im linksrheinischen Stadtteil Heerdt auf. Sein Vater starb bereits am 18. Dezember 1963 im Alter von 44 Jahren. Seine Mutter war die Angestellte Liselotte Müller-Westernhagen, die im Jahre 1999 verstarb. Zu ihr hatte Müller-Westernhagen nicht das beste Verhältnis.

Marius Müller-Westernhagen: Über meine Jugend zu sprechen fällt mir nicht leicht. Mein Vater war Schauspieler am Gründgens- Ensemble in Düsseldorf – ein Freigeist und Querdenker und dazu Rheinländer. Meine Mutter kam, wie sie immer betonte, aus einer Offiziersfamilie und wuchs in Potsdam auf. Gegensätzlicher ging es kaum. Mein Vater hatte im Krieg als junger Mann schwere Verwundungen erlitten und seine Kraft gelassen. So habe ich nie eine starke Vaterfigur erlebt, sondern meist einen Menschen, der unter Depressionen litt, oft wochenlang nicht aus dem Schlafzimmer kam. Nach dem Tod meines Vaters war ich mit 15 Jahren viel zu früh gezwungen, erwachsen zu werden. Meine Mutter hingegen versuchte mit allen Mitteln, mich nicht erwachsen werden zu lassen, und vermittelte mir das Gefühl, dass ich ohne sie verloren wäre. Aber wie alle Halbstarken wollte ich mir nichts vorschreiben lassen. Ich bin mal sehr kritisiert worden, weil ich bei „Beckmann“ gesagt habe, dass ich meine Mutter zeitweise fast gehasst habe. Aber ich glaube, dass das für einen Heranwachsenden bei diesem schwierigen Loslösungsprozess völlig normal ist. Wenn ich heute an meine Mutter denke, dann nur in Liebe.

Die ersten künstlerischen Schritte

Wikipedia: Zwischenzeitlich mit seiner Lebensgefährtin Katrin Schaake nach Hamburg übergesiedelt, (…) unterzeichnete er 1974 einen Plattenvertrag bei Warner Music.

Marius Müller-Westernhagen: Ich lernte Katrin bei der Premiere zu dem Film „Supermarkt“ kennen, für den ich den Titelsong gesungen habe – in Englisch übrigens. Sie war sehr attraktiv und hatte sich schon einen Namen gemacht im Filmgeschäft. Wir haben eine Wohnung am Mittelweg gemietet, 65 Quadratmeter, 350 Mark Miete im Monat. Ich dachte mir, um Gottes willen, wie krieg ich das denn zusammen. Katrin war zehn Jahre älter als ich, und wenn man Anfang 20 ist und die Freundin fast 30, kommt man sich ungeheuer männlich vor. Sie hat meinen Ehrgeiz geweckt, weil ich, wo immer wir auftauchten, nur der Freund von Katrin Schaake war. Ein Niemand, trotz meiner bereits angelaufenen Karriere als Schauspieler und Musiker. Irgendwann gab es dann dieses legendäre Gespräch mit Sigi Loch, dem damaligen Boss von Warner, mit dem ich bis heute eng befreundet bin. Uns verband eine Hassliebe, wir haben uns wegen aller möglichen Dinge angebrüllt, aber wir haben uns auch gegenseitig respektiert. Nach drei Alben, die mehr oder weniger erfolgreich waren – eher weniger –, bin ich zu ihm gegangen und habe gesagt: „So geht das nicht weiter. Entweder du garantierst mir künstlerische Freiheit oder ich gehe.“ Er hat mir vertraut und mich machen lassen. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar, und ich glaube, ich habe sein Vertrauen nicht enttäuscht.