Flucht & Segen

Sie ist der unterste Zweig des Missoni-Stammbaums. Um dort nicht zu verdorren, verließ Margherita ihre Familie, ging nach New York – und blühte auf

 

Sie trägt ein schlichtes graues Tanktop und graue Jeans, ihr dunkles Haar ist zerwühlt, ihr Teint blass, und sie sieht ein bisschen übernächtigt aus. Und doch weiß man ganz einfach, dass die Männer von New York sich reihenweise nach ihr umgedreht haben auf ihrem Weg durch die Stadt, ganz unwillkürlich, so, wie Blüten sich zum Licht drehen.

Denn auch wenn Margherita, 24-jähriger Spross des italienischen Missoni-Modeclans, so achtlos mit ihrer Schönheit umgeht, als würde diese nie vergehen: Sie umgibt eine europäisch-aristokratische Aura, die sich auf den geschäftigen Straßen New Yorks nicht allzu häufig findet. Margherita ist Old Europe in Fleisch und Blut. Anmutig und voller Haltung, ein wenig langsamer und komplizierter als die Amerikanerinnen ihres Alters, auch weniger verplappert, weniger angespannt und nicht so von angestrengtem Ehrgeiz getrieben – eine junge Frau, die nach ihrem eigenen Rhythmus funktioniert und von ihrem Gegenüber verlangt, sich auf sie einzupendeln.

„New York ist gut für junge Leute, weil hier jeder große Träume und Ziele hat“, sagt Margherita, die seit drei Jahren in der Stadt lebt, mit ihrem weichen, verführerisch rollenden Akzent. „Aber New York ist nicht für immer.“

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Dafür, dass sie so anders ist, so unabhängig, distanziert und ein bisschen unnahbar, liebt die New Yorker Gesellschaft die Principessa aus Mailand fast abgöttisch. Der alte Minderwertigkeitskomplex der Amerikaner gegenüber der überlegenen europäischen Kultur – für Margherita zahlt er sich aus. Sie wird zu allen wichtigen Partys eingeladen, zu vielen geht sie auch hin, immer als Repräsentantin des Familienunternehmens, und am nächsten Tag taucht ihr Name dann als kostenlose Werbung in den Klatschspalten und Gesellschaftsblogs auf. Und, ganz klar, keine trägt die Entwürfe ihrer Mutter Angela, die das Unternehmen zurzeit leitet, mit solch nonchalantem Stil wie Margherita. Das hat ihr den Ruf des neuen It-Girls eingetragen. Aber auch den, nichts weiter als eine wandelnde Anziehpuppe zu sein.

Sowohl die Verehrung als auch die Schmähung nimmt Margherita mit einer Ruhe hin, die verrät, dass sie sich aus beidem wenig macht. „Ich ziehe mich gern schick an, und ich gehe gern aus“, sagt sie achselzuckend, „und ich helfe gern meiner Familie.“

Ah, la famiglia! Vor mehr als einem halben Jahrhundert gründeten Margheritas Großeltern eine Strickwarenfirma in Norditalien. Ihre farbenfrohen Zickzackmuster sind seither aus der Couture-Welt nicht mehr wegzudenken. Und wie allen Unternehmerfamilien fällt es auch den Missonis schwer, Unternehmen und Familie voneinander zu trennen. Margherita wurde hineingeboren in eine Dynastie, deren abendliche Tischdebatten um Stoffe, Kleider, Umsatzzahlen und Kreativkrisen kreisten. Sie ist aufgewachsen mit dem Wissen, Teil eines großen Ganzen zu sein – und irgendwann für dieses Ganze auch Verantwortung zu tragen. Sie weiß genau, dass Missoni nicht nur Kleider, sondern einen Traum verkauft, „den der glücklichen italienischen Großfamilie, die das Leben zu genießen versteht“.

Auch in dieser Verwurzelung verrät sich die Europäerin in New York. Margherita hat Respekt vor den Errungenschaften der Vergangenheit; sie nimmt ihre Privilegiertheit nicht so rotzfrech und verzogen hin wie die Hilton-Girlies der Neuen Welt. Sie hat nie rebelliert, und man hat den Eindruck, dass sie den Wert von Geld, Arbeit und Schweiß sehr genau kennt. Margherita wirkt überhaupt nicht wie eine Erbin.

Aber vielleicht ist sie gerade deshalb in Amerika gelandet – um sich ein wenig von den lähmenden Verpflichtungen dieser europäischen Tradition zu befreien. Denn jemand, der immer nur der unterste Zweig eines Stammbaums ist, muss erst lernen, ein Individuum zu werden. Und das geht in New York sehr gut.

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