FEIST

Und 1,2,3,4 zappte man von Werbeblock zu Werbeblock, ganz hibbelig, denn (Leslie) Feist könnte ja wieder für Apple singen und swingen. Who's that girl, das in 30 Sekunden jedes Zimmer nachhaltig erhellen kann?

 

Es ist ein warmer Sommertag, Feist trägt glühend roten Lippenstift und spielt "Stille Nacht" auf ihrer Mundharmonika.Gerade hat ihre Europatournee begonnen, und die Kanadierin entspannt an einem der selten gewordenen freien Tage im Londoner Haus einer Freundin. In der Küche hockt ihr Agent, mit seiner Kurt-Cobain-Matte nicht wirklich Respekt einflößend, und bearbeitet seinen Blackberry, in dem sich die Interviewanfragen stapeln. Es gibt Blaubeerkuchen und literweise Rotwein; alles erinnert ein wenig an eine Teenagerparty mit sturmfreier Bude, weil die Eltern gerade in der Oper sind.

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Vielleicht kommt der 32-jährigen Leslie Feist (die auf ihren Vornamen nonchalant verzichtet) das Leben auch gerade nur ein bisschen so vor wie ein endloser Sommer, weil die Welt ihr momentan zu Füßen liegt. Jahrelang galt sie als sorgsam gehüteter Geheimtipp, doch derzeit wird sie in den Frühstückslobbys von New Yorker Design hotels und in Cafés am Prenzlauer Berg öfter gespielt, als es Madonna lieb sein kann. Auf ihren Konzerten finden sich längst nicht nur Indie-Fans im Publikum, die sie seit ihrer Zeit bei dem kanadischen Alternative-Kollektiv Broken Social Scene verehren, sondern Menschen in Anzügen, die seit Jahren nicht mehr vor einer Bühne gestanden haben. Schuld ist der Videoclip zu der verspielten Sommerhymne "1234", mit der Apple in Fernsehspots seinen iPod nano bewarb: Feist tanzt darin im blauen Glitzeranzug mit überschaubar begabten Menschen eine Choreografie, die jede VHS-Gymnastikgruppe mit Stolz erfüllt hätte – ungelenk und unwiderstehlich charmant. Innerhalb von Tagen hing der Song in Millionen Ohren fest wie eine zuckersüße Droge, das dazugehörige Al- bum "The Reminder" schoss weltweit in die Top Ten, und das Leben von Feist, die nie einen Fernseher besessen hatte und sich lange mit der Electroclash-Sirene Peaches eine WG über einem Sexshop in Toronto teilte, wurde ein anderes. Eines, in dem es vor allem darum geht, bei Trost zu bleiben. "Ich lerne gerade, im Auge des Sturms zu leben. Dort herrscht Ruhe – die versuche ich zumindest zu kultivieren."

Das gelingt oft genug nur durch beherzten Rückzug. Nachdem sie jüngst mit ihrer klobigen Konzertgitarre bei der Grammy-Verleihung als vierfach Nominierte auf der riesigen Bühne gestanden und die gesamte versammelte Musikindustrie mit der Attitüde einer jungen Jane Birkin und ihrer unbeschreiblich spröden, innigen, verletzlichen, hauchigen, rauchigen Stimme zu stummer Andacht gezwungen hatte, flüchtete sie anschließend vor "diesem Höhepunkt an Absurdität" ins Hotel, trank mit Freunden und Familie Bier auf der Dachterrasse und grölte Hits aus einem Plastikradio mit. Wie eine Sechsjährige mit Schulranzen habe sie sich bei den Grammys gefühlt, "das letzte, unwichtigste Glied im Business. Mal im Ernst: Vor mir hat Prince gespielt…" Und mal wirklich Ernst: Mehr Platten als Prince verkauft sie allemal, ob es ihr passt oder nicht.

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