Mein Bild von Karl Lagerfeld
Der Schulfreund von Karl Lagerfeld, Peter Bendixen, erzählt, wie er den Modeschöpfer in jungen Jahren erlebt hat
Ich kann mich nicht einmal genau an den Tag erinnern, als Karl gegen Ende des Krieges zu unserer Klasse stieß. Er war eben eines Tages da. Wir waren als Sextaner in den wirren Endkriegstagen ohnehin ein ständig wechselnder Haufen, denn viele aus den fernen Ostgebieten des alten Reichs hatten den Westen und Norden Deutschlands erreicht und schickten ihre Kinder in die Schulen. Schon bald waren viele wieder weg. Karl Lagerfeld aber kam aus Hamburg. Seine Eltern hatten in der nahen Umgebung des holsteinischen Bad Bramstedts einen Gutshof mit einem – heute nicht mehr existierenden – Herrenhaus übernommen und konnten so den Bombardierungen Hamburgs mit ihren Kindern Karl und seinen zwei älteren Schwestern entgehen.
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Karl war ein notorischer Zuspätkommer. Meist hetzte er als Letzter durch die Tür, oft war der Lehrer schon in der Klasse. Wohl eher ungewollt hatte er so seinen Auftritt. Sicher keine theatralische Absicht; er war einfach so. Selber nicht sonderlich pünktlich, sah ich ihn oft weit hinter mir an der alten Wassermühle um die Ecke biegen. Dann wusste ich, dass ich mir selbst auch noch Zeit lassen konnte.
Karl war absolut kein Sonderling; er war sehr wohl in die Klasse integriert. Aber er hatte schon in jungen Jahren seinen eigenen Stil. Sein volles schwarzes Haar ließ er nicht, wie damals üblich, kurz schneiden, sondern trug es selbstbewusst als Teil seiner Erscheinung, und dabei sollte es bleiben, außer dass aus Schwarz mit der Zeit Schneeweiß wurde.
Karl war nicht arrogant, wohl aber selbstbewusst mit einem Schuss Hamburger Hanseatentum, das man von alten Patrizierfamilien kennt. Er hatte seine eigenen Vorstellungen von pfleglicher, angemessener Kleidung, auch damals schon. Er hatte seine eigene Art aufzutreten, in der Klasse, aber auch vor den Lehrern. Er war keineswegs aufsässig, das wäre für ihn unvornehm gewesen. Aber er bestand, auch den Lehrern gegenüber, auf seiner Eigenständigkeit. So blieb es in der ganzen Schule nicht aus, dass er auffiel. Alle kannten ihn, in den Klassen über uns genauso wie in denen uns nachfolgenden.
Wer ihn nicht kannte, empfand ihn als skurril, altklug, absonderlich oder einfach versponnen, irgendwie nicht von dieser Welt (unserer engen provinziellen Kleinstadt-Welt, muss man schon zugeben). Aber wer ihn so einschätzte, kannte ihn eben nicht, und war wohl auch nicht bereit, einem Menschen zuzugestehen, dass er sein wahres Ich bis zur Unkenntlichkeit hinter einer Fassade oder besser: seiner Fassung verbarg und sich nach außen zu einer Figur stilisierte. Wer sich wie Karl nicht zu erkennen gibt, verbreitet etwas Geheimnisvolles um sich und macht sich verdächtig. Das erträgt kein provinzieller Geist. Man machte sich lustig über ihn, ohne zu bemerken, dass man sich dadurch selbst klein macht.
In der Klasse war er umgänglich und mitteilsam, keineswegs irgendwie ausgeschlossen. Seinen größten Coup landete er, als er eines Tages der Reihe nach von Zuhause sämtliche 33 Bände von Karl Mays berühmten Abenteuergeschichten an jeden in der Klasse auslieh, bis alle sie gelesen hatte. Ihn selbst interessierte solche Literatur nicht. Seine Hauptfaszination lag in der visuellen Kunst, in der Malerei, in der Zeichenkunst, in späteren Jahren auch in der Photographie. Die Gegenstände seiner eigenen Malerei waren fast immer menschliche, meist weibliche Gestalten. Er malte und zeichnete Frauengestalten in kunstvoll gekleideter Pose. Kleine Zeichnungen, Skizzen in der Regel, aber auch komplette Gemälde waren darunter. Das beschäftigte ihn fast mit Besessenheit schon in frühester Zeit in der Schule (und bei sich zu Hause). An dieser Faszination hat sich bekanntlich nichts geändert. Sie war die Quelle seiner Inspirationen.
Karl war ein durchschnittlicher Schüler, so wie ich selbst und die meisten in unserer Klasse. Vielleicht haben Karl und ich es deshalb so lange Zeit nebeneinander auf derselben Schulbank ausgehalten, weil wir uns gegenseitig helfen konnten und mussten. Er mochte und konnte nicht singen. Das war für ihn eine Qual. Für die Zeugnisnoten aber musste das sein. Was blieb, war ein gemeinsamer Auftritt vor der Klasse und der beckmesserischen Musiklehrerin: ich am Klavier und er mit folgsamer Stimme. Es reichte gerade für ein „befriedigend“ für uns beide.
Sein Interesse für Kunst, besonders für die ästhetische Ausstattung von Figuren, war offenbar ständig in seinem Kopf, und der wehrte sich in gleichem Maße gegen die unregelmäßigen Verben in Latein, gegen die Lösung von mathe-matischen Gleichungen und überhaupt gegen alles stupide Auswendiglernen. Seine Hefte – und wenn ich nicht aufpasste auch meine – enthielten meist mehr Zeichnungen als sachliche Notizen, und selbst seine Schulbücher blieben, trotz manchen förmlichen Tadels, davon nicht verschont.
Er machte eigentlich alles mit, was sich Jungen (kaum Mädchen) alles an Klassenunfug ausdachten, solange es sich mit seiner Fassung vertrug. Als wir in der Sportstunde einen Staffellauf, der quer durch die umgebenden Felder und Wiesen organisiert war, dadurch „unterliefen“, dass wir die Staffelhölzer an unbeaufsichtigten Stellen durch Weitwurf ersetzten, war Karl mein Mitläufer. Pech war nur, dass eines der Hölzer, ich glaube es war seines, in einem Wassergraben verschwand und natürlich nicht auf dem Schulhof ankam.
Er mochte Sport eigentlich gar nicht, ebenso wenig wie Musik. Das sind, wir mir erst später klar geworden ist, Fächer, in denen ein Mensch ganz aus sich hinausgehen muss, körperlich und emotional. Aber seine Fassung verlassen, war Karls Sache nicht. Alle seine Figuren, die er später schuf, sich selbst eingeschlos-sen, hatten – so kam es mir vor - etwas Gefasstes, Statisches, manchmal fast Monumentales an sich. Sie schienen, selbst wenn sie sich bewegten (etwa auf dem Laufsteg), ihre Fassung nicht verlieren zu wollen.
Als Jugendlicher kam mir die später oft gestellte Frage nicht in den Sinn, ob sich Karl Lagerfelds Lebensweg als Modeschöpfer schon in jungen Jahren konturenscharf abzeichnete. Natürlich tat er das. Nur war das zu der Zeit noch zu offen, zu fern, zu ungeformt. Als Jugendlicher stellt man sich solche Fragen meist nicht. Das ist der Ernst der Erwachsenen. Es gab vermutlich nicht einmal für ihn selbst ein fertiges Karrierebild, auf das er konsequent zusteuern konnte. Wohl aber eine innere Bereitschaft dazu zu einem Leben mit Kunst, und diese Bereitschaft hat ihn schon sehr bald mit Paris in Verbindung gebracht. Deutlich ausgesprochen hat er das aber nie.
Manchmal ließ er, wenigstens mir gegenüber, durchblicken, dass für ihn ein anderer Weg als der in der Kunst nicht vorstellbar war und dass er sich in der Schule in Bad Bramstedt, was das anging, nicht genügend gefordert fühlte. Gymnasiale Bildung war ihm nur wohl nur ein Durchgang, durch den man sich durchwinden muss, um zu Höherem zu gelangen. Einen persönlichen Förderer fand er allerdings in unserem Kunstlehrer Schultz, mit dem er wohl auch nach seinem Abgang von Bad Bramstedt in Verbindung blieb.
Eines Tages hieß es, Karl würde nach den Ferien nicht wieder zurückkehren. Hamburg war nun wieder sein (wenn auch vorübergehender) Lebensort. Dort setze er die Schule fort, sagte man. Doch schon bald muss es ihn nach Paris gezogen haben. Für mich war er jedenfalls physisch verschwunden und tauchte visuell erst wieder auf, als die Öffentlichkeit auf ihn als Modeschöpfer aufmerksam geworden war. Seinen Aufstieg muss ich hier nicht erzählen. Darüber wissen andere mehr. Die Jahre mit ihm verblassten. Mein eigener Lebensweg als Wissenschaftler führte in eine völlig andere Richtung, und das über viele Umwege. Wir haben uns seither nicht mehr gesehen.
In jungen Jahren - und es waren ja nur einige, die ich mit ihm zubrachte, und es waren nur die Schulstunden und ein paar Gelegenheiten außerhalb des Unterrichts, etwa auf Klassenfahrten - war bei ihm ein spezielles Merkmal tatsächlich sehr auffällig. Sein innerer Horizont, die Welt seiner Gedanken – das war spürbar – ging weit über die provinziellen Grenzen des Kleinstadtmilieus von Bad Bramstedt hinaus. Ich meine das nicht arrogant und kritisch gegenüber dem engen Leben in Provinzstädten. Das Denken und Empfinden der Erwachsenen konnte so unmittelbar nach einem verlorenen Krieg und bei den schwierigen Nachkriegsfolgen (noch) nicht weltoffen sein. Wir als Schüler steckten mittendrin. Karl Lagerfelds Horizont ging weit darüber hinaus. Vielleicht muss man, wenn man viel erreichen will, damit so früh und so entschieden beginnen.
