Karoline Herfurth: Hoch!

Karoline Herfurth ("Das Parfum") bei der Arbeit zuzugucken ist schweißtreibend. Wie kann eine 24-Jährige so viel können? Heute Komödie, morgen Tragödie, und kaum sitzt sie mal, muss sie schon wieder

 

Karoline Herfurth, die hier für ihren neuen Film trainiert und mich aufgefordert hat mitzumachen, ist die aus dem „Parfum“. Ihr Auftritt als Mirabellen-Mädchen, das den Helden Grenouille zu seinem ersten Mord verleitet, war so anmutig, dass er vielen als die ansehnlichste Episode in dem 147-minütigen Kunstspektakel gilt. Überhaupt hört man über sie ausschließlich Lobeshymnen, die alle ungefähr so klingen: dass Deutschlands mächtigster Produzent Bernd Eichinger die Herfurth für seine Produktionsfirma Constantin quasi gleich gepachtet hat – fast alle ihre Filme sind Constantin-Produktionen –, „denn“, so Constantin-Vorstandsmitglied Thomas Friedl, „es gibt nur wenige Schauspielerinnen, die so eine Ausstrahlung auf der Leinwand entwickeln und die die Leute so in den Bann ziehen wie Karoline“. Dass sie „eine alte Seele hat, eine große Ernsthaftigkeit, das ist sehr attraktiv“, sagt Tom Tykwer. Dass sie „Deutschlands derzeit sagenumwobenste Jungschauspielerin“ sei, sagt der Spiegel. Mit 15 wurde sie auf dem Schulhof für „Crazy“ gecastet, seither hat sie in 15 Filmen gespielt, acht davon waren Hauptrollen, jetzt ist sie 24 und seit dem „Parfum“ ausgebucht – kein wichtiger Dreh in den nächsten Monaten ohne sie. Diesen Monat läuft die Komödie „Pornorama“ in den Kinos an mit Karoline Herfurth in der weiblichen Hauptrolle, sie gibt eine rebellische Kommunardin, die zusammen mit ein paar Jungs in den prüden 60ern einen Aufklärungsfilm dreht und sich darin als Eheberaterin ausgibt.

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Karoline Herfurth ist sehr klein, gerade mal 1,64 Meter, und sie ist sehr schön. Eine zarte, schlanke Gestalt, die Haut fast weiß, rötliche Haare, Sommersprossen, eine Fleisch gewordene Fantasie der Unschuld. Eine, die einen vor lauter Reinheit im Gesicht erst mal umhaut. Fast alle Jungschauspielerinnen sind so. Leinwände für Sehnsüchte, Traumbilder von Jugend, Zartheit und so weiter und so fort – everybody’s darling, so wie Karoline Herfurth, sind sie deswegen noch lange nicht. Sicher, sie besitzt herausragendes Talent, ihr Spiel hat etwas Fließendes, Unaufgeregtes, nie wirkt sie exaltiert, aber auch damit ist sie nicht allein. Ihr Erfolgsgeheimnis sind – und das ist das Besondere – ihre erwachsenen Erfahrungen.

Karoline Herfurth gehört zu einer neuen Generation von Schauspielerinnen, die es bislang nur in Hollywood gab, Mädchen wie Keira Knightley, Natalie Portman, Kirsten Dunst und Scarlett Johansson, die allesamt als Kinder oder Teenager ihre ersten Hauptrollen hatten, die zwischen Kostümproben und Castings pubertierten und die jetzt mit Anfang 20 die Parts von 30-Jährigen spielen – weil sie längst Profis sind. Karoline Herfurth hat in einem Alter, in dem andere Richtung Uni schlurfen, genauso viele Filme gedreht wie Katja Riemann mit 30 und nebenher noch die renommierte Ernst-Busch-Schauspielschule besucht. Produzenten und Regisseure dürfen sich auf ihre Routine verlassen – und auch darauf, dass Küssen, Lieben, Hassen und auch einfach nur Atmen mit 24 besser aussieht als mit 30. Trotzdem lobt Tom Tykwer anhand von Karoline Herfurths Spiel im „Parfum“ lieber ihre professionelle Kühle: „Präsenz muss man eben auch spielen. Das ist eine Mischung aus einer natürlichen Gabe und echtem Können, die Karoline mitgebracht hat. Darum können Regisseure mit ihr auf eine Weise arbeiten, die weiter geht als das, was Regisseure mit Schauspielerinnen dieses Alters normalerweise tun können.“ Das sieht man schon an der Sache mit dem Tanzen.

Als ich sie an diesem Samstagnachmittag im Turnraum des Prinzregententheaters treffe, übt sie gerade eine der Choreografien, die sie für ihren neuen Film „Im Winter ein Jahr“ einstudiert hat, ehe sie mich zu ein paar Tanzübungen überredet, weil sie es leid ist, sich allein zu placken. Unter der Regie der deutschen Oscar-Preisträgerin Caroline Link und neben Corinna Harfouch wird sie die Hauptrolle spielen, eine Tänzerin, die mit dem Tod des Bruders fertig werden muss. Und natürlich ist Herfurth keine, die sich bei einem solchen Film doubeln lässt. Sie ist eine, die sich reinstürzt, die es sich nicht leicht macht. Die Schauspielerei ist für sie Arbeit und hat mit Fleiß und Disziplin zu tun. Beim Training verwandelt sich Herfurth in eine Profi-Ballerina, durchquert mit perfekten Luftspagat-Sprüngen das Zimmer und setzt danach zu zwei Pirouetten an, jede Drehung eine kraftvolle Explosion. In den letzten drei Monaten hat sie fast täglich mehrere Stunden Tanz studiert, oft auch vor, während oder nach den Dreharbeiten ihres letzten Films.

Oberschenkelmuskeln sind daher etwas, über das sie derzeit oft und gern redet. „Spannend“ sei das gewesen, sie von Grund auf neu zu trainieren, erzählt sie, aber auch „schon sehr hart“, und ihre Stimme klingt, wann immer sie den Mund aufmacht, selbstbewusst und fest. „Ich musste bestimmte Muskeln in den Beinen abbauen und andere aufbauen, damit mein Körper diese Choreografie überhaupt tragen kann.“ Sätze sind das von einer, die ihren Körper nüchtern wie ein Werkzeug sieht. Neue Muskeln sind halt Teil der Arbeit, Arbeit wird angepackt, und gut.

Karoline Herfurth wirkt wegen dieses Dreiklangs aus Arbeit, Fleiß und Disziplin manchmal sehr glatt. In ihrem Leben gibt es keine Exzesse, vom Rauchen und Saufen hält sie nichts. „Ich bin nicht so die Partygängerin“, sagt sie einmal, auch, dass sie viel Schlaf braucht, und diese Offenbarungen sind ihr überhaupt nicht unangenehm, da steht sie zu, smart und stark, obwohl man in ihrem Alter doch eigentlich auf den Putz zu hauen hat. Stets ist sie freundlich, nie gibt sie sich kokett. Im Interview sitzt sie stundenlang gerade, während der Wartepausen beim Fotoshooting für PARK AVENUE steht sie wie eine Ballerina, die Beine durchgestreckt, die Fußspitzen nach außen gedreht. Aufmerksam. Konzentriert. Kontrolliert. Sosehr das auch verspannt und getrieben klingen mag, sie macht den Eindruck, als ob sie auf diese Weise völlig in sich ruht.

Als wir uns das erste Mal treffen, wimmelt sie gerade Leute ab, absolut freundlich, aber eben auch verdammt cool – insofern eine typische Herfurth-Szene. Es ist ein Abend im Mai, und sie steht am Set von „Das Wunder von Berlin“, in einer Buchhandlung auf der Berliner Karl-Marx-Allee. An der Seite von Veronica Ferres dreht sie ein TV-Drama über den Fall der Mauer, zu sehen im Frühjahr 2008 im ZDF. Es ist Drehpause, und ein dreiköpfiges Filmteam vom Mainzer Sender will Herfurth für ein Making-of über die Dreharbeiten interviewen. Doch Karoline Herfurth sagt Sätze wie: „Es wäre mir recht, wenn wir das an einem anderen Tag machten.“ Und: „Mit Sonntagen bin ich aber leider geizig.“ Die ganze Zeit über steht eine Mitarbeiterin von Herfurths Presseagentur neben dem Geschehen, aber eingreifen muss die nicht.

So eine wie Herfurth braucht eigentlich auch keine Pressemanagerin. Die setzt sich selbst durch. Beim Sprechen wird sie nicht laut, nicht hektisch, dafür ist sie viel zu klug und souverän. Sie ist ein höflicher, aber bestimmter Diplomat, eine, die mit aufmerksamen Blicken kontrolliert, ob ihre Worte beim Gegenüber auch richtig landen. „Das Wichtigste, das ich im Filmbusiness gelernt habe“, sagt sie, „ist, dass ich nichts mache, wozu ich nicht bereit bin. Das ist auch nur ein Geschäft, mit dem man Geld verdient.“ Mit dieser Einstellung könnte man auch Autos verkaufen. Sie macht sie aber auch zu einem modernen Mädchen, das bestens in unsere cleane Zeit passt, in der Filmemacher nüchterner und berechnender auf Umsatzzahlen starren als je zuvor und in der nur der Dar steller was zählt, der funktioniert.

„Menschliche Beziehungen finde ich toll, Familienkonstellationen, Figuren, die aufeinandertreffen“, antwortet Karoline Herfurth dann aber auf die Frage, was sie antreibt, da redet sie plötzlich doch begeistert über den Beruf. „Es reizt mich unglaublich, mit kleinen Gesten tiefe menschliche Gefühle auszudrücken, und zwar so komplex, dass sie ein bisschen Allgemeingültigkeit bekommen.“ Vom leidenschaftlichen Spiel, von wilden, nächtlichen Seelenverknotungen spricht sie nicht, die scheint es nicht zu geben, da läuft mal wieder alles glatt ab. Das Exzessivste an Herfurth ist ihre Arbeitswut. Nach dem Tanzfilm wird sie zusammen mit Martina Gedeck und Moritz Bleibtreu in Bernd Eichingers Terroristen-Drama „Der Baader Meinhof Komplex“ spielen. „Ich bin ja jetzt 24“, sagt sie, „das ist eine Zeit, in der man sich etwas aufbaut und da dann viel Arbeit reinsteckt. Viel Arbeit ist also normal. Im Moment hat mich die Schauspielerei total gepackt, und ich versuche, das Beste aus meinen Möglichkeiten zu machen.“ Sie klingt wie eine, die stark getrieben ist von dem Wunsch zu bleiben.

Über ihr Privatleben lässt sie gerade so viel wissen: alles gut. Auch da ist sie schon ziemlich tough. Seit sie 17 ist, hat sie denselben Freund, er heißt Simon Schreiner, die beiden haben zusammen Abi gemacht, und natürlich ist er kein kiffender Rockstar, sondern Medizinstudent und einer aus der Nette- Jungs-Fraktion. Während der Caroline-Link-Dreharbeiten kam er sie an den Wochenenden in München besuchen, ihr fehlte fürs Reisen die Zeit. Ansonsten leben beide in Berlin, aber in getrennten Wohnungen. Herfurth hat eine WG zusammen mit einer besten Freundin, die BWL studiert. Eine zweite beste Freundin treffe ich in München im Prinzregententheater, sie heißt Elisa, besucht Herfurth übers Wochenende, beide kennen sich seit 17 Jahren. Elisa ist auch sehr nett, klar, lange blonde Haare, offener Blick, Kinderkrankenschwester in Hamburg. Herfurth ist in Elisas Gegenwart ein bisschen unbefangener als sonst, mädchenhafter. Den Morgen haben sich die zwei in der Stadt vertrieben, waren frühstücken und haben Brillen vom Optiker geholt, auch Freizeit läuft bei Herfurth ordentlich ab. „Was ich schön finde, ist Normalität, Alltag und so“, sagt sie. „Ich mag total gern einkaufen gehen und kochen.“

Vielleicht mag Herfurth ihr Privatleben geregelt, weil es nicht immer so war. Sie ist ein klassisches Scheidungskind, der Vater – er ist Altenpfleger, die Mutter Psychologin – hat dreimal geheiratet, Karoline hat einen Bruder, drei Halbbrüder und eine Halbschwester. Die erste Scheidung des Vaters, die von Herfurths leiblicher Mutter, lief noch glatt. „Ich war zwei und hatte danach einfach zwei Familien.“ Die zweite aber nennt sie „Schlüsselerlebnis“: „Da war ich 15 und hatte danach einige Zeit lang keinen Kontakt mehr zu meinen kleinen Brüdern. Die Familie war für kurze Zeit nicht mehr die Familie, die sie vorher war. Das ist eine Sache, die ich nicht wiederholen will. Ich will meine Familie immer um mich haben.“ Und: „Ich habe gelernt: Das, wofür ich am meisten kämpfen muss, ist das Privatleben.“ Auch Glück scheint bei einer Arbeitsbiene wie Herfurth das Ergebnis von Disziplin zu sein. Ihre geregelten Verhältnisse hat sie sich fein säuberlich hingebastelt und passt jetzt mit Akribie darauf auf.

Vielleicht hängt ihr kontrollierter Umgang mit der Welt auch damit zusammen, dass sie von klein auf unter Beobachtung stand. Karoline Herfurth, Jahrgang 1984, in Ost-Berlin geboren, hat als Achtjährige zusammen mit ihren Geschwistern Straßenmusik in Venedig gemacht, sie war die Blockflöte. Als ziehendes Volk darf man sich die Herfurths jetzt aber nicht vorstellen, das mit der Musik war schlicht das Hobby des Vaters. „Meine Eltern haben früh Straßenmusik mit ihren Studienkollegen gemacht. In Deutschland verwechseln die Leute Straßenmusik ja immer mit Betteln. In Italien lieben sie das, stellen sich hin, hören zu, das ist da Teil der Lebensfreude.“ Mit 13 wurde Herfurth das mit der Straßenmusik dann aber doch peinlich, dafür spielte sie regelmäßig Theater an der Waldorfschule. Außer dem war sie fünf Jahre lang Freizeitartistin im Berliner Kinderzirkus Cabuwazi. „Ich bin mit Publikum aufgewachsen.“ Ihr Erfolg hat viele Seiten. Die drei wichtigsten sind ihre Erfahrung, ihr Spiel, das Tom Tykwer so bewundert – und dass ihr drittens wegen dieser Qualitäten die mächtigen Männer der deutschen Filmbranche erlegen sind wie Fliegen der Erdbeermarmelade. Kaum sah Regisseur Rainer Kaufmann („Stadtgespräch“) die Herfurth vor sechs Jahren bei einem Casting, beschloss er, ihr Mentor zu werden. „Ich habe damals sofort gemerkt, dass sie ein erotisches Verhältnis zur Kamera auf bauen kann, Figuren hervorragend umsetzt, und das paart sie mit unglaublichem Ehrgeiz und hohem Fleiß. Außerdem habe ich sie als Person in mein Herz geschlossen. Als sie dann überlegte, ernsthaft von Beruf Schauspielerin zu werden, habe ich ihr sehr ins Gewissen geredet, eine richtige Ausbildung zu machen. Seither versuche ich, sie zu beraten. Viele Schauspieler-Karrieren sind ja versandet, weil nicht die richtigen Entscheidungen getroffen wurden, Begabung reicht nicht aus.“

Und dann ist da noch Bernd Eichinger. „Den Bernd“ kennt Herfurth, seit sie 15 ist, seit der Premierenfeier zu ihrem ersten Film „Crazy“. Er schlug sie Tom Tykwer für das „Parfum“ vor. Über sich selbst sagt Karoline Herfurth: „Ich bin ein Constantin-Baby“, und klingt sehr stolz dabei. Mit Sicherheit helfen ihr diese Kontakte weiter. Mit Sicherheit sind sie die letzte magische Zutat, die ihre Karriere zum Brummen brachte. Trotzdem: Für jedes dahergelaufene hübsche junge Ding engagieren sich die Macher des deutschen Films nicht. „Bei uns gibt es keine Hofschauspieler“, erklärt Thomas Friedl, „aber wir haben ein offensichtliches Faible für Talent und für die besten Darsteller. Die Karoline hat ihren ersten Film bei uns gemacht, und seither gab es immer wieder Rollen, wo Regisseure und Produzenten gesagt haben, da ist sie die Richtige. Das ist aber kein Verdienst der Constantin, das ist ein Verdienst von Karoline.“

Einmal habe ich Karoline Herfurth nach dem Geheimnis ihres Aufstiegs gefragt. Sie antwortete: „Ich habe sehr hart gearbeitet.“ Und ich hielt das für die Standardausrede aller Leinwandgrößen. Doch als ich den Turnraum des Münchner Prinzregententheaters verlasse und mich Richtung Ausgang schleppe, weiß ich, was sie meint: Deutschlands neue Nachwuchshoffnung zu sein bedeutet am Ende des Tages gotterbärmlichen Muskelkater.

Der PARK AVENUE Stil-Guide, Teil III

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