Karl Lagerfeld: Der Unfassbare

Je präsenter das Genie der Inszenierung ist, desto unschärfer wird der Mensch hinter der Kunstfigur. Wer ist Karl Lagerfeld? Und, wenn ja, wie viele? Eine Suche

 

Und als du ihn hinter dir hast, diesen beinahe privaten Tag mit Karl Lagerfeld, sitzt du im Wagen wie ein verliebtes Schulkind. Er hat dir Sébastien mitgegeben, seinen dunklen Zögling, der nun vorn am Lenkrad sitzt und mit dir durch den anthrazitblauen Abend von Paris zum Flughafen fährt und prüfend zu dir nach hinten blickt. Dein Herz pocht, weil du denkst, dass du einen Tag erlebt hast, der dich an einer großen Geschichte hat teilhaben lassen. Du hast nicht nur zugeguckt, du bist kleiner Teil einer großen Biografie geworden. Er hätte ja einfach business as usual machen können, aber er ist mit dir durch seinen Garten spaziert, hat dir erzählt, welches Möbel von welchem Designer stammt, von dem Butler, der sich fast unsichtbar aus einer geheimen Tür geschält hat, von wohlschmeckendem Fastenessen, das ihn seit Jahren zu einem schlanken Mann macht, servieren lassen. Er hat dir nicht seine Bonmots diktiert wie den anderen Journalisten, sondern dich an seinen Gedanken teilhaben lassen, sie mit dir diskutiert.

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Ja, er hat dich gemocht. Er hat dir sein Fotostudio in der Rue de Lille gezeigt, dir erklärt, wie er die Fotografie von dem hellenischen Männertorso angefertigt hat, dass er es auf Leinwand hat printen lassen, damit es aussieht wie ein Ölgemälde. Nun fährt der Wagen vor dem Gate vor, von wo du weggetragen wirst aus dem Tag, der der eure gewesen ist. Und als Sébastien aus dem Kofferraum eine Papprolle nimmt und sie dir mit den Worten „Siss ihs for jü – fromm Kaahl“ in die Hände drückt, werden diese feucht, weil du es nicht glauben kannst, doch als du dann in der Check-in-Halle einen Blick riskierst und es tatsächlich jenes riesenhafte Fotogemälde ist, das du eben wie ein Werk Michelangelos bewundert hast, bist du dir sicher, dass ihr Freunde geworden seid. Und spätestens dann bist du in die Falle gegangen. Opfer deiner eigenen Sehnsucht geworden.

Überall ist Lagerfeld. Der gepuderte Zopf, die große dunkle Brille, die Totenkopfringe, sein unverwechselbares Idiom. Das flirrende Lachen. Da steht er gerade und dirigiert Nicole Kidman vor seiner Fotokamera und stellt dabei den Weltrekord auf in der Disziplin, tausendmal pro Minute das Wort beautiful zu sagen. Beautifulbeautifulbeautiful, ah, very beautiful. Das alles ist auf Leinwand gebannt für die Dokumentation „Lagerfeld Confidentiel“ des Dokumentarfilmers Rodolphe Marconi, weltweit in den Kinos zu sehen. Wie er die Kollektion von Chanel erarbeitet und mit den Näherinnen schäkert, zeigte ARTE. Auf dem französischen Kanal fünf lief unter dem Titel „Un Roi Seul“ – Ein einsamer König – das Bild des Einzelgängers Karl. In den britischen Buchläden räumen sie gerade ein Buch aus den Regalen, in dem es heißt, er sei ein selbst verliebter Emporkömmling, der seine Lebensgeschichte mit Unwahrheiten aufgezuckert und sich einen erbitterten Kampf mit Yves Saint Laurent um die Gunst der Modewelt und um Liebhaber geliefert habe. Das will zumindest die Autorin der Schmähschrift „The Beautiful Fall“, Alicia Drake, recherchiert haben. Anwälte sind dagegen vorgegangen. Seine heißblütigen Gegenkommentare beschäftigen die Londoner Times.

Nicht minder blutige Schlachten schlägt er als digitalisierte Version seiner selbst in dem nicht gerade zimperlichen Computerspiel „Grand Theft Auto IV“ auf den Bildschirmen von Millionen Halbstarken. In modischen Kinderbetten kuschelt er wiederum ganz sanft, als Steiff-Teddy-Adaption. Überall dröhnt sein „Dochdochdoch“ aus den Dokumentationen und TV-Show-Auftritten, wo man ihn wie ein Naturwunder begafft, das geistreich daherplaudert, tiefgründig und amüsant gleichermaßen, als hätte da einer das Rezept gefunden, einen Dostojewski-Roman in der Form einer frühen Gottschalk-Moderation vorzutragen. Seine von Leder-Fingerlingen und Totenkopfringen verzierte Hand streckt sich aus nach Elle-Fashion-Awards, rammt mondäne Fahnen in den Sand einer Insel in Dubai, die er für reiche Fashion Victims gestalten wird, sie winkt den in Akklamationsstürmen wogenden Zuschauerreihen seiner Fashionshows zu oder schüttelt die Hände von Staatspräsidenten, wie etwa jenem, der gerade sein ehemaliges Vorführmodel geehelicht hat.

Angel Ball

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