DER SCHATZ VON PARIS

Ein Frühlingstag! In der Stadt der Liebe! Mit Juliette Binoche! Selbst dem abgebrühtesten Polizeireporter würde bei dieser Vorstellung das Herz hüpfen. Wie bewahrt da erst ein eingefleischter Romantiker die Ruhe?

 

Ein Rendezvous, das leicht zu haben ist, ist lasch, auf die anderen hingegen wartet man gern mal 14 Tage, und auf eines mit Juliette Binoche das ganze Leben – wenn’s sein muss, auch länger.

STOPP! Bevor Sie weiterlesen, ein Hinweis in eigener Sache: Ich bin porentief befangen und in die, über die ich schreiben soll, nicht weniger als verliebt. Und, als wäre das nicht schön und schlimm genug, ich bilde mir auch noch ein, mit Juliette Binoche seelenverwandt zu sein, seit ich das erste Mal vor ihr im Kino saß, in "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins".


„Was soll's. 
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Zum Teufel mit Distanz. Juliette, je t'adore!“" title="" height="80" width="500" />
Das sollten Sie wissen, so wie Juliette Binoche, 44, lange nichts von einem Rendezvous wissen wollte. Anfragen beantwortete sie mit Absagen à la Madame dreht, Madame malt, Madame tanzt. Der Herbst malte keine Farben. Und dann kam der Winter. Erst an einem Mittwoch im Frühling ließ sie plötzlich ausrichten: "Fliegen Sie morgen nach Paris, und gehen Sie zum Mittagessen ins Bistrot de Marius in der Avenue George V. Dort können Sie sich über schicke Pariser amüsieren, anschließend fährt Sie mein Fahrer zu mir nach Hause." Zu ihr. Nach Hause. Mon cher Dieu!

Der Fisch auf dem Teller ist dick, und Alain, der Fahrer, ist pünktlich. Madame sei eine allürenfreie Chefin, erzählt er, während er die schwarze S-Klasse von Stau zu Stau lenkt, zuvorkommend und zuverlässig, das könne er nicht von allen französischen Schauspielerinnen behaupten, die er fahre, vor allem die Deneuve sei in letzter Zeit etwas unausgeglichen, und weil über dem Bois de Boulogne die Sonne scheint, werde das gleich ein tolles Interview, très formidable, ganz sicher, einmal, das sei noch gar nicht so lange her, da habe Johnny Depp auf meinem Platz gesessen, und der und die Binoche hätten auch gut zueinander gepasst, beide seien sehr tiefgründig. Alain redet wie ein Wasserfall, ich schweige wie die Bäume im Bois.
Er fährt uns hinein in die Vorortidylle von Vaucresson im Westen von Paris, passiert Konditoreien, Boulangerien, eine Galopprennbahn, schließlich geht’s nach rechts in ein Sträßchen mit Kopfsteinpflaster. Hinter einer Mauer, gebaut aus rostroten Steinen, liegt ihr Haus, umgeben von ungestutzten Hecken und Bäumen, kein Name an der Klingel. Der Rasen wuchert, die Vögel schreien, zwei Hunde streunen, ebenso viele Katzen schlafen. Die Einrichtung ist die einer Frau von schöner Welt, indische und marokkanische Möbel, Kunstbücher und Bildbände, Sartre und Duftkerzen. Im Flur hängen die Jacken der Kinder Raphael, 14, und Hannah, 8. Ihre Väter wohnen nicht hier.

Juliette Binoche betritt das Wohnzimmer. Ihr "Hello" soll nach Oxfordenglisch klingen, sie übt seit Jahren mit einem Privatlehrer, aber sie spricht Frenglisch, so reizend, wie es nur eine Pariserin hinbekommt. Mir bleibt das "Hello" krächzend im Halse stecken. La Binoche live ist viel attraktiver als in ihren Filmen, sie ist ein Wunder an natürlicher Schönheit. Die Füße sind nackt, die schwarzen Haare hochgesteckt, sie trägt Jeans und ein beige-blaues Hemd. Serge Gainsbourg oder ein kleinerer Gott der Worte möchte man jetzt sein, das Interview vergessen, einen Rotwein aufmachen und ihr gleich gestehen, dass sie heute und ungeschminkt so viel besser aussieht als auf all den Lancôme-Plakaten, dass die Weiblichkeit keine "Feuchtgebiete" oder unrasierte Achselhöhlen braucht, solange es eine gibt wie sie. Ach, wie gern wäre man in dieser fabelhaften Welt der Juliette der Gärtner oder Postbote.
Juliette beißt in ein Biskuit, drei, vier Krümel rollen von ihren Mundwinkeln zum Kinn. Traumhaft, hoppla! Sie wischt die Krümel mit dem Handrücken und einem Mädchengrinsen weg, die braunen Augen sind dabei auf mich gerichtet. Das alles raubt mir den Verstand, wie folgende Einstiegsfrage brillant verdeutlicht: "Frau Binoche, wieso leben Sie eigentlich in diesem Haus?"

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