Es ist nicht alles rot, was glänzt
Noch unvergesslicher als die Farbe ihrer Haare ist Julianne Moores Schauspielkunst. Ihr neuer Film erzählt die wahre Geschichte einer gefallsüchtigen Society-Lady, die ihren Sohn mehr liebt als beiden guttut
Immerhin fällt dieser Satz nicht mehr. Der von "dieser anderen Rothaarigen", die man engagieren könnte, sollte Nicole Kidman absagen. Hat sich erledigt, denn der Name Julianne Moore hat nun auch seinen eigenen Klang, die Schauspielerin dazu ihr eigenes, langsam, spät und beharrlich erkämpftes Renommee. Und, um ein wirklich letztes Mal auf Nicole Kidman zurückzukommen: Die hat zwar auch nicht nur Mainstream-Filme gedreht, sich ja sogar mit dem dänischen Autisten Lars von Trier eingelassen, aber eine ganze Reihe von Moores Rollen hätte sie um keinen Oscar der Welt gespielt. Selbst wenn sie es gewollt hätte, wäre ein Manager zur Stelle gewesen, dies zu verhindern. Zum Beispiel den Part der Barbara Baekeland, den Moore für den Film "Wilde Unschuld" von Tom Kalin übernommen hat.
"Wilde Unschuld" klingt übel, nach Softporno, aber für die deutschen Titel können die Schauspieler ja nichts. Im Original heißt der Film, der etwa sechs Jahre (!) nach der ersten Drehbuchfassung fertig geworden ist, wie der ihm zugrunde liegende Bestseller aus den 80ern: "Savage Grace". Das streng aus Originalbriefen und Zeugenaussagen komponierte Buch dokumentiert eines der absonderlichsten Dramen in den wenn nicht besseren, so doch wahnsinnig reichen Kreisen der New Yorker Society. Es ist die Geschichte vom Fall der Baekeland-Dynastie, die zügig jenes Vermögen reduzierte (zum Verprassen war es zu viel), das eine Erfindung des belgischen Ahns Leo Hendrik ihr eingebracht hatte. Dieser Herr hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts neben einem speziellen Foto papier - das Patent verkaufte er an Kodak - auch das Bakelit entwickelt, einen Kunststoff, der dringend gebraucht wurde, um die Epoche der Elektrizität buchstäblich abzusichern.
Nach Leo, der seine Extravaganz mit einer Packard-Sonderanfertigung demonstrierte, in der er mit Zylinder auf dem Kopf fahren konnte, hat kein Baekeland je wieder gearbeitet. Fatalerweise wurde aber eine andere Tradition eisern fortgeführt: die der strengen Sohnesverachtung. Leo Hendrik sah in seinem Sohn George Washington (die Namensgebung sollte den neuen US-Landsleuten schmeicheln) ein totales Weichei, Gleiches widerfuhr dessen Spross Brooks. Eine hartherzigere Familie ist kaum denkbar, sodass George W. den inoffiziellen Wahlspruch der Sippe prägte: "In den Adern der Baekelands fließt kein Blut, sondern ein Gemisch aus Eiswasser und Galle." Nachdem Brooks in den Vierzigern die so lebens- wie aufstiegslustige Barbara Daly heiratet, einen Wirbelwind aus einer Bostoner Arbeiterfamilie, setzt sich das Unheil in verschärfter Form fort. Die klischeehaft unzähmbare Rothaarige bezaubert die eine Hälfte der Gesellschaft, die andere Hälfte ist entsetzt über die entgleisenden Auftritte der leicht ordinären Schönen.
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Als 1946 der nächste Baekeland-Erbe, Antony getauft und stets "Tony" gerufen, zur Welt kommt, ist die Ehe seiner Eltern bereits gründlich zerrüttet. Tony, von Mama vergöttert, vom Papa früh als Versager abgeschrieben, wird zum Katalysator. Der eheliche Hass steigert sich, auch weil man sonst nicht viel zu tun hat. Als Teenager kauft sich Tony die ersten Strichjungen, gelegentlich schlägt er seine Mutter, den Familienanwalt, das Personal. Endlich, nach Jahren, die man mit dem Austausch gnadenloser Gehässigkeiten verbrachte, am allerliebsten vor Publikum, trennen sich die Eltern. Dass Brooks ausgerechnet jenes junge Mädchen, das als Tonys erster, wenn auch hoffnungsloser heterosexueller "Versuch" ins Haus kommt, zum Anlass wählt, die Ehe auch formal zu beenden, passt bestens in diese Geschichte, die zwischen Tragödie und Slapstick schwankt.
Kurz und schmerzhaft: Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn wird immer enger, immer krankhafter auch. Es kommt zum regelmäßigen Inzest, da die Mutter ihren Sohn weder hergeben noch kampflos der Homosexualität überlassen will, und schließlich zum fast zwingend wirkenden "Akt der Befreiung": Am 17. November 1972 ersticht Tony Baekeland seine Mutter.
"Ahnen Sie was?", fragt Julianne Moore, deren Mädchenhaftigkeit fast jeden Gedanken an eine 47-jährige Frau verbietet. "Ahnen Sie, warum es so lange gedauert hat, bis dieser Film durchfinanziert war?" Die alles bestimmende Frage bei dieser Saga um die Schönen, Reichen und Verdammten war natürlich, wie man das filmt, wie genau und wie lange man das Unerhörte zeigt: Der Sohn schläft mit seiner Mutter. Der Film löst das Problem dezent, so wie er überhaupt sehr bemüht ist, kühles, akkurates Sittengemälde zu sein statt feurigen Dramas. Zum Publikumserfolg taugt die Chronik einer doppelten Selbstzerfleischung gewiss nicht, aber Julianne Moore ist schon sehr zufrieden, dass es den Film überhaupt gibt. "Die Geschichte ist grauenvoll", gibt sie zu, "aber auch total anziehend." Was sie, das nach eigener Einschätzung "späte, aber umso überzeugtere Familientier", schaudern lässt: "So viele Menschen sagten hinterher, sie hätten es kommen sehen", Moore atmet tief ein, "und keiner hat etwas getan - so viel Geld und so wenig Verantwortungsgefühl!" Das könnte ihr, unabhängig von den Vermögensverhältnissen, gewiss nicht passieren. Mit ihrem Mann, dem Regisseur Bart Freundlich und zwei Kindern lebt sie in New York, Westin Village, schätzt die living community, ganz städtische Boheme, aber mit Erdung. Die Freude an der nun geschaffenen gründlichen Trennung ihrer beiden Welten - "extremistische Rollen" hier, "ein sehr auf geräumtes Privatleben" dort - genießt Moore.
Als Tochter eines Armee-Richters hat sie ihre Kindheit und Jugend auf rasch wechselnden Militärbasen verbracht und dabei Rekorde aufgestellt: 14 verschiedene Schulen, insgesamt 23 Wohnorte. Und sie kann sie alle noch aufsagen - wenn auch nicht mehr unbedingt in der richtigen Reihenfolge, gibt sie zu. Mittlerweile verarbeitet sie auch ihre Kindheit noch produktiv: 2007 hat sie, der Traum aller Sommersprossen-Fetischisten, ein Mitmachbuch für Kinder geschrieben, deren Altersgenossen die Pünktchen etwas anders sehen. "Freckleface Strawberry" vermittelt eine schöne Botschaft: Es sind die Unterschiede zu den anderen, die dich ausmachen.
