Ick sach ma SCHALOM
Ja sicher, die Vergangenheit… Aber wenn man sich die jüdische Society von Berlin mit ihren Quatschmachern, Stilpäpsten, Golden Girls und engagierten Jungstars so ansieht, dann fällt einem nur eines ein: Zukunft
Erst nieselt es, dann regnet es. Leo Schapiro guckt in den Himmel über Berlin. Er guckt skeptisch, denn wir sind erst bei den Namen mit dem Anfangsbuchstaben B, und bald ist es Mitternacht. Vor dem jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße steht ein Podest mit Mikrofon. Seit 19 Uhr werden hier die Namen der 55 696 ermordeten Berliner Juden verlesen. Leo Schapiro, angehender Anwalt und lang gedienter Aktivist in diversen jüdischen Jugendorganisationen, hat sich freiwillig als Vorleser gemeldet. Was für ein Mazel, dass es einen Schirm gibt. Ankommende Gäste des gegenüberliegenden Hotels Kempinski schauen verschüchtert, nur wenige trauen sich herüber.
Ein paar Leute stehen in einer Schlange, um aus dem dicken Buch die Namen derer zu verlesen, die in Auschwitz, Treblinka oder Sobibór getötet wurden. Es dauert etwas mehr 24 Stunden, bis man von "Aal, Jutta, geborene Mohr" zu "Zyzman, Leo" gekommen ist. Als Shapiro fertig ist und das Buch an eine ältere Dame mit amerikanischem Akzent übergeben hat, küsst er seine Freundin, dann verabschiedet er sich von den anderen jungen Aktivisten, die hier über Nacht ausharren wollen, mit einem angedeuteten gimme five. Und lacht. die anderen, die sich für eine jüdische Disconacht in der kommenden Woche verabredet haben, weil da Teilnehmer der Castingshow "Kochav Nolad" auftreten werden, dem israelischen "Deutschland sucht den Superstar", lachen auch. Am Podest liest jetzt jemand die Namen mit C vor, Namen, die für nicht slawische Zungen nur schwer zu bewältigen sind. Die Zunge des Vorlesenden ist deutsch.
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Besonders die Jungen wollen ihr Jüdischsein nicht mehr so stark mit dem Vergangenen verknüpfen, es ist nicht ihre persönliche Vergangenheit. Für sie ist es wesentlich, was es bedeutet, jetzt und hier Jude zu sein, heute und morgen.
Das war in den letzten Jahren in Berlin nicht gerade einfach. Die starke Einwanderung von Juden aus dem Osten, besonders aus der ehemaligen Sowjetunion, hat die deutschen Gemeinden vor eine Belastungsprobe gestellt.
Zum ersten Mal wurden mehr Juden deutsche als israelische Staatsbürger. Das bedeutet etwas. Auch Streit. Vor allem in Berlin flogen die Fetzen, da gab es plötzlich einfach zu viele Kulturen, Ansichten und Gefühlsebenen, die aufeinanderprallten. Die Berliner Gemeinde, inzwischen auf über 15 000 offizielle und noch einmal so viele nicht gemeldete Mitglieder angewachsen, stand kurz vor der Spaltung: Orthodoxe kämpften gegen Säkularisierte, russische gegen deutsche Juden, Neuzugänge gegen Alteingesessene. Und das mit einer derartigen Härte bis hin zur Bösartigkeit, dass die Szenerie oft wie eine antisemitische Karikatur anmutete. Da wurden die Stammbäume der Gegenkandidaten unter zweifelhafter Mitwirkung eines Rabbiners ausgegraben, um deren jüdische Herkunft infrage zu stellen – was ungut an Abstammungsfanatiker aus anderen Zeiten erinnerte. Da wurde gebrüllt, unterstellt und gedroht – alles in allem ein unwürdiges Schauspiel. Das fanden offenbar auch viele wahlberechtigte Gemeindemitglieder, die das neue Wahlbündnis Atid – was so viel wie "Zukunft" bedeutet – zu einem für alle überraschenden Sieg trugen. Seither hat Atid-Chefin Lala Süsskind, eine ausgleichend fröhliche, aber auch energische Frau, die Zügel in der Hand. Und tatsächlich: Plötzlich herrschen konstruktive Friedlichkeit und eine positive Stimmung.
"Das bedeutet harte Arbeit", sagt Süsskind. "In meinem Alter gehen manche in den Vorruhestand, und ich power noch mal los, mit oft 60 Stunden Arbeit in der Woche. Aber wenn wir endlich konstruktiv arbeiten können, ist es sinnvoll. Bis wir auch finanziell Licht sehen, ist es aber noch ein weiter Weg."
