Jonestown Massaker
Vor 30 Jahren führte Jim Jones seine Sekte in einen Massenselbstmord, der als "Jonestown-Massaker" die Welt erschütterte. Damals starben 913 Menschen. Wir sprachen mit zwei Überlebenden der Katastrophe
Die Frau, die vor 30 Jahren fast ihr Leben ruinierte, sitzt an diesem sonnigen Tag lächelnd in ihrem Büro in San Francisco: Deborah Layton, grazil, wache Augen, 55 Jahre alt. Sie arbeitet für einen Finanzmakler und wirkt mit jeder Geste wie eine, die alles im Griff hat. Von ihrem Schreibtisch aus sieht sie die Bay Bridge, die sich hinüber nach Treasure Island streckt.
In diese Umgebung, zu dieser Frau, passen Gespräche über Anlagen, Dividenden und den Zusammenbruch der Banken, eingebunden in unangestrengten Small Talk. Schwer vorstellbar, mit ihr über Verrat und Gehirnwäsche zu sprechen, über Vergewaltigung, Todesangst und Massenselbstmord; über all das, was sieben Jahre lang Teil ihres Lebens war und immer ein Teil von ihr sein wird. Vor ein paar Monaten, sagt Deborah Layton, habe sie den Film „Der Untergang“ gesehen. Und darin „exakt die Situation von damals“ wiedererkannt. Die Ausweglosigkeit. „Wie Magda Goebbels ihre Kinder vergiftet – ich konnte das nachvollziehen.“
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Das „Damals“ ist jetzt genau 30 Jahre her: 1978 war sie 25 und Anhängerin des Sektenführers „Father“ Jim Jones, Begründer des People’s Temple. Jim Jones war der Mann, der am 18. November 1978 allen Bewohnern seiner Siedlung Jonestown im Dschungel von Guyana den Tod verordnete. 913 Leichen lagen an diesem Tag sternförmig um den hölzernen Thron ihres Führers. Das Drama von Jonestown gilt bis heute als die größte kollektive Selbsttötung seit jenem Massaker im Jahr 73 n. Chr., bei dem 960 Juden in der Festung Masada nach zweijähriger Belagerung durch die Römer Selbstmord begingen.
Deborah Layton entkam dem Massenselbstmord von Jonestown. Ein paar Monate zuvor war ihr die Flucht aus diesem vermeintlichen Paradies gelungen. „Wäre ich noch dort gewesen“, sagt sie, „ich hätte die vergiftete Limonade auch getrunken.“ Dafür, dass sie überlebt hat, schlug sie sich jahrzehntelang mit Schuldgefühlen herum, fühlte sich als Verräterin und Fahnenflüchtige.
Auch Jackie Speier hat Jonestown überlebt, knapp, mit fünf Einschüssen im Körper. „Jim Jones war ein Massenmörder“, sagt sie. „Seine Opfer waren größtenteils arme, alte, benachteiligte Menschen, die alles taten, was er von ihnen verlangte.“ Karen Lorraine Jacqueline „Jackie“ Speier sitzt am Konferenztisch im Versammlungssaal des Rathauses von Foster City bei San Francisco. Sie ist 58 Jahre alt und Kongressabgeordnete der Demokraten, ein damenhafter Typ mit Perlenkette und cremefarbenem Kostüm. Sie spricht leise, manchmal fährt sie sich durch das Haar mit einer Geste, als wolle sie etwas wegwischen. Jackie Speier war am Tag des Massensterbens in der Kolonie, als Assistentin des einzigen Politikers, der damals auf die Warnungen vor einer drohenden Katastrophe gehört hatte. Der Kongressabgeordnete Leo Ryan war mit einer Delegation nach Guyana geflogen, darunter Journalisten und besorgte Angehörige von Jones-Anhängern. Ryan wollte herausfinden, was es mit der Dschungelkolonie auf sich hatte. Kurz vor dem Rückflug wurde er auf dem Rollfeld des kleinen Flughafens von Port Kaituma von Jones’ Getreuen erschossen. Jackie Speier hatte sich hinter das Rad einer Cessna geflüchtet: „Ich stellte mich tot.“
