About a Boy
Es muss schön sein, im Kopf von Johnny Depp zu wohnen - zusammen mit Piraten, Peter Pan, Detektiven, Schokoladenfabrikanten. Es muss Spaß machen, sich wie ein farbenblinder Hippie kleiden zu dürfen - und alle finden's "Wow!". Und seit der 44-jährige Junge seine Chefs märchenhaft reich gemacht hat, kann ihn Hollywood mal. Johnnys neuester Streich: Er singt - und schneidet dabei Haare ab und Kehlen durch.
Es gibt ein Paralleluniversum, in dem Elfen und Feen hausen, Waldschrate, Königskinder, Barbiepuppen und Piraten. Es ist eine schöne, friedliche Welt, in der Alter keine Rolle spielt und 89er Cos d’Estournel in Strömen fließt. Manchmal prallt diese magische Welt auf unsere Realität. Dann kommt Johnny Depp zur Tür irgendeines Luxushotels zwischen London, New York oder Los Angeles herein, tippt sich kurz an den speckigen Hut, nimmt Platz und dreht eine dünne Zigarette aus dunklem Tabak. Früher waren seine Besuche häufiger und intimer, seit er als Captain Jack Sparrow die Massen froh machte, wurden die Begegnungen rarer und anonymer. Dem dritten Teil des Disney-Spektakels „Fluch der Karibik“, das mittlerweile um die 2,8 Milliarden Dollar an den Kinokassen und noch mal eine ähnliche Summe mit DVD-, TV- und Merchandising-Rechten einspielte, widmete er nur noch eine einzige, weltweite Pressekonferenz. Johnny Depp, 44, zweifacher Familienvater mit Hauptwohnsitz in Plan-de- la-Tour, Südfrankreich, ist endlich auf jenem märchenhaften Level des Showbusiness angelangt, wo man alles darf und nichts mehr muss. Märchenhaft wie: „Okay, Sie wollen ein Musical über einen serienmordenden Friseur drehen, ohne die geringste Ahnung, ob der Hauptdarsteller einen richtigen Ton trifft? Hier haben Sie 50 Millionen Dollar“, kicherte sein Spielkamerad Tim Burton. Komponist Stephen Sondheim, der in Amerika verehrt wird wie hierzulande Mozart, vertraute seinen legendären Broadway-Klassiker „Sweeney Todd“ zwei versponnenen Hollywood-Exilanten an, von denen der eine noch nie in der Öffentlichkeit gesungen hat und der andere sich nicht wirklich für gesungenes Theater begeistert. „Es ist surreal“, sagt Burton vor Journalisten in London über die schockierend problemlose Umsetzung seiner blut- und lustvollen Interpretation des Sondheim-Musicals, „es ist beinahe so, als seien wir mit einem Streich davongekommen.“ „Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der Fleet Street“ ist der sechste Streich von Tim und Johnny und wohl nicht der letzte. Auch Tims Frau Helena Bonham Carter spielt als lüsterne Bäckerin mit, die Sweeney Todds Mordopfer zu Pasteten verwolft. „Ich weiß nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist“, sagt sie, „aber Johnny und ich sehen uns ähnlich wie Zwillinge. Vielleicht wollte Tim eigentlich Johnny heiraten?“ Nicht so abwegig, dieser Gedanke, wie jeder bezeugen kann, der Johnny Depp einmal gegenübergesessen hat, diesem schönsten Mädchen des Films, der ein Junge ist, mit Wangenknochen, in deren Schatten man Zuflucht vor einem Gewitter suchen könnte, und einem Mund wie gemalt. Es gibt Frauen, die bei seinem Anblick in Tränen ausbrechen. Wirklich passiert und bezeugt bei den Golden Globes vor Jahren, als er mit seiner Gefährtin Vanessa Paradis den roten Teppich entlangschritt. „Wieso haben die geweint?“, wollte er wissen, als er davon erfuhr, und schnupperte an seinen Achseln. „Rieche ich vielleicht schlecht?“ Er ist ein Spaßvogel, berüchtigt für seinen versierten Umgang mit Furzkissen an ernsthaften Filmsets und ähnlichen Scherzartikel-Humor. Johnny Depp hat nichts von dieser gequälten Attitüde, die sehr schöne Menschen manchmal pflegen.
- Schlagen Sie hier relevante und interessante weiterführende Inhalte zu diesem Artikel vor.
Er guckt sich ungern im Spiegel an, deshalb ist er meist unrasiert. Auch versucht er sich lieber mit dicken Augengläsern zu entstellen als mit Kontaktlinsen herumzufummeln. Seit Jahren, scheint es, trägt er die gleichen Kleider: Verwester Fedora, obenrum multiple Lagen aus T-Shirt und Flanell, untenrum löchrige Jeans, an den Füßen Arbeiterstiefel, die aus einem Grabraub stammen könnten, das Ganze garniert mit einem halben Pfund Billigschmuck. Jedem anderen Mann in seinem Alter würde man nahelegen, einen großen Sack für die Heilsarmee zu packen. Aber Johnny hat Narrenfreiheit. Er ist das Objekt einer unschuldigen Begierde: George Clooney ist ein Traummann, Johnny einer zum Träumen. Die Löcher in den Jeans hat er sich wahrscheinlich geholt, als er einen Schmetterling zu haschen versuchte und im Zaun hängen blieb. Seinen Hut, der aussieht, als röche er, nennt er einen Freund. „Ich befreite ihn aus einer Kiste in meinem Haus in Los Angeles, wo ich ihn vor Jahren vergessen hatte.“ Jedes Schmuckstück hat sentimentale Bedeutung. Die Totenkopfringe: ein Geschenk von Iggy Pop. Das Plastikperlenarmband: eine Kreation von Tochter Lily-Rose, das Che-Guevara-Amulett: Erinnerung an Ted Demmes Film „Blow“, in dem er einen flamboyanten Drogendealer spielte. Jede seiner 13 rührend stümperhaften Tätowierungen ist Memento. Der Indianerkopf: in memoriam seiner Tscherokesen-Vorfahren. Die tintenblauen Kästchen zwischen den Fingern? „Hat mir ein Schulfreund eingeritzt.“ Die 3 auf dem Zeigefinger? „Ist das nicht irgendeine Art Glückszahl? Dachte ich mal.“ Dann sind auf Brust und Armen noch Namen verewigt, von Betty Sue, seiner Mutter, und seinen Kindern Lily-Rose, 8, und Jack, 5. Nicht zu vergessen das legendäre „Wino Forever“-Bekenntnis auf dem Oberarm, das vor 15 Jahren noch vollständig „Winona Forever“ hieß, gewidmet der Liebe seines Lebens in der Periode von 1989 bis 1993. Winona Ryder, die das Ende der Verlobung zu dem Serien-Monogamisten nie richtig verwunden zu haben scheint, könnte als Schwester ihrer Nachfolgerin Kate Moss durchgehen; Kate, die seit der Trennung von Johnny nur noch Trouble mit Männern hatte, sieht ihrerseits aus wie die Schwester von Vanessa Paradis, die wiederum eklatante Ähnlichkeit mit Depp selbst aufweist. Die gleichen Waisen-Augen, die zarte Gestalt. Ist es Narzissmus, wenn man sich immer Gefährtinnen sucht, die einem wie Verwandte gleichen? Man darf Depp so was fragen. Dann denkt er kurz nach und sagt: „Sie meinen, ich begehe eine Art Inzest?“ Um Gottes willen. Vergessen wir die Frage. Wenn Vanessa und Johnny sich aus ihrem französischen Landhausidyll nach Hollywood begeben, wirken sie stets ein wenig verloren zwischen den routinierten Glamour- und Glitzerstars. Die Königskinder fremdeln in der Welt, die ihnen zu Füßen liegt. „Alles, was ich denken konnte“, sagte Johnny über seine Oscardefilees anlässlich der Nominierungen für „Wenn Träume fliegen lernen“ und „Fluch der Karibik“, „war: Wann kommen wir hier raus, um eine zu rauchen? Und: Wo krieg ich einen Drink her? Und: Wann ist das endlich vorbei? Und: Bitte, lass mich nicht gewinnen!“ Niemand dürfte sich mehr über den Ausfall der Golden-Globe-Party dieses Jahr gefreut haben als der Sieger in der Kategorie Bester Hauptdarsteller.
