Johanna Wokalek: Eine Frau für alle Gefälle

Aus den Höhlen der RAF zu den Höhen der Eigernordwand: Johanna Wokalek ist in diesem Kinoherbst die Heldin der Hingabe

 

Dann hing sie an diesem Seil, in der Wand. In der Eigernordwand. Ein knapper Blick bestätigte ihr: Ja, hier geht es senkrecht runter. Johanna Wokalek zittert ein wenig nach, als sie von ihren ganz persönlichen Vorbereitungen auf das Bergsteiger-Drama „Nordwand“ erzählt. Zwar gehört sie als Zeitungsvolontärin und -fotografin Luise in Philipp Stölzls Film zum heimlich liebenden, offiziell Bericht erstattenden „Bodenpersonal“, aber verstehen wollte sie den Drang nach oben doch. Also ist sie geklettert, mit einem Bergführer. Diese Sucht der Bergsteiger ist ihr nun nicht mehr rätselhaft, „allein schon wegen der Adrenalinschübe, die es einem beschert“.

Das Erstaunliche: Sie berichtet zart, fast leise, wie sie auf einmal spüren konnte, was es mit diesem legendären Vertrauen innerhalb einer Seilschaft auf sich hat. Ihre Art zu erzählen nimmt einen beinahe so dringlich für Johanna Wokalek ein wie ihr Spiel. Denn diesen besinnungslosen Schwärmereien von Schauspielern von der wahnsinnig schönen Atmosphäre am Set, diesen beinahe aggressiven Beteuerungen ist ja wenig zu trauen. Johanna Wokalek aber will man trauen – weil sie nicht angibt, nicht dröhnend alles glattjubelt, sondern dezent schildert, lange nachsinnt, bevor sie antwortet, weil sie Verwunderung nicht leugnet, weil sie ehrlich schweigt, wenn sie nichts zu sagen weiß.

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Dann kann man sehr schön mit ihr warten, ob das kleine Wort, das sie auf den Lippen vorzuschmecken scheint, doch noch hinausdarf in die Welt. Diese Fähigkeit zum eleganten Zögern vor dem beherzten Zupacken, zum jungdamenhaften Betragen, gepaart mit handfesten Hinweisen auf ein Mehr, das in ihr steckt und sich noch entladen wird, auf ein Geheimnis – diese Kombination kommt ihr zupass in den Rollen, die sie als Fräulein zeigen. Die Luise in „Nordwand“, der 1936 spielt, als arische Helden auch in der Steilwand gefragt waren, sie ist so eine: brav zunächst, nicht bieder hübsch, kein Mädel, von interessanterer Schönheit. Ein Fräulein zu Beginn, auch weil eine Berchtesgadenerin in der Reichshauptstadt nicht die Klappe aufreißt, eine klug leidende Frau am Ende. „So wie Philipp Stölzl das jetzt erzählt hat, mit den Menschen am Berg, mit so wenig Pathos wie möglich“, lobt sie, „nicht so heldisch überhöht, das hat mir gefallen.“

Und überhaupt, falls man noch Zweifel habe: „Wenn echter Heimatfilm-Kitsch gedroht hätte, wäre ich kaum mit dabei gewesen.“ Nun aber sehe man „Menschen, die einer Extremsituation der Naturgewalt ausgesetzt sind und um ihr Leben kämpfen. Das ist schon an sich extrem, eine für sich erzählenswerte und berührende Geschichte, die muss man nicht noch überzuckern oder aufblasen.“

Ob man seinen Liebsten solch gefährliche Unternehmungen nicht besser austreiben sollte? „Na, das Verbieten ist da auch schwierig“, findet sie, „man will doch den anderen so akzeptieren, wie er ist. Dann ist Liebe auch, so etwas zuzulassen. Aber es ist bestimmt hart.“ Gesteht man ihr, in aller gebotenen Vorsicht, den Gedanken ein, ihr Gesicht eigne sich perfekt für solche entwicklungsfähigen Frauen vor 1950, lässt sie erkennen, dass sie versteht, was man meint. Sie zeigt aber auch, dass sie sich schon mal mehr gefreut hat. „Oh, da muss man wohl aufpassen“, kommentiert sie, wieder lachend, das Risiko, die Frau für die „Geschichtsfilme“ zu werden. Den halb ernsten Rat, sich bei der nächsten Irmgard-Keun- oder Erich-Kästner-Verfilmung besser tot zu stellen, lehnt sie, wieder fröhlich und milder, dankend ab.

Kann sein, dass sich das Thema sowieso bald erledigt hat, denn im „Baader-Meinhof-Komplex“ spielt sie die schwäbische Polit- Domina Gudrun Ensslin zum Fürchten stark. Und jetzt „Die Päpstin“, auch ein harter Brocken, „da geht es auch nicht ohne tiefes Eintauchen ins Mittelalter“, während sie die Luise und die Ensslin noch spürt, sie nicht einfach an der Garderobe abgeben konnte, nach all dem Lesen, den Fragen, dem Spiel, der „Pfarrerstochter-Unerbittlichkeit“ (Aust), der Verausgabung.

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