Jemima Khan - die Odyssee meiner Väter
Für Jemima Khan blieb ihr Vater Sir James Goldsmith immer ein wenig rätselhaft. Schließlich fand sie Antworten – im Leben ihres deutschstämmigen Großvaters Frank. Die britische Socialite und Modedesignerin erzählt zum ersten Mal die Geschichte ihrer Familie
Mein Vater James war kein nostalgischer Mensch. Er neigte nicht dazu, die Restposten der Vergangenheit aufzubewahren, es gibt keine Fotos, Tagebücher oder Notizbücher. Allein ein vergilbtes Foto seines Vaters Frank stand in seinem Badezimmer in unserem Haus in Richmond: ein eleganter, ernst blickender Mann in Uniform, der ein Reiterschwadron durch die Straßen seiner Heimatstadt Bury St Edmunds führte, drei Tage bevor der Erste Weltkrieg ausbrach.
Bis vor Kurzem wusste ich nicht allzu viel über meinen Großvater, eigentlich nur dies: Er wurde fast ein Jahrhundert vor mir geboren, 1878. Er war ein Jude. Ein englischer Gentleman. Ein anständiger Mann. Und spät in seinem Leben der „Popski“ von zwei Söhnen, meinem Vater Jimmy und meinem Onkel Teddy. Das war’s so ungefähr. Ich stieß auf Franks alte Bücher in der Bibliothek meines Onkels Teddy: Dickens, die Encyclopædia Britannica. Auf der Innenseite der Einbände war in einigen Fällen der Name Goldschmidt fein säuberlich ausradiert und durch Goldsmith ersetzt worden. Unter dem Namen war „Frankfurt“ ebenfalls ausradiert worden, nur in manchen Büchern gerade noch zu entziffern.
Frank stammte also aus Deutschland, wo er bis zu seinem 17. Lebensjahr lebte. Ich hatte bis zu diesem Moment nicht gewusst, dass mein Vater nur eine Generation von Deutschland entfernt war, und ich beschloss, alles über Frank herauszufinden. Wie viele jüdische Familien im späten 19. Jahrhundert waren Franks Eltern, Adolph und Alice Goldschmidt, durch den zunehmenden Antisemitismus in Deutschland verunsichert. 1893 kamen sie überein, die Familienbank B. H. Goldschmidt zu schließen und sich ins Ausland abzusetzen.
Alice war in Birmi geboren, so entschieden sie sich 1895, in ihr Heimatland zurückzukehren. Frank war zu dieser Zeit 17 Jahre alt, das jüngste von vier Kindern. Seine ältere Schwester Nellie blieb in Deutschland bei ihrem deutsch-jüdischen Ehemann Ernst von Marx. Adolph Goldschmidt erwarb ein Grundstück in Suffolk und errichtete ein Herrenhaus darauf, Cavenham Hall. Die Fotos aus dieser Zeit zeugen von kurioser englischer Lebensart: die Goldsmiths beim Cricket, beim Reiten oder Tennisspielen. Auf dem Vorplatz standen prächtige Kutschen und sogar eines der allerersten elektrischen Autos. Es gibt Fotos von livrierten Dienern, rassigen Hunden und einer beeindruckenden Kunstsammlung. Der Deutsch-Jude Adolph, nun bereits Mitte 50, ist in einem dreiteiligen Tweed-Anzug abgebildet, mit Kläppchenkragen und Krawatte, auf einem anderen Foto trägt er eine Crickettasche. Auch seine Söhne wurden bei typisch englischen Vergnügungen fotografiert, beim Jagen oder Fischen. Nach wenigen Jahren waren aus ihnen englische Gentlemen geworden, stilsicher gekleidet, mit perfektem britischem Akzent, Benehmen und Geschmack.
