Die Vorläuferin

Wenn jemand weiß, wo Paris am französischsten ist, dann weiß es sie: Sie war Lagerfelds erste Muse, ein Nationalheiligtum, kein Model, sondern Mannequin. Hier öffnet Inès de la Fressange sich und ihre Welt

 

Diese Frau weiß sich zu helfen, wenn der Fotograf ungeduldig vor der Tür steht, ein Coiffeur nicht zu greifen und eine Visagistin selbst in Paris nicht auf die Schnelle zu buchen ist.Dann werden die Lockenwickler mit der Rechten in den Strubbelkopf gedreht, während die Linke das Telefon hält, nebenbei werden Fragen der Sekretärin beantwortet, Geschäftsbriefe kurz angelesen und, so ganz nebenbei, wird auch noch das Make-up aufgelegt. Das hat sie so oft gemacht, dafür braucht sie nicht mal mehr einen Spiegel. Inès de la Fressange ist schließlich von der alten Schule.

Sie war das erste Supermodel der Modegeschichte, in einer Zeit, als die Models noch Mannequins hießen und tief im Schatten der Hollywood-Stars standen; als das Business noch arm an Illusionen, aber voll harter Arbeit war.

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Ihre ersten Bilder erschienen 1975 in der ELLE, in den Achtzigern war sie die Muse Karl Lagerfelds und das Gesicht Chanels. Sie war die erste Großverdienerin der Branche, es gab keinen Designer, für den sie nicht über den Laufsteg ging, keinen Fotografen, der nicht mit ihr arbeiten wollte. Sie stand für Richard Avedon und Horst P. Horst vor der Kamera, und einmal, da traf sie im Fotoatelier auf einen „Mann mit Gehstock und Hut, der nicht einmal in die Kamera blickte, bevor er den Auslöser drückte“. Das war Sir Cecil Beaton.

Neulich ist sie zwar wieder mal für Hermès über den Catwalk gelaufen, doch das zählt nicht, meint sie, das Model-Dasein liegt längst hinter ihr. „Im August werde ich 51, ich bin zweifache Mutter und Geschäftsfrau.“ Genauer gesagt: Markenbotschafterin von Roger Vivier. Das Haus Vivier war ein Fixstern in der Modegeschichte, ein französisches Heiligtum wie Dior oder Chanel, strahlend bis in die Sixties, dann allerdings verstaubt – bis Diego Della Valle sich 2001 die Namensrechte kaufte. Drei Jahre später beauftragte der Italiener, der das Label Tod’s berühmt gemacht hat, den jungen französischen Schuhdesigner Bruno Frisoni sowie Inès de la Fressange damit, die Marke Vivier aufzupolieren und die handgemachten Luxusschuhe wieder unter das bestens verdienende Volk zu bringen.

Im Frühjahr 2004 eröffnete der erste Roger-Vivier-Laden in der Rue du Faubourg St. Honoré, und bislang hat Fressange ihre Aufgaben dort – ihr Büro ist in den hinteren Räumen des Geschäfts untergebracht – äußerst erfolgreich erledigt. Zu der Schuh- kamen eine Taschen- und Accessoire-Kollektion, im Frühjahr gingen in Mailand die Türen auf für einen weiteren Verkaufstempel, die Umsätze steigen rasant: allein im Geschäftsjahr 2007 um 146 Prozent auf 16 Millionen Euro.

Weil eine formschöne Frisur Zeit braucht – noch immer krönen die Lockenwickler im Dutzend ihr Haupt –, demonstriert die drahtige Pariserin, dass sie sich nicht nur um die Kommunikation und das Image der Marke kümmert, sondern auch um die Dekoration sämtlicher Läden und Shops. Sie führt ihre Besucher durch ein Interieur, das beweist, wie trefflich auch unterschiedlichste Dinge zueinander passen: das futuristische Entree im Erdgeschoss und die stuckverzierten Räume und hochherrschaftlichen Flügeltüren im ersten Stock; ein gemütliches Ledersofa von Hervé van der Straeten und die Avantgardemöbel Jean Prouvés; Gemälde von Nicolas de Staël und eine Zeichnung Picassos. Den Großteil der Einrichtung hat Fressange auf dem Pariser Flohmarkt von Saint-Ouen aufgestöbert.

Während sie mit dem Lidschatten zu Werke geht, erzählt sie vom ersten Treffen mit ihrem Chef, das mit der quälenden Frage begann: „Welche Schuhe trage ich, wenn ich mit dem Fahrrad zum Hôtel Ritz fahre, um Diego Della Valle zu treffen, den König der Schuhe? Sneakers, unmöglich. In High Heels bis zum Place Vendôme radeln, undenkbar. Also nahm ich hübsche, praktische Pumps mit kleinem Absatz. Im Ritz fragte mich Diego, wen ich mir als Designer für Vivier vorstellen könne. Ich zeigte auf meine Schuhe: Bruno Frisoni wäre gut. Er nickte und sagte: ‚Ich habe Bruno schon längst engagiert.

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