Na schön,
Iman war das erste schwarze Supermodel, ist eine erfolgreiche Unternehmerin und mit David Bowie verheiratet. Doch glücklich ist die 52-Jährige erst, wenn "Menschenrecht" keine Worthülse mehr ist. Nach dem Fototermin mit PARK AVENUE ging ihr Kampf weiter
Sie war auf dem Weg zum Hörsaal, als er plötzlich vor ihr stand, ein blonder Amerikaner mit markantem Gesicht, der sie ansah, wie noch viele Männer sie ansehen würden. Er hieß Peter Beard, war ein Freund von Andy Warhol, Playboy, Großwildjäger und Fotograf. Sie hieß Iman Abdulmajid, 19 Jahre alt, Studentin der Politischen Wissenschaften in Nairobi, ausgebildete Soldatin und seit einigen Monaten unglücklich verheiratet.
Ob er sie fotografieren dürfe. Er würde auch bezahlen. 6 000 Dollar, sagte Iman. So viel würde es kosten, ihr Studium zu beenden. Peter Beard zahlte - das Mächen war die Entdeckung seines Lebens. Er schickte ihre Fotos an seine Freundin Wilhelmina, Inhaberin einer der größten Modelagenturen New Yorks. Als die Bilder ankamen, hielt sie die Luft an. Diese Gliedmaßen, dieser Hals, diese Haut. Wo nur hatte er das Mädchen gefunden? Beard motzte die Geschichte noch ein bisschen auf. Irgendwo im hintersten Osten Afrikas sei sie ihm im Busch begegnet, sie habe Ziegen gehütet. Vielleicht sei sie eine verstoßene Prinzessin. Ein weiblicher Tarzan. Die Fabel erscheint auf Seite eins der New York Post. Von all dem weiß die Studentin im fernen Nairobi nichts. Sie hört nur irgendwann, dass der amerikanische Fotograf versucht, sie zu erreichen. Iman hat kein Telefon, sie findet sich zur verabredeten Zeit im Büro einer Freundin ein, die für eine Fluggesellschaft arbeitet. Beard fragt am andern Ende der Leitung, ob sie nach New York kommen wolle, die Agentur biete ihr einen Vertrag, das Flugticket liege bereit. Iman denkt vor allem: Es wäre ein Ausweg aus ihrer Ehe, die sie gegen den Willen der Eltern eingegangen war. Für die Ausreise bräuchte sie jedoch das Einverständnis ihres Mannes, da sie noch keine 21 ist. Also fälscht sie ihre Papiere, macht sich älter, sagt niemandem ein Wort. Im Oktober 1975 kommt sie in Manhattan an. Es ist kalt, und die New Yorker Müllabfuhr streikt. Sie fährt im Taxi an Abfallbergen vorbei und denkt: In welchem Dritte-Welt-Land bin ich hier bloß gelandet? Einen Tag später lädt ihr Entdecker zu einer Pressekonferenz. Peter Beard stellt Iman vor, die wilde Göttin, die angeblich kein Wort Englisch versteht. Die Journalisten starren. Afrika, das war vor 30 Jahren noch unendlich weit weg, es war, als säße vor ihnen eine wunderschöne Mondbewohnerin. Beard hatte Iman erst Minuten vorher in seine Ziegenhirtin-Saga eingeweiht. Dummerweise hatte er eines nicht bedacht - sie sprach kein Swahili, er nicht Somali. Und so konnten sie sich vor den Journalisten nur per Zeichensprache verständigen. Iman spielte eine Weile mit, sie, die nicht nur Englisch fließend sprach, sondern auch Französisch, Italienisch und Arabisch. Irgendwann wurde es ihr zu dumm. "Weshalb reden Sie nicht direkt mit mir?", fragte sie die staunenden Presseleute. Weshalb sie das nicht gleich gesagt habe, fragten die. Weil es sich so besser erzählt, sagte Iman. Das fanden die Journalisten auch, die Mär vom schwarzen Aschenputtel ging um die Welt.
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Wir sitzen im Mercer-Hotel in SoHo, als Iman diese Geschichte wiedergibt, mit ihrer leicht rauen Stimme und dem schallenden Lachen. Drei Straßen weiter, im Penthouse in der Lafayette Street, wartet David Bowie, ihr Mann, mit der gemeinsamen Tochter. Es ist gut ausgegangen, das Märchen von Iman. Und klar, sagt sie heute, es sei auch eine rassistische Geschichte. "Aber ich habe mich immer eher als Komplizin gesehen, nicht als Opfer." Sie habe ja jederzeit aussteigen können. Sie spielte auch mit, als Thierry Mugler ihr später einen Affen auf die Schulter setzte und ihr Leopardenbabys in den Arm legte. Als Iman nach New York kam, hatten schwarze Models in der Modewelt wenig zu suchen, jedenfalls nicht an der Spitze. Es galt schon als kleines Wunder, dass Beverly Johnson ein Jahr zuvor auf der Titelseite der Vogue gewesen war. Bei Iman war alles anders, sie stieg gleich ganz oben ein; dass sie in den USA war, erfuhr ihr entsetzter Vater aus Newsweek. Sie sagt heute, ihr Sensationsaufstieg habe nichts mit ihr zu tun gehabt. Die Zeit sei einfach reif gewesen für einen schwarzen Star. Obwohl, sagt sie nach einigem Nachdenken, vielleicht habe es doch etwas mit ihr zu tun gehabt: Weil sie aus Afrika kam, sei sie sich ihrer Hautfarbe nicht bewusst gewesen, anders als ihre afroamerikanischen Kollegen. "Ich habe mich nie als Minderheit gefühlt. Ich bin nie wegen meiner Hautfarbe diskriminiert worden - nicht, bevor ich nach New York kam." Deshalb ließ sie sich auch nie was gefallen, von Anfang an nicht. Sie bettelte nicht, sie forderte. Das fing bei der Gage an - sie wollte genauso bezahlt werden wie ihre weißen Kolleginnen, mindestens. Am zweiten Tag in New York wurde sie in das verspiegelte Büro von Halston bestellt, dem legendären 70er-Jahre-Designer. "Darling, kannst du laufen", fragte der, während er sie musterte. "Wie, zum Teufel, denkst du, bin ich hierhergekommen", gab Iman zurück. Gelernt hatte sie es nie. Sie hatte in ihrem Leben noch keine hohen Absätze getragen, schon gar nicht auf einem Laufsteg. Egal, sie konnte es, die Modejournalisten bekamen später nicht genug davon, wie sie katzengleich an ihnen vorbeischnurrte. Iman wurde das erste schwarze Supermodel, hatte mit zwei Millionen Dollar eines der höchsten Jahreseinkommen der Branche. Trotzdem, sagt sie, das erste Jahr in New York habe sie ständig daran gedacht hinzuschmeißen. Sie habe Angst gehabt, aufzufliegen. "Es war ja ein Training on the Job." Wie eine Ente habe sie sich oft gefühlt: "Die sieht man ruhig über den See schwimmen – nur unter Wasser erkennt man, wie sehr sie strampelt." Sie jettete zwischen den Kontinenten hin und her, heiratete einen Basketballstar, bekam eine Tochter. Vor allem feierte sie bis morgens früh im Studio 54, kokste und tat auch sonst so ziemlich alles, wofür sie heute auf youtube.com die Quittung bekäme. Nichts davon sieht man ihr an. Mehr noch, dass sie heute 52 ist, wirkt umso unfassbarer, je länger man Iman betrachtet. Würde sie sich als 30-Jährige vorstellen, man glaubte es ihr sofort. Winzige Lachfältchen hat sie, ansonsten ist ihre Haut jugendlich samtig, der Körper noch immer makellos. Das alles ist nicht nur auf Fotos so, sondern ebenso, wenn man ihr direkt gegenübersitzt. Gute Gene, sonst nichts, sagt sie, der Vater gehe auf die 80 zu und sehe aus wie 40. Sie macht eine Egal-Bewegung mit ihren langen Fingern. Für Komplimente hat sie keine Zeit.
