Helmut Kohl

Man nannte ihn Birne, doch es war mehr: er war eine Abriss-Birne. In seiner Amtszeit fiel die Mauer, fielen die europäischen Grenzen, zerfiel die Moral der politischen Klasse. Was wird bleiben von Dr. Helmut Kohl?

 

Er lebt noch immer hier, in Oggersheim, in diesem Haus. Es steht da wie ein Klotz, breit und weiß und kantig, ein Bungalow wie die anderen in diesen paar besseren Straßenzügen des Ortes, die dann auch gleich Goldstaubhügel genannt werden.

Hinten und an der Seite sind die sieben bis acht Meter hohen Mauern aus Stahlträgern und Beton, die das BKA hochzog, damals im heißen Herbst. Das ist mehr als 30 Jahre her, er hat sie nie abreißen lassen. Oben sind ein paar Glasscheiben mit schwarzen Vogelaufklebern eingesetzt, aber die Sicht auf die hinter dem Haus liegenden Teiche, Schrebergärten und Felder wird längst verdeckt durch Bambusstauden, die die Mauer überragen. Hebt man den Kopf, sieht man allenfalls die Schlote der BASF.

Im Garten ein Swimmingpool, doch den benutzt schon lange niemand mehr, vor der Haustür eine Rollstuhlrampe und eine flache Treppe mit Edelstahlgeländern, Vorhänge und Jalousien zur Straße hin geschlossen. Seine beiden Söhne sind hier unter Polizeischutz und selten glücklich aufgewachsen, an seinem 70. Geburtstag, auf dem Höhepunkt der Parteispendenaffäre, belagerten hier zig Reporter die Haustür, seine Frau hat sich im Schlafzimmer im ersten Stock das Leben genommen. Aber das kleine Wachhäuschen auf dem leeren, unkrautüberwucherten Grundstück nebenan ist besetzt, die Überwachungskameras laufen, ein grüner VW-Bus der Polizei steht auf dem Bürgersteig.

Helmut Kohl ist zu Hause. Es geht ihm nicht gut. Zwar hat er dann doch noch ein paar treue Anhänger in der Hauptstadt, die einem – vielleicht immer noch aus Angst, obwohl er kaum noch Einfluss hat, vielleicht auch, weil sie ihn wirklich mögen – erzählen, dass er längst wieder ganz gesund sei, dass er sein Büro in Berlin wieder fünf- bis siebenmal am Tag anrufe, dass er nur deshalb in Oggersheim sei, weil er in Ruhe an Band vier seiner Memoiren schreiben wolle, der pünktlich zu 20 Jahre Mauerfall im kommenden Herbst erscheinen soll, und weil er sowieso „die Nase voll hat von Leuten wie Ihnen und mir“.

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Doch das stimmt nicht. Freunde, die ihn regelmäßig besuchen oder mit ihm telefonieren, berichten: Er kann ohne Hilfe nicht laufen, er sitzt den ganzen Tag im Rollstuhl oder im Sessel, er wird schnell müde, und er hat Schwierigkeiten, deutlich zu sprechen.

Geistig sei er schon da, doch man müsse zwei- bis dreimal nachfragen, bis man ihn verstehe. Und wie das mit dem Buch gehen solle, das wisse man wirklich nicht.

Anfang dieses Jahres ist Kohl gestürzt, so unglücklich, dass er ein Schädel-Hirn- Trauma erlitt, heißt es offiziell. Dass diesem Sturz ein Schlaganfall vorausging, das glauben die meisten, die ihn kennen. Die Ärzte sind derzeit mit seinem Zustand zufrieden, aber die Heilung brauche Zeit, das sei keine Sache von einem halben Jahr. „Es geht jeden Tag ein bisschen besser“, antwortet Maike Richter-Kohl per SMS alten Bekannten in Berlin, die Genesungswünsche übermittelt hatten. Sie hat er im Mai noch in der Reha-Klinik geheiratet, und seine Freunde sagen, er könne glücklich sein, dass er diese Frau habe. Es sei bewundernswert, wie sie sich um ihn kümmere, sie mache alles für ihn, betütere ihn ununterbrochen, sei „voller Optimismus“, treibe ihn an, habe eine unglaubliche Geduld, mache ein bisschen Training mit ihm und ab und zu einen Ausflug, wie neulich ins Elsass, in sein Lieblingsrestaurant. Manchmal taucht sie bei Einladungen in Berlin auf, allein, er lasse sich entschuldigen.

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