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Wird China zu schlechtgeredet? Mag sein. Doch allein was mit dem Ehepaar Zeng Jinyan und Hu Jia passiert, ist zum Aufschreien
Zeng Jinyan kann ihre Freiheit in Schritten abmessen. Zehn Schritte braucht sie vom Wohnzimmer zum Arbeitszimmer, acht Schritte sind es von dort bis zur Küche, drei Schritte danach steht sie vor der Badezimmertür, und weitere sechs Schritte führen sie ins Schlafzimmer.Von hier noch mal zehn Schritte und sie ist auf dem verglasten Balkon, vier Schritte später zurück bei dem rot-weiß gestreiften Sofa.
Dann geht es von vorne los.
Es ist ein Parcour, den Zeng täglich viele Male abschreitet.
Oft trägt sie dabei ihre kleine Tochter Qianci auf dem Arm und summt ihr leise ins Ohr, fröhliche Melodien, so gut es ihr gelingt.
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Oft dreht sie ihre Runde aber auch allein, abwechselnd wütend und weinend.
Sie ist 24, und seit Monaten sitzt sie fest in ihrem 70-Quadrat meter-Apartment am Stadtrand von Peking, in einer Neubausiedlung, die ausgerechnet Bobo Ziyoucheng heißt: Freiheitsstadt.
Unten vor der Eingangstür hocken auf Klappstühlen Beamte der Geheimpolizei, die Zeng um Erlaubnis fragen muss, wenn sie das Haus verlassen will, und die entscheiden, wer sie besuchen darf. Die meisten Anfragen lehnen sie ab.
Früher konnte Zeng ihnen vom Balkon beim Kartenspiel zusehen, doch vor einigen Monaten montierten sie einen Vorhang an und bläuten ihr ein, ihn nicht zu öffnen.
Früher hätte sie den Stoff wohl zerschnitten und die Schnipsel ihren Bewachern auf den Kopf schneien lassen.
Doch jetzt hat sie ein Kind und einen Mann, der krank im Gefängnis sitzt.
"Vielleicht hätten wir die Warnungen ernster nehmen sollen", sagt sie, und man hört, wie sie die Tränen wegdrückt.
Wir telefonieren, die Polizisten haben an diesem Morgen mal wieder keinen zu ihr gelassen.
Die Warnungen, das waren die Aufforderungen, sie und ihr Mann Hu Jia sollten ins Exil gehen, in die USA, nach Europa oder wenigstens nach Hongkong, Hauptsache weg aus der Volksrepublik.
Denn Zeng und Hu sind Chinas prominenteste Menschenrechtsaktivisten, Kämpfer gegen Korruption, Zensur und staatliche Willkür und damit Störfaktoren für ein Regime, das freie Meinungsäußerung als Anarchie empfindet. Als Zeng Anfang 2007 für ihre Blogs vom Time-Magazin zu einer der 100 einflussreichsten Personen der Welt gewählt wurde, bedeutete das für Chinas Regierung einen Gesichtsverlust.
Dass kurz darauf das Europäische Parlament das Paar für den Sacharow- Preis für Menschenrechte nominierte, empfand Peking wieder als Provokation, und als Hu mit anderen Dissidenten ein Manifest veröffentlichte, das höhere Entschädigungen für enteignete Bauern verlangte, war das Maß für die Partei voll.
Am 27.
Dezember wurde Hu aus seiner Wohnung so schnell abgeführt, dass Zeng, die gerade das Baby badete, ihn nicht einmal mehr sah. Gut drei Monate später, am 3.
April, verurteilte ihn ein Pekinger Gericht nach nur eintägigem Verfahren wegen "umstürzlerischer Absichten gegenüber der Staatsmacht".
Dreieinhalb Jahre Haft.
"Dann ist unsere Tochter schon vier", kommentierte Zeng geschockt das Urteil, als sie flankiert von Mutter und Schwiegermutter das Gericht verließ, die in dicke Decken eingehüllte Qianci auf dem Arm.
Seit der Verhaftung hat sie ihren Mann nur zweimal sprechen können, und wann sie ihn wiedersehen wird, weiß sie nicht.
Ein Berufungsverfahren wird es jedenfalls nicht geben, denn als Hus Anwalt Li Fangping sich am letzten Tag der Einspruchsfrist in Pekings Städtischem Gefängnis Nummer eins mit seinem Klienten beraten wollte, erhielt er keinen Zugang.
Hu war offenbar bereits verlegt worden.
