HAMBURGER SEHENSWÜRDIGKEITEN

Was auch Langzeittouristen selten bis nie zu sehen bekommen, zeigt PARK AVENUE: die Frauen, die zur Hansestadt gehören wie Michel und Uwe Seeler

 

Irgendwie haben doch alle keine Ahnung, alle, die da sagen, das Schönste an Hamburg sei die Alster. Oder die Elbe. Oder der Hafen. Oder die Speicherstadt. Oder der Michel. Oder die 1400 lebenden Deko-Schwäne.
Das Schönste an Hamburg sind seine Frauen. Das kann ich völlig objektiv sagen – ich stamme nämlich aus der schleswig-holsteinischen Weltstadt Kiel und habe den kosmopolitischen Weitblick. Dabei sind Hamburger Frauen nicht nur schön, ich schwöre, es gibt sogar welche mit Brüsten. Das muss an dieser Stelle ausdrückliche Erwähnung finden, denn wer mit nicht Hamburger Männern über Hamburger Frauen spricht, hört Begriffe wie „nordische Schönheiten“ oder „kühle Blondinen“. Und es scheint ein bisschen der Versuch, sich an den typisch weiblich-hanseatischen Knäckebrot-Faktor heranzutasten. Diese typische Don’t touch me-Ausstrahlung der Frauen hier, das gänzliche Fehlen von Vollblutweibern.



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Es gibt keine tiefen Dekolletés. Ist ein Kleid einmal etwas tiefer ausgeschnitten, finden sich im Kleiderschrank der Hanseatin genügend Paschminas, die sie in kunstvollen Girlanden darüber drapieren kann. Ihre Röcke haben stets dieselbe adrette Länge, das Prinzip ist: wenn schon oben tiefer, dann unten länger. Jil Sander, die Ikone der androgynen Frau, hätte in keiner anderen Stadt als Hamburg den Durchbruch haben können. Okay, vielleicht noch in Kiel.

So weit das „We are family!“ der Hamburgerinnen. Ansonsten aber handelt es sich optisch um eine wild gewürfelte Truppe. Da gibt es zum einen die Bewohnerinnen der Elbvororte – kurz die „Elbschnecken“ oder „Elbletten“: Blankeneserinnen, Othmarschenerinnen, Nienstedtenerinnen. Ohne Kalender, der einem „Ja, doch, wir schreiben das Jahr 2008“ bestätigen würde, könnte man, wenn man sie besucht, auch denken, man habe versehentlich eine Zeitmaschine bestiegen und sei 20 oder 50 Jahre zu früh ausgestiegen. Hier stylen sich die Ladys nämlich gern wie die eigenen Mütter und Großmütter – und noch lieber wie ihre Freundin eine Villa weiter: blaues Kaschmir-Twinset, in der Ellenbeuge die Hermès-Tasche, um den Hals meterlange Halbedelsteinketten in mindestens 74 verschiedenen Wickeltechniken.

Auf keinen Fall ist die klassische Elbschnecke zu blond, eher „Heidi Kabel reloaded“, mit hellen Strähnchen wie von der Sonne geblichen. Oft hilft auch Marlies Möller oder Alexandre (Ja!, in Hamburg gibt’s Pariser Chic!) oder früher Gerhard Meir. „Eine Runde Sylter Blond!“ pflegte Letzterer, als er noch in Hamburg weilte, dem Lehrling, der fürs Farbeanrühren zuständig war, zuzurufen. Das wäre sie also, die Klischee-Hamburgerin.

13,3 Kilometer stadteinwärts findet sich die Harvestehuderin – und die gibt sich schon schicker. Zwar nach außen immer noch modisch-klassisch, ist sie im Herzen eine ganz Wilde. Das beweisen ihre verruchten bunten Sommerschals und Woolrich-Strickjacken mit Reißverschluss und Kapuze. Für Hamburger Verhältnisse fast schon ein Freak: die Eppendorferin (von der elbseitigen Spießerfraktion auch gern „Eppendorfer Schickse“ tituliert). Auf ihrem stadtteileigenen Laufsteg, dem Eppendorfer Baum, zeigt sie Mut zu coolen Trends: Army-, Biker- und Belstaff-Jacken, gern auch kombiniert mit derben Stiefeln. Selbst – oha! – Käppis wurden schon gesichtet.

Völlig jenseits von Gut und Böse sind die „Schanzen-Tanten“. Hier gibt man sich jung, stylisch und anarchistisch und schafft es, selbst die teuersten Designerklamotten scheiße aussehen zu lassen. Die Schanzen-Tante hat eine Schwester im Geiste: die „Karoviertel-Trulla“. Ebenfalls manisch kreativ, verkauft sie in ihren kleinen Shops Himalaja-Kristalle und falsche Wimpern. Beide Stadtteilbewohnerinnen hätten nichts dagegen, wenn man sich wie bei „Apollo 13“ komplett vom Mutterraumschiff Hamburg absprengen könnte.

Auch rebellisch und separatistisch – und damit höchst erfolgreich: die Hamburger Modelabels. Sibilla Pavenstedt, Ella Deck, Uli Schneider, „Queen for a Day“, Anna Fuchs pfeifen auf den harten Klinik-Look der großen Übermutter Jil Sander, feiern das Leben, die Weichheit, das Frausein, die Kurve. Mal eng, mal geschnürt, mal drapiert – das Auge isst mit. Und was vielleicht noch vor ein paar Jahren für den Witz schlechthin gehalten worden wäre: Ausgerechnet eine Hamburgerin, die Designerin Bettina Schoenbach, hat unserer Bundeskanzlerin geflüstert: „Hallo, Sie sind eine Frau! Sie dürfen weiblich sein! Selbst in Ihrem Job!“ Schoenbach entwirft Merkels neuen Lady-Look.

Doch egal, wo und in was man die Hanseatin trifft, eines ist sie immer: eine chronische Downgraderin. Nirgendwo ein label to watch, und das, obwohl in dieser Stadt die meisten Millionäre Deutschlands unterwegs sind. Kein Zickzackmuster, das schreit: „Ich bin Missoni!“ Keine ins Haar gesteckten Sonnenbrillen mit goldenem „CD“ oder „Chanel“ auf dem Bügel. Mehr Sein als Schein. Die Kaffee-Milliardärin fährt ganz bescheiden im Golf vor. In Hamburg-Bahrenfeld isst die stinkreiche Reeder-Gattin ihre Jakobsmuscheln in einem Gelbklinker-Restaurant mit Butzenglas, in dem auch dickbäuchige Brummifahrer vor Gulaschsuppe sitzen könnten.

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