GOLDFINGER

Patrick McMullan ist der einzige Partyfotograf der Welt, vor dem die Stars nicht flüchten wie aus einem brennenden Haus – im Gegenteil: Sie gehen dorthin, wo er ist. Denn wo er ist, schäumt das Leben über

New Yorks Upper East Side, 66. Straße. Eine schwere Tür, dahinter die alte Wohnung von Andy Warhol. Sie gehört heute Tom Freston, dem ehemaligen Chef von Viacom, der hat drei Dutzend Gäste eingeladen, im Kamin brennt Feuer. Donna Karan und Ellen Burstyn treten ein. Die eine: „Patrick!!!“ Die andere: „Darling!!!“ Und dann fallen sie in die Arme eines Mannes, dessen Beruf eigentlich Fluchtgedanken auslösen müsste. Die Szene wiederholt sich in anderen Konstellationen jeden Tag, Uptown wie Downtown, egal ob in abgerockten Bars, beim Young Collectors Ball, in der Metropolitan Opera oder während der New Yorker Fashion Week. Patrick McMullan ist Partyfotograf. Manche sagen Paparazzo, aber das gerade ist er nicht. Er benutzt seine Kamera nicht als Waffe, sondern als Instrument, das den Porträtierten schmeichelt. Dafür wird er geliebt. „Ich habe mich immer zuallererst als Gast gesehen. Ich gehe nur hin, wo ich eingeladen bin“, sagt er. Es mag bessere Fotografen geben als ihn – aber keiner hat Zugänge wie er.

Wenn etwa Ghislaine Maxwell, die Tochter von Robert Maxwell, zum kleinen Abendessen einlädt, sitzen in ihrem Wohnzimmer Gettys und Stauffenbergs und Radziwills, die Haushälterin serviert im gestärkten weißen Schürzchen, und mittendrin der hagere McMullan, der mit Wall-Street-Legende Bruce Wasserstein plaudert. Später kommt Vanessa von Bismarck, Patrick hat die Kamera längst weggelegt und plant zum hundertsten Mal die große gemeinsame Party auf Schloss Friedrichsruh. „Wer Patrick McMullan nicht kennt, sollte öfter ausgehen“, sagte Andy Warhol mal. So war es vor 25 Jahren, so ist es heute. Umgekehrt heißt das: Wenn Patrick da ist, weiß man sich am richtigen Ort. Morgens, oft noch vor dem ersten Kaffee, ist seine Website für viele New Yorker Pflichtlektüre, ein tägliches Barometer der eigenen Wichtigkeit. Wie oft ist man fotografiert worden? Mit wem? Und welche Schmach, wenn unter dem Foto nicht der eigene Name steht, sondern ein Fragezeichen.

Durch all das ist Patrick McMullan ein mächtiger Mann geworden, eine Institution. Wer in New York gesellschaftlich wohin will, muss schaffen, dass er einen fotografiert, am besten neben jemand Wichtigem. Einen vorstellt. Er tut das immer, wenn er einen mag. Victoria Aitken, die Tochter eines ehemaligen britischen Staatsministers, war gerade einen Tag in New York, da kam er auf sie zu: „Meet Marianne Faithfull!“ Wenn jemand nicht abgelichtet werden möchte, respektiert er das. Wer sich vorher schnell kämmen will, darf das.

Ist ein Kragen verrutscht, richtet er ihn. McMullan hat ein Elefantengedächtnis. Kennt sich aus mit den Missonis, Hearsts und Lauders, den Cerrutis, Rothschilds, Murdochs, mit Liebschaften, Verwandtschaftsgraden und Feindeslinien – wer niemals zusammen aufs Bild will, weiß er auch. Seine Kunst besteht darin, jedem das Gefühl zu geben, ein Star zu sein. Egal ob er auf einer Spendengala Soldaten der Salvation Army arrangiert wie Orgelpfeifen oder Damen der Gesellschaft nach Haarfarben sortiert. Jeden Abend aufs Neue, mit der gleichen Begeisterung, die er sich fürs Empire State Building bewahrt hat. Es gibt wohl kein Wort, dass McMullan so oft benutzt wie great – great dress, great smile, great to see you.