Die freie Radikale
Martina Gedeck jagt keinen Sympathiepunkten hinterher. Viel lieber reißt sie sich an den Klippen ihrer Figuren die Seele auf. Als sie in der Rolle der Ulrike Meinhof versank, riskierte sie sogar leichte Schizophrenie. Ein Gespräch mit der Voll-, Heiß- und Kaltblüterin des deutschen Films
Andere nennen es Perfektionsdrang, für Martina Gedeck ist es der normale Anspruch an ihre Arbeit. Um Magie sollte es dabei gehen. Und um Geist, im Sinne von Klugheit, auch Sensibilität. Und um die eigene Handschrift. Am besten, alles kommt zusammen. Kommt es aber zu selten. Die Kollegen sollten sich gefälligst ein bisschen mehr Mühe geben beim Denken, beim sogenannten künstlerischen Arbeiten. Da muss etwas passieren, das lohnt, dass man Kraft gesammelt, sich konzentriert, Zellen angestrengt hat. Gedeck fordert das alles ein – ja, ist es denn ein Wunder? Ist es nicht der legitime Anspruch einer erstklassigen Schauspielerin auf der Höhe des Könnens? Nur eine kleine Auswahl von Titeln, die im Rückblick seltsam verpflichtend klingen: "Deine besten Jahre", wo sie mit einer riesigen Lebenslüge konfrontiert wird; "Hunger auf Leben", dort spielte sie die DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann; dann natürlich ihre triste Sexgier in "Elementarteilchen" und "Das Leben der Anderen", der Oscar-Sieger, mit Gedeck als zwiespältigem Ostberliner Theaterstar. Die Frage, so hat sie ihre Arbeit mal skizziert, "ist stets, was die Figur mich machen lässt". Da muss die Figur sich schon eine genaue Inspektion gefallen lassen, muss sich beinahe ausliefern, nicht umgekehrt. "Die Ahnung eines Mysteriums hinter einem nachtschönen Geiergesicht" wollte der Spiegel schon 1995 entdeckt haben und schlussfolgerte richtig: "So was macht Regisseure scharf." So was macht aber auch Kollegen und Kritiker nervös, diese Wucht der Erwartungen, diese Bereitschaft zur Anstrengung.
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Man dürfe nicht schön sein wollen, erkannte Gedeck rasch, als sie begann, vor Kameras zu stehen, sonst werde man "maskig". Seitdem sind Gedeck-Auftritte in Filmen von jener Überzeugungskraft, dass einem danach schon sehr boshaft zumute sein muss, um nur nachzusinnen, wer das sonst hätte spielen können. Ob als brave, von einem DDR-Spion um den Finger gewickelte Sekretärin in "Romeo" oder als besessene Köchin in "Bella Martha", die das Leben jenseits der Töpfe erst entdecken muss: Ein Solitär ist sie geblieben. Es ist fast beängstigend, wie lange schon Gedeck ihre Form der Aneignung demonstriert, die wenig zu tun hat mit Hurra-Okkupation, umso mehr mit einer schleichenden Durchdringung: präzise Millimeterarbeit.
So konstant "liefert" sie, dass es die Kritiker zu ärgern scheint. So erschrecken sie die Schauspielerin mit Kürzestsätzen wie "Gewohnt genial: Gedeck" oder "Wie immer toll: die Gedeck". Das ist schon nicht mehr zweischneidig, scheint ihr, sondern ein gewetztes Messer.
Es bedeutet: Beim nächsten Mal, wenn du das nicht übertriffst, dann bist du dran. Es heißt dazu: Man muss sich schon ein paar wirklich heftige, happige Rollen besorgen, wenn man das Niveau auch nur halten will. Martina Gedeck ahnt nicht bloß, dass es immer schwerer wird, sie erfährt es. Sie weiß, kein Angebot ist selbstverständlich.
Sie freut sich – denn die wirklich guten Rollen werden selten vergeben, ohne dass sie gefragt wurde. Wenn Sie den Part der Ulrike Meinhof im "Baader-Meinhof-Komplex" nicht bekommen hätten – wären Sie beleidigt gewesen? Ja, schon. Ich glaube, ja. Zumindest wäre ich verärgert gewesen. Vielleicht nicht bloß verärgert, schon sauer, doch. Oder irritiert. Da hätte es einen triftigen Grund geben müssen, warum ich das nicht spielen soll. Ich hätte das vielleicht verkraftet, wenn es nur um die junge Ulrike Meinhof, also von 20 bis 25 Jahren, gegangen wäre. So wie ich nachvollziehen kann, dass man mir nicht die Rolle der jungen Kaiserin Sissi anbietet, wenn man das noch mal verfilmt. Sie sind froh, dass Sie gefragt wurden. Das stimmt. Vor langer Zeit, etwa 15 Jahren, hat mir meine Schwester ein Video mit Ulrike Meinhof rübergeschoben, mit den Worten "Hier, falls du die mal spielen musst, dann hast du die Stimme schon mal. Hör dir mal an, wie die redet!" Das war aus einem Film, den Helma Sanders- Brahms Ende 1969 über sie gedreht hat. Was hat Ihre Schwester damit gemeint?
