Carice van Houten
Denkt man an die Niederlande, fallen einem Windmühlen ein. Denkt man holländische Schauspielerinnen, auch. Doch dann kam Carice van Houten. Sie küsste Tom Cruise, Jude Law, Leonardo DiCaprio. Und die Welt verfiel ihr
Es ist nicht ihr Tag, und die Vorstellung, dass sie gleich auf einem ausrangierten Schiff irgendwo im ehemaligen Londoner Hafen fotografiert werden soll, macht die Sache nicht nur düster und traurig, sondern auch traurig und düster. Aber weil Carice van Houten Diva gehabe mehr hasst als dieses kalte Novemberwetter, zieht sie den Job durch. Ein Trenchcoat und ein paar Gummistiefel – ach, das wär’s jetzt. Doch man hat ihr ein knöchellanges Chiffonkleid verpasst; und als sie mit den zehn Zentimeter hohen High Heels im Saum hängen bleibt, flucht Carice van Houten zum ersten Mal.
Später, beim Interview im Soho Hotel, gesteht sie: „Meine Hassliebe zu Fotoshootings ist riesig. Im Film spiele ich ja eine Rolle, aber vor dem Fotografen muss ich mich selbst zeigen.“ Selbstverständlich will sie, dass man ihre Fotos sieht, schließlich sei sie Schauspielerin und eitel sowieso. Wenn nur das Fotografieren nicht wäre. „Schizophren, nicht wahr?“
An dieses Gefühl sollte sich Carice van Houten, 32, gewöhnen, denn sie ist auf dem Weg an die Weltspitze. Nach ihrem Überraschungserfolg in Paul Verhoevens Nazi-Thriller „Black Book“ rief Hollywood innerhalb von 18 Monaten gleich dreimal an. In Ridley Scotts „Der Mann, der niemals lebte“ spielt sie die Ehefrau von Leonardo DiCaprio, in „Repossession Mambo“ heißt ihr Mann Jude Law, und in „Operation Walküre“ wird sie von Tom Cruise geküsst. Am 22. Januar kommt der Film über das missglückte Attentat auf Adolf Hitler in unsere Kinos, und Carice van Houten spielt darin als Nina von Stauffenberg die wichtigste weibliche Rolle. „Es ist eine kleine Rolle, aber nicht unbedeutend“, sagt sie.
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So richtig gefordert wird ihr Talent hier nicht, und dass sie Tom Cruise küssen darf, den Hauptdarsteller und Produzenten des Films, ist, wenn überhaupt, nur ein kleiner Trost. Cruise hatte Carice van Houten in „Black Book“ entdeckt, wo sie eine jüdische Sängerin spielt, die sich während des Zweiten Weltkriegs im von den Nazis besetzten Holland versteckt. Er war von ihrer Leistung dermaßen begeistert, dass er sie ohne Casting engagierte. Ein kurzes Telefongespräch, dann hatte sie die Rolle. So muss man sich das vorstellen. Unglaublich. Und es wird noch unglaublicher.
„Cruise hat mir ein Kompliment nach dem anderen gemacht und nur noch in Superlativen mit mir gesprochen. Ich wusste gar nicht, wohin damit.“ Auf ihre Frage, ob er immer so ein positiver Mensch sei, antwortete er: „Ja, aber ich bin nicht verrückt.“ Als Cruise seiner Kollegin dann am letzten ihrer zehn Drehtage einen kleinen Film mit ihren Szenen aus „Walküre“ zeigte und dazu Andrea Bocelli „Time To Say Goodbye“ schnulzen ließ, musste sie weinen. „Ich fühlte mich wie eine Prinzessin.“
Schon als Kind wollte sie vor Menschen auftreten, tanzen und singen. Sie ist die Tochter eines Journalisten, besuchte die Schauspielschule in Amsterdam, bekam erste Angebote beim Fern sehen und am Theater, wird schnell eine nationale Film- und Bühnengröße. „In Holland suche ich mir meine Rollen inzwischen aus. Aber im Ausland kannte mich vor ein paar Jahren noch keiner“, sagt sie. „Black Book“ sei ihr Ticket gewesen, mit dem sie raus aus Amsterdam kam.
