BITTE EIN PITT

Ildikó von Kürthy schreibt die erfreulichsten Herzschmerzromane seit Erfindung der Geschlechtsreife. Für uns wandelte sie auf den Spuren, die Brad Pitt in Berlin hinterließ

 

Es ist Nacht. Und es geht um Sex. Aber nicht nur. Es geht auch um ein blödes Filzhütchen, das kein Mann tragen kann, ohne darunter seine Würde, seine Männlichkeit und seine (sollte er sie je gehabt haben) erotische Ausstrahlung zu verlieren. Es geht um grüne Sichtschutzplanen und abgedunkelte Scheiben, die wichtigsten Accessoires im Leben von Superstars. Es geht um ein Fenster, hinter dem noch Licht brennt. Es geht um das berühmteste Paar der ganzen Welt.

Ich bevorzuge es, mich der Zieladresse im Schutz der Dunkelheit zu nähern. Zu einer Tageszeit, wo niemand mehr draußen ist, nicht hier zumindest, wo die Häuser so groß und vornehm sind, dass ihnen eine einzige Hausnummer nicht reicht, und auf den Klingelschildern entweder gar nichts steht oder es bloß Initialen zieren, die bestimmt auch gelogen sind.

Ich parke zwei Straßen weiter weg und fühle mich schon beim Einbiegen in die Straße beschämt und in etwa so wertig wie eine abgestempelte 45-Cent-Marke. Die Schritte schüchtern, die Schultern einge zogen, ganz wie bei jemandem, der nicht eingeladen ist, aber trotzdem mal auf einen Sprung vorbeischaut.

Ein Wagen aus Euskirchen fährt in Schrittgeschwindigkeit an mir vorbei. Ich straffe die Schultern, um so auszusehen, als gehörte ich hierher. Fahrer und Beifahrer lehnen sich schräg nach links, als herrsche innerhalb des ältlichen Audis ein ungeheuerlicher Seitenwind. Sie spähen und tuscheln und suchen keinen Parkplatz, sondern Berlins jüngste Sehenswürdigkeit: Am Sandwerder 21 bis 23. Es war leider kein Akt selbstloser Recherche, durch den ich diese Adresse herausfand.

Sie steht mittlerweile in jeder Zeitung, und nicht nur in den schmuddeligen, auf die man ja immer nur durch Zufall einen Blick erhascht, durchs grobmaschige Gitter der Berliner Abfallkörbe hindurch oder vorbei an den Armen des dicken Sitznachbarn im Bus.

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Ich wechsle die Straßenseite, ein Flutlicht flammt auf und taucht den Gehweg, den Zaun und bedauerlicherweise auch mich in unfreundliche geschätzte 10 000 Watt. Kein Zweifel: Ich stehe direkt vor Brad Pitt. Aber der scheint sich nicht besonders zu freuen, mich zu sehen.

Im Oktober begannen in Berlin die Dreharbeiten zu „Inglourious Basterds“, einem Film von Quentin Tarantino, in dem eine Gruppe jüdisch-amerikanischer Soldaten im besetzten Frankreich gezielte Vergeltungsschläge gegen die Nazis ausführt. Zeitgleich mit den Dreharbeiten startete in Deutschlands Hauptstadt ein Schauspiel mit dem Titel
WO IST BRAD PITT?.

Reporter und Fans machten sich auf die Suche, und Taxifahrer mussten sehr bald für die Adresse Am Sandwerder 21 bis 23 nicht mehr ihr Navi gationssystem bemühen. „Es herrscht Aufruhr an der Spree!“, recherchierte die Gala, und die Neue Zürcher Zeitung verspürte in Berlin „ein ungesund hysterisches Klima“.

Die Hysterie begann exakt an dem Tag, als über dem Berliner Flughafen Tempelhof ein Privatjet einschwebte, ein Konvoi von verdammt vielen VW Touaregs mit selbstverständlich abgedunkelten Scheiben, hinter denen verdammt viele Leute mit dem Nachnamen Jolie-Pitt saßen, in den schnieken Stadtteil Wannsee fuhr und dort hinter dem eigens auf vier Meter erhöhten Sichtschutzzaun wieder verschwand.

Seither haben eine Menge Leute eine Menge Zeit vor diesem Zaun verbracht. Reporter haben immer wieder bei den Nachbarn geklingelt, die artig zu Protokoll gaben, dass sie sich durch den Zuzug der neuen Mieter, die dunklen Limousinen und das uneingeschränkte Parkverbot, das neuerdings vor dem Anwesen der Familie aus Hollywood herrsche, nicht gestört fühlten. An die ständig klingelnden Journalisten wolle er sich allerdings ungern gewöhnen, merkte ein Anwohner dezent an. In dieser Gegend wird man nicht ausfallend.

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