Eine kleine Weltklassereise
Purer Luxus ist exakt messbar: Nie schneller als Tempo 60 fährt der Eastern & Oriental Express von Bangkok nach Singapur. Unser Autor, der äthiopische Prinz Asfa-Wossen Asserate, über eine Zugfahrt, die nur mit sich selbst zu vergleichen ist
Es ist Bangkok, es ist Juli, Zeit des Monsuns, es ist heiß und schwül. Im Bahnhof Hualampong geht es zu wie auf einem orientalischen Basar, es duftet köstlich aus den unzähligen Garküchen. Wir bekommen davon wenig mit. Aus dem klimatisierten Hotel werden wir mit dem klimatisierten Auto zum klimatisierten Extra-Eincheck- Häuschen an einem Extra-Bahnsteig gebracht, der leer und ruhig daliegt. Und an dem ein langer grün und golden in der Sonne glänzender Zug steht, vor jeder Tür ein Steward, der einem die hohen Stufen in den Waggon hinaufhilft. Es ist klar, was ich mir erhoffe von dieser Reise. Ich bin in dieser Hinsicht schon oft enttäuscht worden, aber ich kann nicht anders, als davon zu träumen: von diesen großartigen Reisen der 20erund 30er- Jahre, Marlene Dietrich in dem wunderbaren Film "Shanghai-Express", Spionen, Intrigen, schön gekleideten Menschen, gentleman travellers in Anzügen aus weißem Leinen (mit Weste natürlich) und Tropenhelmen, interessanten Gesprächen und den ganzen Tag Singapore Sling und Gin Tonic.
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Foto-Galerie: Eastern&Oriental Express
Dies ist schließlich der Eastern & Oriental Express. Bangkok–Singapur, 2000 Kilometer in drei Tagen, nie schneller als 60 Kilometer in der Stunde. Gemächlich reisen, um zu reisen und nicht, um irgendwo anzukommen. Es gibt zwei Orte, an denen ich das Treiben der Welt vollkommen vergessen kann, der eine ist mein Club in London, der andere ein Zugabteil. Meine Tasche ist voll mit Büchern: Somer set Maughams "Rain and Other South Sea Stories", eine Biografie über Noël Coward – und eine Verfassung des Staates Malaysia. Vielleicht kann Äthiopien davon lernen, denke ich. Dabei hätte ich doch wissen müssen, was mich erwartet: um mich herum nichts als Baseballkappen, scheußliche kurze Hosen und Sandalen, mit und ohne Socken. Am Ende traue auch ich mich nicht, lasse meinen weißen Leinenanzug hängen. Ich bin der einzige Afrikaner hier im Zug, ich falle ohnehin auf, denke ich, ich will nicht auch noch prätentiös tun. Vielleicht werde ich mit den Mitreisenden wenig zu tun haben, und die drei Tage werden doch nicht so lang sein, wie ich jetzt denke. Immerhin: Die Welt lässt sich auch so problemlos vergessen. Ich habe Abteil D 4 und einen Steward, der Sarawut heißt, eigentlich leicht auszusprechen, er aber besteht trotzdem auf "Woody".
Mein Reich hat ein großes Fenster, holzvertäfelte Wände mit sehr schönen Intarsien, Messingbeschläge, Sessel, Leselampe, Safe, eine gepolsterte Sitzbank, die abends in ein schmales Bett verwandelt wird, ein winziges Badezimmer und eine Klingel für Woody – sehr nett. Der Zug setzt sich mit einem heftigen Ruck in Bewegung. Die Fahrt beginnt. Bald ist es Zeit fürs Dinner, und da geht es gleich weiter:
Ein Speisewagen reiht sich an den anderen, jeder ist in einer anderen Farbe gehalten, Silberbesteck, Kristallgläser, Damastservietten, alles comme il faut, dazu Wonton von Gänseleber in Trüffel-Bouillon mit frischem Fenchelsalat, Medaillon vom Rind mit Gemüsefrikassee und Gnocchi in aromatischer Vindaloo-Soße, White Choco late Delice mit Passionsfrucht-Mousse und Petits Fours. Der Koch kommt aus Frankreich. Und zum Glück: Smart casual, der von der Zuggesellschaft empfohlene Dresscode, kann zwar alles heißen, aber jetzt sieht man Anzüge, sogar Smokings, Abendkleider und Juwelen.
Es reisen viele Australier, Amerikaner und Japaner mit, nur wenige Europäer. Die Stimmung ist eher ein bisschen still. Ab und zu hört man ein lauteres Lachen vom Nebentisch, und es kann sein, dass abends mal Tänzerinnen in der Bar sind und die Australier bis in die frühen Morgenstunden den Klavierspieler mit Jazzund Swingwünschen auf Trab halten; aber es geht an Bord, auch was das Trinken betrifft, durchaus nicht ausschweifend zu.
