ALICE und ARTUR BRAUNER
Kein beliebiger Papa: Dafür ist er zu alt, zu wahnsinnig auch. Ein polnischer Jude, der 1939 beim Einmarsch der Nazis untertaucht und 1946 nach Berlin kommt, ausgerechnet. Er bleibt, dreht Filme. Die Tochter: Nesthäkchen und Nachfolgerin
Papa Artur, der legendäre Filmproduzent, hat im August seinen 90. Geburtstag gefeiert, Mama Maria spricht nicht über ihr Alter, macht aber die tollsten Schnittchen weit und breit. Artur Brauner hat gerade einen Mordsärger mit Großbanken, die ihn am liebsten pfänden wollen. Nachts schläft er kaum, da diktiert er wütende Briefe. Mit 90 Jahren, gibt er zu, lässt die Konzentration manchmal nach, "es ist, als ob ich etwas zu viel Wein getrunken hätte. Aber sonst kann ich mich nicht beklagen: Ich weiß noch 95 Prozent aller Telefonnummern, die ich mir jemals gemerkt habe – und das sind einige Hundert!"
Alice ergänzt: "Mein Vater ist beim Rechnen immer noch viel schneller als meine Söhne mit dem Taschenrechner." Weil seine anderen Kinder, wie Papa knapp befindet, "nicht filmisch" seien, hat Alice seit Anfang 2006 einen Schreibtisch als Geschäftsführerin der CCC Television. Gedrängt hat sie sich nicht.
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Es gibt Tage, da wundert sich Artur Brauner, dass er nach Deutschland kam, dass er blieb. "Vor allem, wenn es in Deutschland politisch mal wieder nicht recht zugeht, sondern stramm rechts. Dann denke ich wieder an früher, an den Krieg – und bin nicht in jedem Moment sicher, ob es damals die richtige Entscheidung war. Aber meist kommt dann wieder Gegenwehr von integren Menschen, das tröstet mich, und ich bin erst mal beruhigt."
Sein Thema, das Thema vieler CCC-Filme, war der Holocaust. Sie will Filme produzieren, die im Hier und Jetzt spielen. Alice hat als Journalistin und TV-Moderatorin gearbeitet, Typ junge freche Hoffnung. Jetzt macht sie doch, was er hoffte, "auf Probe", behauptet sie.
Was braucht ein guter Produzent? "Intuition", findet Artur Brauner. "Die kann man nicht lernen, man kann sie ein wenig trainieren. Aber mit wenig Talent und noch so viel Fleiß kann man nur ein guter Künstler werden, niemals einer von den ganz Großen." Ein Beispiel: "O.W. Fischer und Curd Jürgens. Fischer war ein begnadeter Künstler, mit einer speziellen Aura. Curd Jürgens war im Vergleich ein 'normaler' Schauspieler. Er war sehr gut, aber nicht überragend. Und das wusste er auch." Alice kann sich die Frage nicht verkneifen: "Und du? Bist du eher O.W. Fischer oder Curd Jürgens?" Papa grinst: "Kommt auf die Gage an."
Eine Familie, die prägte und prägt. "Streng war er nicht, aber sehr gerecht", erinnert sich Alice an früher, "musste er auch sein, bei vier Kindern, sonst hätte sich ein Eifersuchtsdrama an das andere gereiht." Gelernt hat sie von ihm: "Dass man kämpfen soll, nicht aufgeben. Mutig sein. Dass man eine Haltung entwickeln und sie dann auch furchtlos vertreten soll, aufrecht… Frei denken, darum ging es, selbst denken."
Papa steht dazu, ein echtes Familientier zu sein. "Sehr gelungen", findet er seine Jüngste, doch "leider hat sie etwas von meiner Sturheit geerbt, auch von meiner Unberechenbarkeit."
Danach setzt er zum Vortrag an, sanft, doch zum Hinter-die-Ohren-Schreiben: "In einer Familie muss man sehr situativ handeln. Manchmal sind die anderen blockiert, genervt, nicht annäherungsfähig. Dann sollte man sie in Ruhe lassen und den richtigen Moment abwarten. Familie ist ein sehr komplexer Verbund von Menschen, es ist sehr schwer, dort einen dauerhaften Frieden zu bewahren." Pause. "Andererseits hilft einem nichts so gut, so direkt, wie ein gutes, warmes Wort aus der Familie. Dann weiß ich sofort wieder, dass es sich lohnt zu leben, zu lieben und zu arbeiten."
