VERGESSEN SIE MAL DIE TOCHTER

Ihre Eltern wurden Feinde - bis zum bitteren Ende. Die Schauspielerin ANNA MARIA MÜHE hat zu beiden gehalten, streitet für ihre eigenen Passionen und kämpft gegen das Mitleid aufdringlicher Trottel

 

Morgens, halb zehn, Capitol-Kino in Schwerin.Die Kasse hat noch nicht auf, das Café im Foyer hat noch nicht auf, in Zeitlupe basteln zwei junge Frauen an einem Infostand. Warten auf Anna Maria Mühe, die hier mit anderen Juroren an diesem Frühlingstag beim Filmkunstfest ein knappes Dutzend Kurzfilme sichten und am Ende einen Preisträger küren soll. Das Capitol ist ein schönes, altes Kino, man kann durch Gänge streifen, wenn noch Zeit ist. Auf einmal sieht man, wohl doch noch nicht ganz wach, die doppelte Frau Mühe. Aber nein, nur auf einem der beiden Plakate, die hier auf Säulen zufällige Nachbarschaften bilden, ist sie zu sehen, dem von „Novemberkind“: konzentriert, leicht verfroren, mit klobiger Fellmütze.

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Die Frau auf dem anderen Plakat, 1975 in der Garderobe des Maxim-Gorki-Theaters fotografiert, mit Weinglas in der Hand, sehr hübsch, ist Jenny Gröllmann, ihre Mutter.

"Ich will da sein" heißt der Dokumentarfilm über Gröllmann, der bei dem kleinen Festival voraufgeführt wird. Beinahe verstohlen sieht man sich um, ob noch ein Plakat für einen Ulrich-Mühe-Film in der Nähe hängt. So hat man Anna Maria Mühe binnen weniger Momente wieder in die Tochter-Ecke geschoben. Ein Dreierbund fürs Leben. Sie ist, in guten wie in schlechten Zeiten, nun mal das Kind dieses Schauspiel-Traumpaares, das am Ende – Gröllmann starb im August 2006, Mühe im Juli 2007 – komplett verfeindet war. Der Frage wegen, ob sie ihn während ihrer Ehe, die von 1984 bis 1990 dauerte, für die Stasi bespitzelt hat. Mühe hatte das 2006 behauptet, aber da sich wesentliche Teile der Stasi-Akte Gröllmanns als gefälscht erwiesen, weiß kein Mensch, was stimmt. Es gab und gibt Prozesse, die Gerichte haben Jenny Gröllmann vor und nach ihrem Tod recht gegeben. Aber die Zerrüttungen sind auch innerhalb der Familie spürbar, Folgen eines unwürdigen Kampfes, bei dem viele Partei ergriffen, oft mit mehr Begeisterung als Kenntnis. Mittendrin wie in der schlimmsten Scheidungskind-Schnulze:

Anna. Zwischen den Fronten, den Schützengräben, 16 Jahre nach der eigentlichen Trennung. Ja, sicher, hat sie beim ersten Treffen gesagt, klar können wir auch über ihre Eltern reden, jeder habe schließlich Eltern, und zu schämen gibt es nichts. Ich solle ruhig fragen, aber sie würde wohl nicht alles beantworten. Oder Stopp-Zeichen geben. "Ich glaube, es wäre vieles anders gekommen, wenn die beiden sich mal zusammengesetzt und geredet hätten", sagt sie, die weder vor zwei Jahren noch jetzt daran denkt, sich auf eine Seite zu schlagen. Ihre Idole waren sie ja alle beide: "Immer nur Mama und Papa. Und bei allem, was ich an ihnen peinlich fand, als ich 13 war, blieb immer das bewundernde Staunen über diese zwei Schauspieler." Außerdem: Anfang 2006 war sie schon mit Sterbebegleitung befasst, fuhr mit der Mutter nach Paris, wo sie das Grab Simone Signorets besuchten, Jenny Gröllmanns Heldin. Aber am Abend in Schwerin zeigt sich, dass sie Erinnerungen beherzt angeht. Sie erzählt selbst von den zwei Plakaten, die einander so kurios nahe sind. Wie sie gestaunt, das Duo dann fotografiert hat. Nach vier Tagen meint sie, ganz Schwerin sei damit vollgeklebt, da reicht es ihr. Immerhin ist es nicht so schlimm wie Ende 2007, dem Jahr, da ihr Vater gestorben war, als sie glaubte, die Welt verfolge sie mit ekliger Schnüffelei, jeden Tag.

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