EIN PALAST VOLLER GESCHICHTE
ATTENTATE, FRIEDENSSCHWÜRE UND DAS EDELSTE GÄSTEBUCH IM NAHEN OSTEN – SOGAR GUTE FREUNDE DES HAUSES SAGEN, DAS KING DAVID HOTEL IN JERUSALEM SEI EIN NATIONALMUSEUM, IN DEM MAN AUSSERDEM ÜBERNACHTEN KANN. DIE INSPEKTION EINER LEBENDIGEN LEGENDE
Mehrmals auf dem Weg wird Sarah Agassi sagen, dass es verrückt sei, bei diesem Wetter nach Jerusalem zu fahren. Neben der Besorgnis ist aber stets auch die Freude über die eigene Courage zu hören. Und das Lächeln, das den Satz über diesen Ausflug und das Wetter abschließt, verrät Entschlossenheit. Wer wie Sarah Agassi schon älter ist und in der flachen Küstenebene im Großraum Tel Aviv wohnt, der hat großen Respekt vor Fahrten ins hoch gelegene Jerusalem. Vor allem, wenn der Ausflug bei strömendem Regen, Hagel und Nebel stattfindet. Aber Sarah Agassi will unbedingt in die Stadt, in der sie geboren wurde und die auch sonst ihr Leben geprägt hat. Ziel der Reise ist das King David Hotel, das ist ihr noch in guter Erinnerung von ihrem letzten Aufenthalt. Sie hat dort im Sommer mit ihren Kindern den 80. Geburtstag gefeiert. „Drei Tage verbrachten wir dort, wir hatten ein Zimmer zur Altstadt. Ich bin verrückt nach Jerusalem. Wir haben im Hotel gefrühstückt, wir saßen im Garten, es war wunderschön“, sagt sie. Sarah Agassi war davor schon einmal im King David Hotel. Das ist gut 60 Jahre her. Damals wurde sie zur Tarnung Yael genannt. Sie war an jenem legendären Anschlag beteiligt, als eine Explosion ganz Jerusalem erschütterte und der Südflügel des King David krachend in sich zusammenfiel. Sarah Agassi gehörte zu den Kämpfern der jüdischen Untergrundorganisation Irgun Zvai Leumi („Nationale Militärorganisation“), die am 22. Juli 1946 einen Anschlag auf das Hotel verübten. Ziel des Kampfes war, die britische Mandatsmacht zu vertreiben und einen eigenen jüdischen Staat zu gründen. Die Briten hatten ihr Hauptquartier 1936 im Luxushotel bezogen, am Ende belegten sie vier Stockwerke. Anführer der Irgun war Menachem Begin, der spätere israelische Premierminister. WIE EINE FESTUNG, so selbstbewusst erhebt sich das King David Hotel über Jerusalem. Als würde es seine Seitenflügel wie Arme ausbreiten, wendet es sich der Altstadt zu. Es ist ein Symbol für die Geschichte Israels. Es sah Monarchen und Präsidenten, Filmstars, Maler und die größten Musiker. 1946 wurde es von den Irgun-Aktivisten attackiert, nach 1948, als Jerusalem eine geteilte Stadt war, stand es in der Schusslinie der verfeindeten Nachbarn Israel und Jordanien. Das King David war im Herbst 1973 für mehrere Wochen Dienstsitz des US-Außenministers Kissinger, der zwischen Damaskus und Jerusalem pendelte, um den Yom-Kippur-Krieg zu beenden. In den Sälen des King David bahnten die Erzfeinde, der Ägypter Sadat und der Israeli Begin, den Friedensschluss an. Das Hotel war auch der Ort, an dem sich die größten Hoffnungen für einen dauerhaften Frieden in Nahost in trauernden Gesichtern auflösten. Das war im November 1995, als so viele Staatsoberhäupter wie noch nie zuvor nach Jerusalem kamen, um von dem ermordeten Premierminister Jitzchak Rabin Abschied zu nehmen. Fast alle wollten im King David übernachten – und Prinz Charles kam so spät, dass er sich mit einem normalen Einzelzimmer begnügen musste, weil es keine Suiten mehr gab. Er nahm das klaglos hin.
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Sarah Agassi geht durch das Hotel und erzählt vom 22. Juli 1946, dem Tag des Anschlags. „Wir hatten herausgefunden, dass wir über den Nordeingang bis in die Restaurantküche im Erdgeschoss des Südflügels gelangen konnten.“ Sie beschreibt alles ganz genau, obwohl das Hotel an der Stelle, an der die Bomben deponiert wurden, heute ganz anders aussieht. Am Vormittag hatten sechs Irgun-Aktivisten sieben Milchkannen voll mit dem Sprengstoff TNT in die Küche im Südflügel geschleppt. Sarah Agassi beschwört, dass sie, als die Zeitzünder eingeschaltet waren, das Hotel mit Warnanrufen auf die Bomben hingewiesen habe. Es wäre genug Zeit gewesen, das Hotel zu räumen. Warum es nicht geschah, darüber wird immer noch gestritten. Ignorierten die Briten die Warnung? Wurden sie überhaupt gewarnt? Die Bilanz des Anschlags: 91 Tote; davon 28 Briten, 41 Araber und 17 Juden. Sarah Agassi sagt, es sei schrecklich, dass es so viele Tote gegeben habe. Doch der Anschlag habe sich nicht vermeiden lassen. „Wir mussten handeln, und wir hatten Erfolg: Die Briten sahen, dass sie hier nicht mehr regieren konnten. Begin war klug. Es war richtig, dass er damals den Anschlag veranlasst hat.“ Dann lässt sie sich zurückbringen in das Seniorenheim in Ramat Efal bei Tel Aviv, in dem sie mittlerweile lebt.
Dann lässt sie sich zurückbringen in das Seniorenheim in Ramat Efal bei Tel Aviv, in dem sie mittlerweile lebt.
