HIPPIE YEAH!

Hollywood? Ach was! Woodstock ist die wahre Traumfabrik. Hier tun wohlhabende New Yorker so, als hätten sie lange Haare. Und die Einheimischen wärmen sich an der Erinnerung vom „summer of love“. Aber die Wirklichkeit, die Wirklichkeit …

Früher war vielleicht nicht alles besser, aber einige Dinge eben doch – und deshalb schnurstracks zum Mythos. Vor ein paar Wochen kam die Polizei und stürmte Dennis „Day“ Yuskos kleine Wohnung in der Tannery Brook Road zu Woodstock, New York. Dennis, 71 Jahre alt und eine lokale Berühmtheit, weil sein Leben lang schon Hippie, wurde zu Boden geworfen, leistete aber keinen Widerstand. Sie fanden zwei Gramm Marihuana, zwei lächerliche Gramm. Das reicht nicht mal, um ordentlich high zu werden. Es gab einen kurzen Aufschrei unter den 6200 Einwohnern des Städtchens. Das Blättchen Daily Freeman machte sogar einen Titel daraus, und Dennis war für ein paar Tage talk of the town. Die Polizei behauptet, er habe mit Marihuana gedealt, denn da war auch eine kleine Waage in der Wohnung, doch das bestreitet Dennis, „Eigenbedarf, nichts als Eigenbedarf“. Jedenfalls droht ihm nun ein Verfahren wegen der zwei Gramm, und die Menschen in Woodstock schütteln den Kopf. Zwei Gramm Hasch – in Woodstock! –, Amerika ein Polizeistaat seit Bush. Das sagen viele. Der alte Dennis verschwand erst mal in den Süden, nach Arkansas, wo er für den Weltfrieden trommelte, mit seinen Freunden vom „Rainbow Tribe“. In Arkansas zieht Woodstock noch. Früher war bestimmt nicht alles besser, aber früher wäre niemand auf die Idee gekommen, einen alten Mann wegen Hasch-Besitzes anzuklagen. Nicht in Woodstock, nie. Sie hätten die Cops ausgelacht, in den 60er-, 70er- und auch 80er-Jahren, als in Woodstock der Bär tobte – Nachtklub an Nachtklub, Studio an Studio, Bar an Bar – und die Bullen um Mitternacht Feierabend machten. Als Dylan und seine Band hier lebten und Janis Joplin und Van Morrison. Die Stones kamen andauernd und Jimi Hendrix, selig, und George Harrison, selig, und Peter, Paul and Mary, unselig. Die nahmen tagsüber ihre Platten auf und saßen abends am Trog mit den Einheimischen. Es war nämlich so, dass man sich seinerzeit auf den kleinen Platz in der Ortsmitte stellen konnte, aufs village green, und einfach wartete, vor welchem Laden die meisten Autos parkten. Das war ein sicheres Indiz, dass einer der Großen in town war. Nebenan spielte dann vielleicht nur Richie Havens. So war das mal in Woodstock, selig. „Heute klappen sie abends um sechs die Bürgersteige hoch“, sagt Haviland, die eigentlich Sharon Nichols heißt, als freiberufliche Hexe ihren Lebensunterhalt verdient, Blogs ins Netz stellt, vor zwölf Jahren aus dem Mittleren Westen kam und die Hochzeiten Woodstocks immerhin vom Hörensagen kennt. Haviland hatte mal diesen Traum von Woodstock, diese Vorstellung, diese Vision. Ihr ging es wie Hunderten, Tausenden, die sich vom Zauber des Namens Woodstock angezogen fühlten, kamen, blieben und dann feststellten, dass es mit dieser Magie vorüber ist. Wenigstens mit dieser Magie. Es tobt immer noch der Bär in Woodstock. Aber er tobt hoch oben in den Bergen, und Verkehrsschilder warnen vor kreuzenden Großtieren.

So ist das in Woodstock Vermutlich ist Woodstock nichts anderes als ein schönes Missverständnis. Das Örtchen, geduckt zwischen Hudson River und Catskill Mountains, war ein Bauerndorf, konservativ, verschlafen, nichtssagend, traumhaft gelegen. So wäre das wohl auch noch heute, wenn nicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Künstler gekommen wären. Ralph Radcliffe Whitehead, Industriellensohn aus England und inspiriert von Walt Whitmans Poesie über die Hoffnung aufs Goldene Zeitalter, errichtete die Künstlersiedlung Byrdcliffe in den Hügeln über der Gemeinde. New York City ist nah, also pilgerten Maler und Bildhauer und Schriftsteller in die Catskills und ließen sich als frühe Kommunarden nieder. Wenige Jahre später teilte sich die Gruppe, und der aus Chicago stammende Aktivist Hervey White eröffnete ein paar Kilometer entfernt eine weitere Künstlerkolonie: Maverick, was Außenseiter bedeutet. Die Mavericks feierten Partys, die wild und ungeheuer populär waren und doch ein jähes Ende fanden, weil nach tagelangem Zechen (in den Worten des Historikers Henry Morton Robinson) „die Ehre einer Frau und die Zähne oder die Nase eines Mannes einfach nicht mehr sicher waren“. 1931 war Schluss mit happiness. Dies – und nicht die Rockstars – war der Beginn der Legende von Woodstock als Wiege der Freigeister. Die Einheimischen ließen die Künstler gewähren, die Künstler ließen die Einheimischen gewähren, sie lebten friedlich aneinander vorbei. Das änderte sich auch dann nicht, als Woodstock Anfang der 60er-Jahre eine Invasion der Bohemiens, der Stars und in deren Gefolge der Hippies erlebte. Das Kaff blieb politisch bis weit in die 80er stramm republikanisch. Derart konservativ, dass das Festival gar nicht in Woodstock abgehalten werden durfte, sondern etwa 90 Kilometer entfernt auf der Wiese des Bauern Max Yasgur in Bethel. Dennoch steht Woodstock und nicht Bethel als Symbol für love and peace. Wenn die Touristen am Wochenende kommen, die Tinker Street verstopfen und „Wo ist nun die Wiese?“ fragen, können die meisten gar nicht fassen, dass Hendrix „The Star-Spangled Banner“ ganze eineinhalb Autostunden entfernt so großartig verschrammelte. Seit einigen Jahren, besonders nach 9/11, durchlebt Woodstock nunmehr seine dritte große Metamorphose: den Zuzug der Städter, vornehmlich der New Yorker, die dort weniger den Geist von damals suchen als die Postkartenlandschaft und den Kontrast zur Stadt. Die sich einen Dreck kümmern um das vermeintlich kreative Karma und stattdessen die frische Luft genießen und in der Wahrnehmung der Einheimischen vor allem die Immobilien- und Grundstückspreise in die Höhe treiben. Woodstock war und ist eine Metapher: Jeder sieht in diesem Ort, was er sehen will, jeder nach seiner Fasson, ohne Gewähr auf Wahrheitsgehalt. Also kann man sich Woodstock aus unendlich vielen Perspektiven nähern.