Szenen einer Nähe
Ein Thriller: "Tatort"-Komissarin ANDREA SAWATZKI und der "Kriminalist" CHRISTIAN BERKEL sind privat dem Leben auf der Spur
Als ob er nicht bald mal genügend Schurken gespielt hätte. Und wieder in einem dieser langen schwarzen Ledermäntel, die nichts Gutes verheißen. Christian Berkel spielt Karl Heinz Hoffmann, Gestapo-Chef in Dänemark. Der Film heißt „Flame and Citron“ und kratzt heftig am Mythos des dänischen Widerstands, indem er zwei Nationalhelden als recht normale Killer und Intriganten zeigt. Es ist die größte dänische Kinoproduktion seit vielen Jahren, mittendrin Berkel als Hoffmann, ein Bohemien und Womanizer, der nach Kriegsende von den Dänen selbst milde bestraft und bereits 1953 begnadigt wurde. Es ist, nach dem „Untergang“, Bertrand Taverniers „Laissez-passer“ und Paul Verhoevens „Black Book“, Berkels vierte Nazi-Rolle seit 2002, bald kommt ein Part in Bryan Singers Stauffenberg-Epos „Valkyrie“ hinzu. Gute Rollen sind gute Rollen, auch in Uniform. Ein schöner Frühlingstag in Prag, trotz martialischer Stiefel, gebrüllten Befehlen, knatternden Kradmeldern und ratternden Erschießungssalven. Die tschechischen Komparsen, die hier den dänischen Widerstand von 1944 verkörpern, werden regelmäßig nachgeschminkt – über einen langen Drehtag hinweg verblassen selbst blutigste Filmwunden. Ein kleiner Leichenhaufen auf einem Lastwagen, keine fünf Minuten von der Prager Innenstadt entfernt. Ein stillgelegtes, vor sich hin moderndes Krankenhaus dient als Kopenhagener Gestapo-Hauptquartier. Am Haus gegenüber ist eine Gedenkplakette befestigt, sie erinnert an ein tschechisches Ehepaar, ermordet im KZ am 5. Mai 1945, drei Tage vor der Kapitulation. In den Drehpausen zerren Eltern ihre Kinder weiter, die ihre Augen kaum von Barrikaden, Stacheldraht und Oldtimern lösen können. Berkel hat eine Szene an diesem Tag: Hoffmann stürmt aus dem Haus und stoppt johlende SS-Schergen, die sich mit ihrer „Beute“ fotografieren lassen. „Hören Sie auf!“, wird er wieder und wieder brüllen. „Hören Sie auf mit diesem würdelosen Spektakel! Haben Sie keinen Anstand? Sind Sie verrückt geworden?“ Dann kehrt er um und raunt: „Bald werden wir auch so daliegen.“ Berkel, der bei jeder Probe mit nahezu vollem Einsatz inklusive Schulterrempeln agiert, wartet „auf Position“ in einem halbdunklen Vorraum. Er tigert hin und her, wie ein Boxer, bevor er endlich in den Ring darf. Voll konzentriert, aufgeladen. Viel Platz ist da nicht, allenfalls drei Schritte vor, drei zurück, in diesen unheilvoll quietschenden Stiefeln. Auf ein kleines Zeichen hin explodiert der Mann, stürmt hinaus, kraftvoll, raumgreifend: „Hören Sie auf!“ Zwei Wochen später in Frankfurt. Hier wird in einem Studio des Hessischen Rundfunks auf die gute alte Art Fernsehen gemacht. Andrea Sawatzki, 44, dreht „Das tote Kind“ aus der „Tatort“-Reihe. Harter Stoff: plötzlicher Kindstod, Verwahrlosung, Einsamkeit, das Prekariat. Es gibt zwei extrem dichte, bedrückende Szenen, die Sawatzki heute mit der jungen Kollegin Lisa Hagmeister, einem fulminanten Persönchen, zu absolvieren, zu überstehen hat. Langsam, ganz ruhig graben sich die zwei Frauen unter sanfter Mithilfe des Regisseurs Lars Kraume da hinein. Sie sprechen gedämpft. Über Babys, kleine Knochen und großes Versagen. Es dürfen nur ein paar Leute mit in das Zimmer, aber auch vor dem Monitor, mit Kopfhörern ausgestattet, ist die Wirkung des Dialogs enorm. Das ist im „Tatort“ zu Sawatzkis Domäne geworden: das leise Aussprechen der allerschlimmsten Fragen. Und das Anhören der allertraurigsten Antworten. Selbst abgebrühteste Maskenbildnerinnen müssen schlucken.
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In den Pausen blickt man erst recht wie gebannt auf den kleinen Bildschirm mit dem in Tristesse versunkenen Gesicht. Man denkt, das Bild sei eingefroren oder das Gerät defekt. Aber nach Minuten bewegt sich doch, von einem schwachen Windzug ausgelöst, ein einzelnes Haar – erst jetzt erkennt man, dass Andrea Sawatzki sich selbst eingefroren hat, so verharren kann, ihre Art des Eintauchens. Wenn man dürfte: das ansehen, sehr lange, und sich drei, vier, fünf Lieblingssommersprossen aussuchen. Was dem Fernsehzuschauer auch entgeht, ist jener verschüchtert-verschämte Entschuldigungsblick, den Andrea Sawatzki aufsetzt, wenn sie seit 6.45 Uhr auf den Beinen ist, ihr Magen knurrt, ihr Kopf schmerzt und sie in einer Einstellung nicht gut war. Dieser Blick ist so, dass man ihr auch verzeihen würde, hätte sie gerade mit einem ungeschickten Handgriff die Stromversorgung in ganz Hessen lahmgelegt. Manchmal dachte man in den letzten fünf Jahren, in denen Sawatzki diese Rolle mit einer Palette von Leidensmienen und Schmerzensseufzern spielte, dehnte, erprobte, sie würde sich gleich auflösen, zerbröseln. Aber dann hat sich diese seltsame Frau Sänger doch immer wieder neu zusammengesetzt. Ruhm, Preise und eine kräftige Portion zischelnder Neid sind der Lohn für Sawatzki. Die dem allen nicht traut. „Weil ich nie zufrieden bin“, sagt sie bei einem Gespräch ein paar Wochen später, „ich sehe das auch nicht als Erfolg, sondern fühle mich wie in einem großen Nebel. Ich kann das nicht greifen, nicht erklären. Das ist ja alles flüchtig, immer nur eine Momentaufnahme.“ Auch um der Mater-dolorosa-Schublade zu entgehen, wirft sie sich in andere, nur auf den ersten Blick unnötige Projekte: Für RTL darf sie in der klamottigen Serie „Arme Millionäre“ herrlich unterfordert grimassieren, für den Herbst ist ein Pilotfilm von „Bella“ geplant – wenn alles klappt, dekliniert Sawatzki 2008 als Titelheldin die weiblichen Midlife-Crisis-Symptome durch. Sie verschafft sich auch Pausen vom deutschen Fernsehalltag, der ja nicht eine Sternstunde nach der anderen bietet. So wie Berkel sich seinen dänisch-tschechischen Ausflug gegönnt hat, war sie in Marseille, um „Insomnie“ mit dem französischen Regisseur Pascal Kané zu drehen, auch ein Weltkrieg-II-Drama. Eine Anforderung dafür war, sie möge bitte Französisch mit polnischem Akzent sprechen – muss man auch nicht oft. So viel habe sie schon lange nicht vor einem Dreh gepaukt, gesteht Sawatzki. Der „halbe Franzose“ Christian Berkel, der einige Jugendjahre in Frankreich verbracht hat, versuchte sich noch an der Beruhigung: Ob deutscher oder polnischer Akzent, das könnten Franzosen sowieso nicht unterscheiden. Vor Ort taten sie aber so, als wär’s ihnen nicht polnisch genug, irgendwie. Nun muss verhandelt werden, denn Sawatzki will ausdrücklich nicht synchronisiert werden.
