Das Schweigen der Käfer

Viel miteinander geredet haben GERD KÄFER und sein Sohn MICHAEL noch nie. Doch seit der Junior den Alten aus der Firma drängte und selbst das Kommando über das legendäre Münchner Feinkosthaus übernahm, herrscht Funkstille, obwohl sie in nur 200 Meter Entfernung ihre Kreise ziehen. JOCHEN SIEMENS über zwei störrische Krabbeltiere

 

Er kann etwas, sagen seine Freunde. Er kann mit den Augen nach vorn und nach hinten sehen. Muss so sein, sagen sie, denn wenn der Michi sie begrüßt, umarmt und busselt, also dieses ganze Münchner Verheddern, wenn man sich trifft, sieht er gleichzeitig, dass hinter ihm an Tisch neun, dritter Platz von rechts, die keilförmig gefaltete Serviette an der Spitze einen Knick hat. Einen kleinen, aber immerhin, der darf da nicht sein. Und er sieht auch, wenn die Messer rechts am Teller einen Millimeter zu viel Abstand haben. Und dann kommt schon von vorne der nächste Freund oder Gast, was in dieser Welt oft dasselbe ist oder besser: scheint, und der Michi sagt wieder irgendwas Herzliches nach vorn und sieht links hinten, dass ein Rosenblatt des Tischgestecks schon schlapp runterhängt. Deshalb, sagen seine Freunde, sei es immer ein wenig anstrengend, mit dem Michi unterwegs zu sein, besonders in München. Sicher, man könnte mit ihm in irgendeine unverdächtige Pizzeria gehen, wo ihn die Servietten und Blumen nichts angehen, aber was soll der Michi an Orten, die ihn nichts angehen? Zeit verschwenden?


Außerdem ist es schwer, in München Orte zu finden, die Michael Käfer nichts angehen. Das Käfer-Restaurant in der Prinzregentenstraße, das P1 oder irgendein Fest, Empfang, Abendessen, Geburtstag, Premiere, Eröffnung, Oktoberfest, egal, fast jeder Ort in München, an dem Menschen Gläser in der Hand halten oder irgendetwas von Tellern im Stehen oder Sitzen essen und in ihrer Wichtigkeit herumlöffeln, geht Michael Käfer etwas an. Da muss er hin, „kurz nur“, da muss er schauen, ob alles stimmt, oder schauen, ob er Menschen trifft, mit denen bald alles stimmen soll. „Mit dem Michi auszugehen ist schon Langstrecke“, sagt eine, die ihn gut kennt, „der wird nervös, wenn er an einem Abend nicht alle Einladungen schafft, die er hat.“ Und dabei hat er immer diesen Blick in alle Richtungen, den kann er „sehr gut, weil er dabei so tut, als ob er sich nur für sein Gegenüber interessiert“, sagen die Freunde. „Den kann er gut“, sagt sein Vater, „aber nicht sehr gut.“ Den Blick für jedes Detail, also diese Architektur einer Feierharmonie, den konnte er, Gerd Käfer, besser. Behauptet er. „Ich geh oft am G’schäft vorbei“, sagt Gerd Käfer, „und dann seh ich im Schaufenster dies oder jenes, woas net ganz stimmt. Und dann schreib ich ihm doas.“ Wie? Schreiben? „Ja, zuhören tut er mir ja net. Und sagen darf ich im G’schäft auch nix. Da sagen mir die Leut dann: ‚Naa Herr Käfer, ihr Sohn ist der Chef, des muss der entscheiden.‘“

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Eine biblische Geschichte. Der Vater baut auf, der Sohn zieht ein und schmeißt den Vater raus. Richtig raus. Gerd Käfer muss in der Prinzregentenstraße, in der Schänke, beim Bäcker und im Bistro, jedes Hechtklößchen, jede Brezn und jeden Espresso bezahlen. An der Kasse. Der Kassierer hat eine Krawatte mit einem kleinen Marienkäfer um. Das hat Gerd Käfer mal erfunden. Aber nicht nur das. Gerd Käfer hat auch erfunden, dass ganz Deutschland ihn kennt. Käfer, der Caterer, der Partymacher, der Kaviar- und Hummerlieferant und so weiter. Sich selbst nennt Gerd Käfer einen „Gourmet-Papst“, was natürlich Blödsinn ist, er hat noch nicht einmal Koch gelernt. Aber in München haben sie es nie kleiner, da nennen sie den ganz passablen Pfostensteher des FC Bayern ja auch „Torwart-Titan“. Sieht man es mal hanseatisch nüchtern, hat Gerd Käfer in den 50er-Jahren den Feinkostladen mit dem ersten Hühnerdrehgrill Deutschlands von seinen Eltern übernommen und „Hummer außer Haus“ eingeführt, hat also den noch kleinen Reichen und Wichtigen der Wirtschaftswunderjahre das Essen in ihre Speisezimmer geliefert. Damit, muss man sagen, war Gerd Käfer der Erste. Machte sonst keiner.


Die Bayerische Staatskanzlei war einer der ersten Kunden. Dann die Münchner Theater. Und weil es sonst keiner machte und Käfer auch noch, o là, là!, direkt in Paris einkaufte, war man wieder wer, wenn Käfer lieferte. Und Gerd lieferte sich dazu. Die Reichen und Wichtigen fanden es dann ganz amüsant, dass der Oberkellner auch einen Scherz machen konnte, und so durfte sich Gerd Käfer am Ende seiner Feste auch mal mit an den Tisch setzen. Das Personal feiert mit, in München hatte das was Frivoles. So kann man es nüchtern beschreiben. Gerd Käfer kann das nicht. Ein Gaumen-Star sei er gewesen, alle habe er bekocht, im Kreml den Breschnew, den US-Präsidenten Gerald Ford, fast alle deutschen Kanzler, alle Ministerpräsidenten und in München wirklich jeden, der Namen, Geld und Blitzlicht hatte. Käfer wurde in der Republik der 60er-Jahre das Synonym für Luxus, Kaviar und Champagner. „Wir hatten damals zwei Sorten Lieferwagen, die mit dem Käfer-Schriftzug und die ohne. Das war wichtig, denn manche wollten unbedingt, dass die Nachbarn sehen, dass der Käfer liefert, und manche wollten unbedingt, dass die Nachbarn nicht sehen, dass der Käfer liefert. Könnten ja neidisch werden“, sagt er.

Zusammen mit seinem Bruder Helmut, der in Paris den Wareneinkauf lenkte, begann Gerd Käfer, das Unternehmen zu bacchantischer Größe aufzupumpen. Der Standort München war dabei wichtig, weil johlende Eitelkeit und Schausucht nirgendwo sonst so aufblühten wie hier. Mit den Zutaten Franz-Josef Strauß, Uschi Obermaier, Uschi Glas, Gunter Sachs und Michael Graeter schwappte eine hippiesk-konservative Melange durch die Straßen des Millionendorfs, auf der Gerd Käfer ganz oben schwamm. Oder glaubte, es zu tun. Denn das Missverständnis, nicht Diener, sondern auch Herr zu sein, war schon in seinem Kopf. Von „Stars und Sternchen“ lässt Gerd Käfer in seinen eigenartigen Memoiren schreiben, „die häufig erst dann wussten ‚Jetzt bin ich wirklich in und ganz oben angekommen‘, wenn sie von Gerd Käfer und seiner Spitzencrew verwöhnt wurden.“


Wenn man heute Gerd Käfer in seinem Büro in der Lamontstraße besucht, 200 Meter vom Käfer-Geschäft entfernt, fühlt man sich wie bei einem entmachteten Herrscher im Exil. Die Wände sind bis zur Decke mit gerahmten Fotos tapeziert, vergilbten Trophäen seiner Fraternisierung mit der Macht. Daneben Dankesschreiben, Speisekarten und ein Regal mit unzähligen Spielzeugmodellen des VW-Käfers. Auf dem Tisch ein Foliant mit Zeitungsausschnitten und auf dem Boden Kartons und Körbe mit weiteren Fotos. Schon durch die geschlossenen Türen hat man ihn brüllen hören können mit irgendjemandem am Telefon, er spricht in Satzbaustellen, nicht immer höflich, in München sagen sie: deftig. Die Bild-Zeitung meldete gerade, dass der Wirt des Kitzbüheler s’Pfandl Gerd Käfer nie wieder sehen will, weil er im Lokal einen lauten Aufstand um einen angeblich schlechten Fisch gemacht habe. Und auch in München sagen frühere Freunde, dass sie mit Gerd Käfer heute nicht so gern am Tisch sitzen. Im Kurhaus in Wiesbaden hat er inzwischen sein Exil-Reich, da macht er noch Feste und bewirtet Kunden. Außerdem ist er Teilhaber der Spielbank Wiesbaden. Man muss Gerd Käfer ein wenig austoben lassen, bis er leiser wird. Er ist nicht sehr groß, die Haare, die er früher mattig lang über den Nacken legte, sind heute kurz und grau. Nach einer Operation schaut sein rechtes Auge ein wenig nach außen, und manchmal hört er schwer.

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