UNITED STARS of HOLLYWOOD

Fünf Oscar-nominierte Schauspieler (auf zwei davon würden wir unser Haus verwetten) plus Brad Pitt, Star des Oscar-Favoriten „Babel“ – ein so spektakuläres GIPFELTREFFEN gab es noch nie. Zwei Stunden lang sprachen die sechs über Leidenschaften, Ängste, Triumphe und Niederlagen – und wir hörten zu

Man hätte sich nicht gewundert, wenn die Luft zum Schneiden gewesen wäre: Sechs Weltstars an einem Tisch, fünf davon für den Oscar nominiert, einige – Forest Whitaker und Leonardo DiCaprio, Penélope Cruz und Helen Mirren – direkte Konkurrenten um den Preis als beste Hauptdarsteller. Und dann noch die übliche Entourage, die Agenten, die PR-Leute, die Bodyguards… Stattdessen war das Gipfeltreffen der Schauspieler gemütlich wie ein Kaffeeklatsch.
Brad Pitt ließ sich am Hollywood Boulevard absetzen, von nichts geschützt als einer Sonnenbrille, und schlenderte entspannt zum Gespräch. Auch seine Kollegen waren bester Laune. Mit sichtlichem Vergnügen hörten sie einander zu, erzählten über ihr Leben und über ihren Beruf, aber auch über Ängste und Tiefpunkte – die oft zu Höhepunkten des Gesprächs wurden. Als DiCaprio sich etwa beklagte, dass man ihn nach „Titanic“ nur noch als „niedliches Stück Fleisch“ betrachtet habe, frotzelte Pitt: „Aber das bist du doch auch!“ Cate Blanchett wiederum, die in „Babel“ Brad Pitts Frau spielt, konnte sich ein paar Seitenhiebe auf Pitts Arbeitsmoral nicht verkneifen. Sie plauderten und lachten – über zwei Stunden lang. Und als die angesetzte Zeit sich dem Ende entgegenneigte, hätten sie am liebsten noch weitergemacht. Wir auch.

Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie ihnen eröffnet haben, dass Sie Schauspieler werden wollen?

HELEN MIRREN: Meine Eltern waren ziemlich dagegen, deshalb habe ich erst einmal eine dreijährige Lehrerausbildung gemacht. Als Lehrerin war ich eine Katastrophe, so richtig schön schlecht. Professionelle Schauspielerin bin ich dann erst mit 22 geworden.

FOREST WHITAKER: Meine Eltern wollten eigentlich, dass ich nach West Point [an die amerikanische Militärakademie, Anm. d. Red.] gehe oder irgendetwas Praktisches in der Art mache. Selbst nachdem ich schon zehn Jahre als Schauspieler gearbeitet hatte, versuchten sie immer noch, mich noch mal auf die Schulbank zurückzuzwingen. Ich verdiente damals wenig Geld und hatte manchmal wirklich sehr zu kämpfen,aber meine Reaktion war: „Nein, Mama, das hier ist genau das, was ich machen möchte.“ Das waren keine einfachen Gespräche, denn ich hatte ja auch meine Zweifel. Es hat lange gedauert, bis ich mich bei dem Gedanken wohlfühlte zu sagen: „Ich bin Schauspieler. Ich schaffe das.“

Cate, stimmt es, dass Ihr erster Job als Schauspielerin eine Statistenrolle in einem arabischen Boxfilm war?

CATE BLANCHETT: Ja. Ich habe damals Kunst an der Uni Melbourne studiert und beschloss, ein Jahr Auszeit zu nehmen und auf Reisen zu gehen. Ich hatte 2500 australische Dollar, also praktisch nichts, und musste damit ein Jahr lang auskommen. Deshalb bin ich an den schrägsten Orten gelandet – zum Beispiel in einem Bunker in Istanbul, wo das Wasser von der Decke tropfte. Später kam ich nach Kairo, wo mir buchstäblich das Geld ausging. Und im Hotelfoyer saß irgend so ein Schotte, der Geld und Pässe druckte, und fragte mich: „Möchtest du dir fünf ägyptische Dollar verdienen?“ Ich musste mit niemandem schlafen, sondern nur als Statistin in einem Boxfilm mitspielen. Also sagte ich: „Klar, mache ich.“ Es gab Falafel umsonst.

MIRREN: Eigentlich machen wir das alles nur, weil es was umsonst zu essen gibt. Tief im Herzen sind wir doch alle arbeitslose Schauspieler.

Anscheinend glauben alle Schauspieler, egal, wie erfolgreich sie sind, dass sie nie wieder Arbeit finden werden. Geht’s Ihnen auch so, Brad?

BRAD PITT: Eigentlich nicht, nein. (Gelächter)

Sie hatten alle ziemlich erstaunliche Jobs, bevor Sie Schauspieler wurden. Forest war klassischer Tenor, Helen eine Marktschreierin…

PITT: Und ich hab Stripperinnen durch die Gegend kutschiert.

LEONARDO DICAPRIO: Echt?

BLANCHETT: Letzten Monat erst…

PITT: Ist sie nicht reizend? Ja, mein Job war es, die Mädchen zu Junggesellenabenden zu fahren und so was. Ich habe sie abgeholt und auf den Partys fiese Prince-Kassetten eingelegt, das Geld kassiert und die Klamotten der Mädels eingesammelt. Das war nicht besonders prickelnd und auf Dauer eine ziemlich deprimierende Angelegenheit, weshalb ich den Job nach zwei Monaten hinschmeißen wollte. Aber der Typ von der Agentur sagte zu mir: „Hör mal, kannst du nicht noch diese eine Fahrt heute Abend übernehmen?“ Also habe ich mich breitschlagen lassen und lernte prompt ein Mädchen kennen, das bei einem gewissen Roy London [ein berühmter Schauspiellehrer] Schauspielunterricht nahm. Den hab ich mir mal angesehen, und das brachte mich auf den Weg, der mich hierher geführt hat.

Eine Stripperin war entscheidend für Ihre Karriere?

PITT (nickt): Stripperinnen haben mein Leben verändert. Das steht bestimmt nächste Woche im National Enquirer…

PITT (schaut zur Decke): Ich möchte wirklich mal eine Woche Ruhe haben. Nur eine einzige Woche.

Leo, Sie haben Ihren ersten Film, „This Boy’s Life“, mit 16 gedreht. Wie war das damals für Sie?

DICAPRIO: Ich hatte keine Ahnung, wie man sich an einem Filmset benimmt. Aber der Regisseur Michael Caton-Jones hat mich unter seine Fittiche genommen und mir Sachen gesagt wie: „Während einer Probe mit Robert De Niro redet man nicht über seine Baseballkartensammlung.“

MIRREN: Ich kam mir am Set jahrelang wie ein Kaninchen im Scheinwerferlicht vor. Ich hab nie kapiert, wer was warum macht und wie ich mich verhalten soll. Eigentlich eine ziemlich furchterregende Umgebung.

Penélope, in „Jamón, jamón“ haben Sie die Tochter einer Prostituierten gespielt und waren schon mit 17 eine Sensation, ein Sexsymbol. Wie haben Sie das empfunden?

PENÉLOPE CRUZ: Damals bin ich mal mit meinem Vater auf der Straße spazieren gegangen, und irgendwer hat aus einem vorbeifahrenden Auto geschrien: „Ich liebe dich!“ Eine Minute später schrie einer: „Du Hure!“ Da wusste ich, dass ich berühmt bin. (Gelächter) Es war unglaublich. Ich war 16, als ich den Film gemacht habe. Ich hab es meinen Eltern nicht erzählt und das Drehbuch vor ihnen versteckt. Und dann haben sie meine Großmutter mit zur Premiere genommen, ich hatte deswegen immer ein schlechtes Gewissen. Aber der Film war gut und hat eine Menge für meine Karriere getan. Und bei jeder Rolle, die ich seitdem angenommen habe, war ich bis hierhin bedeckt. (Sie hebt ihre Hand bis zum Hals.)

Leo, Sie sind ebenfalls schon früh zu einem Teenie-Idol geworden…

DICAPRIO: Ich bekam schon beim Fernsehen einen Vorgeschmack darauf, fand mich andauernd auf den Titelseiten der Teenie-Magazine wieder. Ich habe versucht, davon wegzukommen, ich wollte mich als ein Schauspieler etablieren, der gründlich über seine Figuren nachdenkt und gute Arbeit abliefert. Und dann drehte ich einen Film namens „Titanic“. Und schwupp!, war ich jemand, den alle Welt nur noch als niedliches Stück Fleisch behandelt.

PITT: Aber das bist du doch! (Gelächter)

DICAPRIO: Ich fand es ziemlich frustrierend, so zum Objekt gemacht zu werden. Ich wollte sogar für eine Weile mit der Schauspielerei aufhören. Mein ganzes Leben hat sich dadurch verändert. Natürlich hat mir das alles auch neue Möglichkeiten eröffnet, das lässt sich nicht leugnen. Zum ersten Mal hatte ich die Kontrolle über meine Karriere. Aber komisch war’s schon.

Brad, Hollywood wollte Sie immer als ganz konventionellen Hauptdarsteller besetzen. Der Sie aber nicht sein wollten.

PITT: Schauspielerei hat für mich etwas mit Entdeckungen zu tun, und diese auf einen Hauptdarsteller zugeschnittenen Drehbücher – Leo kann das bestätigen – sind öde. Da kannst du jeden von uns reinstecken und kriegst vielleicht verschiedene Versionen eines Themas, aber im Prinzip kann es jeder spielen. Wo bitte ist da die Entdeckung?

BLANCHETT: Habt ihr versucht, eine Beziehung zu einem Regisseur aufzubauen, der euch aus dieser Bredouille heraushilft?

DICAPRIO: Ich habe definitiv die Beziehung zu Martin Scorsese gesucht. Mir war es wichtig, jemanden zu finden, dem ich vertrauen kann. Es ist schon komisch, einem anderen die eigene Performance in die Hände zu legen. Wir sitzen so oft mit irgendwelchen Regisseuren im selben Raum, man hört sich ihre Vision von einem bestimmten Projekt an, und doch gibt es einen Riesenunterschied zwischen dem, was sie sagen, und dem, was man dann tatsächlich auf der Leinwand sieht.

PITT: Verlangen die Regisseure von dir auch, dass du eine Version ihrer Persönlichkeiten spielst?

DICAPRIO: Das Gefühl hab ich manchmal, ja.

MIRREN: Frauen passiert das so nicht. Dafür müssen sie die Fantasien der Regisseure erfüllen. Aber noch mal zurück zum Thema: Die Filmindustrie versucht immer, dich in eine Schublade zu stecken, und du musst ständig versuchen, dich da wieder rauszukämpfen. Die wollen nicht, dass man älter wird oder sich verändert, und deshalb ist es großartig, wenn einem eine Rolle angeboten wird, die einem erlaubt, den nächsten Schritt zu tun. Das ist mir mit „Heißer Verdacht“ so gegangen. Plötzlich durfte ich wie eine Frau meines Alters aussehen. Ich brauchte keine Glamour-Beleuchtung und musste kein Make-up tragen. Das hatte etwas wunderbar Befreiendes und ist der eigentliche Grund, weshalb ich noch arbeite. Weil man mir nämlich erlaubte, mich weiterzuentwickeln.

Forest, Sie haben Rollen gespielt, die eigentlich gar nicht für einen schwarzen Schauspieler geschrieben waren…

WHITAKER: Stimmt, es gab immer Regisseure, die den Mut hatten, mich das machen zu lassen. In „Good Morning, Vietnam“ war meine Figur laut Drehbuch ein etwas nerdiger Jude. In „Die Farbe des Geldes“ war meine Figur ursprünglich ein Yuppie.

DICAPRIO: Ach, echt? Ich fand die Figur brillant. Ich weiß noch, wie ich dich in „Die Farbe des Geldes“ gesehen habe, da war ich noch ziemlich jung. Ich habe mich sofort gefragt: „Wer ist dieser Typ?“

WHITAKER: Ich war nur der Ersatzmann. Irgendwer wurde gefeuert, und ich wurde zum Vorsprechen eingeflogen. So kam das.

MIRREN: Mein Mann Taylor Hackford führte Regie bei… wie hieß der noch mal? Mein Gott, ich hab den Namen vergessen… Der berühmte Film mit Debra Winger? „Ein Offizier und Gentleman“. MIRREN: Genau, danke. Die Rolle von Lou Gossett Jr war ursprünglich für einen Weißen geschrieben worden, aber Taylor zwang das Studio, Lou zu casten. Und Lou gewann prompt einen Oscar dafür.

Welcher Film hat bei Ihnen den Wunsch geweckt, Schauspieler zu werden?

CRUZ: Pedro Almodóvars „Fessle mich!“. Ich war 13, als ich den Film gesehen habe. Und völlig fasziniert, als ich aus dem Kinosaal rauskam. Ich entwickelte eine Obsession für Pedro und beschloss, Schauspielerin zu werden.

BLANCHETT: Die einzige Rolle, die ich je spielen wollte, war die von Lucy in „You’re a Good Man, Charlie Brown“. Außerdem wollte ich dringend Gregory Peck sein.

PITT: Ich weiß noch, wie ich mich in „Saturday Night Fever“ reingeschlichen habe. Das hat großen Eindruck auf mich gemacht. (Gelächter)

MIRREN: Der erste Film, der meine Fantasie beschäftigt hat, war „L’Avventura“ von Antonioni. Bis dahin hatte ich nur Filme mit Rock Hudson und Doris Day gesehen, mit denen ich nicht so viel anfangen konnte.

WHITAKER: Als ich ein Kind war, gab es nicht so wahnsinnig viele schwarze Schauspieler beim Film, deshalb zog ich die Schauspielerei gar nicht in Betracht. Der erste Schauspieler, der mich so richtig umgehauen hat, war Sidney Poitier.

DICAPRIO: Als ich ungefähr sieben war, versuchte ich mir einen Agenten zu besorgen. Ich war Breakdancer und hatte einen Irokesenschnitt – und wurde abgelehnt. Ich wusste, dass ich Schauspieler werden wollte, aber erst mit „This Boy’s Life“, da war ich 16, fing ich an, mich mit anspruchsvollen Filmen zu beschäftigen. Ich erinnere mich noch daran, wie ich James Dean in „Jenseits von Eden“ gesehen habe und mir sagte: „Wow, ich wusste nicht, dass man so gut spielen kann.“

PITT: Dabei warst du selbst so gut in „Unser lautes Heim“.

DICAPRIO: Danke, Kumpel. Du aber auch.