DER PRINZ & seine Reise in den Tod
CHRISTOPH ZU HOHENLOHE wächst auf der Sonnenseite des Lebens auf. Sein Vater: Alfonso zu Hohenlohe, der König der Costa del Sol. Seine Mutter: Prinzessin Ira zu Fürstenberg, eine Göttin ihrer Zeit. Doch der Sohn schlägt nie Wurzeln in der schillernden Welt seiner Eltern. Im Sommer wird er am Bangkok International Airport festgenommen. Sein einsames Sterben beginnt…
Die Postkarten, die Prinz Christoph zu Hohenlohe in seinem Leben geschrieben hat, kamen oft von seltsamen, fremd klingenden Orten, denn er war ein Nomade (kein Jetsetter, aber dazu später mehr). Seine letzte Karte kam aus dem Jenseits. „HAPPY EASTERN“, hatte er an Ostern auf eine Karte gekritzelt, und: „LOVE. KIKO“. Er hatte sie auf Ko Phi Phi in einen Briefkasten geworfen. Sie zeigt die zwei Höcker der Urwaldinsel in der Andamanensee, umspült vom türkisen Meer, eine malerische Luftaufnahme. Eines der Paradiese, denen Christoph zu Hohenlohe sein Leben lang nachjagte. Vier Monate brauchte die Karte, bis sie Kikos Tante, Prinzessin Pimpinella zu Hohenlohe, im spanischen Marbella erreichte. Fünf Tage nach seiner Beerdigung gelangte sie an ihr Ziel. LOVE. KIKO. Am 8. August starb Prinz Christoph Vittorio Egon Umberto zu Hohenlohe, genannt Kiko, mit 49 Jahren in einem Krankenhaus in Bangkok. Er starb als Gefangener. Verhaftet von den thailändischen Grenzbehörden wegen Passfälschung, gefangen in den Umständen seines Lebens. Die Zeitungen schrieben „Jetset-Prinz: Tod im Thai-Knast“, weil es nach einem so schönen Gegensatz klang, Jetset und Prinz, so etwas Elegantes, und dann der Tod, der doch etwas Elendes ist, besonders dann, wenn er sich in einem thailändischen Gefängnis anschleicht. Doch ein schillernder Jetsetter war Kiko nicht. Eher ein liebenswürdiger, einsamer Kerl, der vor Ängsten und Selbstzweifeln um die Welt flüchtete und immer mal wieder Frieden fand, aber nie ein Zuhause. Bangkok International Airport, 29. Juli am Morgen. Prinz Christoph zu Hohenlohe ist gebucht auf den Flug CI006 der China Airlines um 8.25 Uhr nach Taipeh. Von dort will er nach Honolulu weiterfliegen, wo er wohnt. Er kommt von einer Kur im Luxus-Wellness-Hotel Chiva-Som in Hua Hin. Er hat stark abgenommen, ist jetzt von 120 runter auf 107 Kilo. In seinem Koffer sind einige Rubine und Smaragde, die er in Thailand für Freunde auf Hawaii gekauft hat. Er bezahlt die 500 Baht Flughafensteuer in bar und geht weiter zur Passkontrolle, in eine nackte Halle. Das Neonlicht spiegelt sich im PVC-Boden. Mit Kugelschreiber hat er kurz zuvor ein altes, abgelaufenes Touristenvisum in seinem Liechtensteiner Pass manipuliert. Das Ablaufdatum hat er vom 1. August 2005 auf das Jahr 2006 geändert. Es ist keine gute Fälschung, denn die Farbe des Kugelschreibers hebt sich deutlich vom Lila des Stempels ab. Der Grenzbeamte wird misstrauisch. Er ruft einen Kollegen und berät sich mit ihm, auf Thai zwar, aber in diesem Moment ahnt Kiko wohl zum ersten Mal, dass etwas schiefl äuft. Die beiden Beamten lassen ihn von der Immigration Police festnehmen. Die Polizisten bringen ihn in ein kleines Zimmer im Flughafengebäude. Näher wird Kiko dem Abfl ugterminal nicht mehr kommen.
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Natürlich war es eine Dummheit, den Visumstempel zu manipulieren. Natürlich hätte Christoph zu Hohenlohe gegen eine Gebühr von 30 Euro sein Visum verlängern lassen können. Doch auch hinter dieser Dummheit steht eine tragische Geschichte, und weil in Kikos Kreisen selbst die Tragik einen Stammbaum hat, lässt sie sich bis ins Jahr 1918 zurückverfolgen: Der Pulverdampf des Ersten Weltkriegs hing noch über Europa, und im Osten des Kontinents, in Böhmen, wo die Hohenlohes ihre Besitztümer hatten, stand Kikos Großvater vor der Wahl: Tscheche werden oder Enteignung, und beide Gedanken gefi elen ihm nicht. Also bat er seinen damaligen Nachbarn, Fürst Liechtenstein, um Hilfe. Der gewährte sofort Pässe für die ganze Familie, und ausgestattet mit den neutralen Dokumenten blieben die Hohenlohes von Enteignung verschont. 88 Jahre später stempelte ein thailändischer Grenzbeamter dem Enkel ein 14-Tage-Visum in den Liechtensteiner Pass. Mit deutschen Papieren hätte er ein 30-Tage-Visum bekommen und wäre nie in Versuchung geraten. Die Rettung des Großvaters wurde dem Enkel zum Verhängnis. Am 3. November 1956 wird Prinz Christoph zu Hohenlohe in Lausanne geboren (Sternzeichen: Skorpion). Als Erstgeborener und Stammhalter, als zukünftiges Familienoberhaupt. Als Sohn von Prinz Alfonso zu Hohenlohe und Prinzessin Ira zu Fürstenberg. Ein Jahr zuvor hatten die beiden in Venedig geheiratet, der Papst selbst musste, weil die Braut erst 15 Jahre alt war, zu der Eheschließung sein Jawort geben. 1959 kommt der zweite Sohn, Hubertus, zur Welt. Er wird seinem älteren Bruder einmal den Spitznamen verleihen, weil der Junge Hubertus nicht Christoph sagen kann, sondern nur „Kiko, Kiko“. Die Hohenlohes leben in Mexico City, wo Vater Alfonso, Pilot und Großwildjäger, die erste VW-Niederlassung aufbaut. Doch 1960 bricht in der Familie der Krieg aus. Prinzessin Ira, nun immerhin schon 20 Jahre alt, verliebt sich in den Millionär und Playboy Baby Pignatari, verlässt ihren Mann und entführt die beiden Söhne. Beschützt von einer kleinen Privatarmee verschanzt sie sich in der sechsten Etage des Luxushotels Cristobal Colon. Solange sie mit diesem Schundkerl zusammen ist, kommen die Kinder zu mir“, tobt Alfonso. Der Prinz rekrutiert seine eigene Privatarmee, ein Trupp aus Schlägern und Polizisten. Mit vier Jeeps fahren er und seine Männer vor dem Cristobal Colon vor, sie stürmen die Treppen hoch in die Hoteletage und erobern in einer spektakulären Schlägerei die Kinder zurück. Die englische Daily Mail schreibt am 8. August 1960 über den coup de famille: „Einige der Bodyguards, die der anrückenden Polizei den Weg versperren wollten, wurden mit Keulen niedergeknüppelt, bevor sie das Feuer eröffnen konnten. Andere stürzten im Handgemenge die mit dickem Teppich belegte Treppe hinunter. ‚Gentlemen, bitte nicht schießen’, rief der Hotelmanager. Diejenigen Bewacher der Prinzessin, die noch laufen konnten, sprangen flüchtend aus den Fenstern. Vier ihrer Männer lagen mit offenen Schädeln auf dem Boden.“ Ein Freund Alfonsos bei der niederländischen Airline KLM organisiert einen Privatjet, und der Prinz selbst sitzt im Cockpit, als die Maschine aus dem Kessel Mexico City abhebt und nach Norden in Richtung Texas dreht. Von dort gelangen Christoph und Hubertus über die Schweiz nach Marbella.
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in der Ausgabe 10/2006
