Diese Berlusconis

Bekäme ein Drehbuchautor den Auftrag, mal richtig die Sau rauszulassen – auf eine Familiengeschichte wie diese käme er trotzdem nicht. PETRA RESKI über einen Clan, der nicht zu fassen ist

 

Der Held trägt Jogginganzug. Und Bauch. Das allein wäre eine Todsünde. Denn schließlich befinden wir uns in Italien, und da gilt es immer noch als höchstes Gebot, in allen Lebenslagen bella figura zu machen, auch wenn man, so wie der ehemalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi, zwischen den Rabatten seiner sardischen Ferienvilla von einem Paparazzo überrascht wird. Und damit für eine weitere kühne Wendung der vielfach totgeglaubten Telenovela „Diese Berlusconis“ sorgte: Das Klatschblatt Oggi veröffentlichte unter dem Titel „Berlusconis Harem“ Fotos, die den Helden Silvio im Jogginganzug und in Gesellschaft von fünf jungen Damen in seiner sardischen Sommerresidenz Villa Certosa zeigen. Lauter Damen, die sich lediglich durch die Haarfarbe unterscheiden: Mit einer Brünetten und einer Rothaarigen hält er Händchen, zwei Schwarzhaarige sitzen auf seinen Knien, eine Dunkelblonde hält sich im Hintergrund. Silvio Berlusconi protestiert gegen die Fotos und verlangt, seine Privatsphäre besser zu schützen, schließlich habe es sich hierbei um einen unschuldigen Gartenbesuch von Forza-Italia-Anhängerinnen gehandelt. Was von Berlusconis Ehefrau Veronica mit einem knappen „War wohl eher ein Museumsbesuch“ kommentiert wurde. Eine Dame wird später als ehemalige „Big Brother“-Kandidatin identifiziert, alle anderen sind das, was man in Italien „Soubretten“ nennt: Fernsehsternchenstaub. Auf jeden Fall hat man zu wenige Stühle gehabt, in der Villa Certosa. Ganz Italien fiebert nun der nächsten Folge entgegen: Verspürt der Held pädophile Neigungen? Wird sich Veronica rächen? Und was sagt Mamma Rosa dazu? Gäbe es „Diese Berlusconis“ nicht, man könnte sie für die Ausgeburt des Hirns eines schrägen Serienautors halten: die Geschichte einer Familiendynastie, in deren Mittelpunkt ein von Allmachtsfantasien besessener Unternehmer steht, eine Unternehmerfamilie, getrieben von Schönheitswahn und Mafia-Nähe, Leidenschaft, Korruption und Eifersucht – mal Mystery, mal Krimi, mal Soap. Eine Telenovela, von der die Italiener nicht lassen können, seit Silvio Berlusconi in den 70er-Jahren aus dem Nichts auftauchte und in Mailand sein Neubauviertel mit eigenem Privatfernsehen aus dem Boden stampfte. „Nie hat ein Prätendent platter auf die Plattheit der Massen spekuliert“, bemerkte Marx zu Napoléon III. – ein Satz, der im Hinblick auf Silvio Berlusconi immer wieder zitiert wird. Der Held ist klein, er ist schlicht, er ist oft peinlich – welcher Mann erkennt sich da nicht wieder? Abgesehen von dem in die Jahre gekommenen, sich aber keineswegs geschlagen gebenden Silvio Berlusconi – Medienmogul, Parteigründer, Ex-Premierminister, gelifteter und künstlich behaarter, reichster Mann Italiens, gegen den wegen Steuerbetrugs, Bilanzfälschung, Mitwirkung in einer mafiosen Vereinigung, Richterbestechung sowie der Mittäterschaft bei Anschlägen ermittelt wurde – gehören zu den Hauptprotagonisten der Berlusconi-Saga vor allem Frauen: seine Frau Veronica als leidende Heldin – qua heiliger Mutterschaft aufgestiegen vom Busenstar zur Schutzpatronin aller betrogenen Frauen. Seine älteste Tochter Marina Berlusconi, Statthalterin ihres Vaters und Veronicas Antagonistin. Marina, genannt „die kleine Zarin“, ist Silvios Tochter aus erster Ehe, Präsidentin des familieneigenen Firmenimperiums Fininvest sowie des größten italienischen Buchverlages, Mondadori. Eine Konkurrentin könnte ihr aus Barbara Berlusconi erwachsen, der Ältesten unter den drei Kindern Berlusconis aus der zweiten Ehe mit Veronica – gerade ist Barbara in den Aufsichtsrat von Fininvest berufen worden. Der Öffentlichkeit fiel die Philosophiestudentin bereits verschiedene Male als leidenschaftliche Verteidigerin ihres Vaters auf – so sehr, dass die Forza-Italia-Wahlstrategen bei ihr bereits anfragten, ob sie nicht in die Politik einsteigen wolle. Was sie ablehnte, noch.

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Schließlich ist da noch Mamma Rosa, die Mutter des Helden, 96 Jahre alt und kerngesund, dank vier Rosenkränzen täglich. Glühende Verehrerin des Sohnes Silvio und Gegenspielerin der Schwiegertochter Veronica. Manchmal taucht auch Flora Bartolini auf, Berlusconis Schwiegermutter, ehemalige Supermarktkassiererin, Tochter eines Partisanen und jetzige Besitzerin einer Villa im schweizerischen Engadin – die ihr, wie sie den Zeitungen versicherte, von ihrer Tochter zum Geschenk gemacht worden sei. Die einzige große Abwesende der Berlusconi-Saga ist Berlusconis erste Ehefrau: Carla Dall’ Oglio. Sie hat nie ein schlechtes Wort über ihn verloren, lebt in London und verweigert sich Interviewanfragen. Inmitten dieses Matriarchats haben Männer wenig Chancen: Piersilvio Berlusconi, der Sohn aus erster Ehe, gilt als eher blasser Frühstücksdirektor bei der väterlichen Privatsendergruppe Mediaset. Paolo Berlusconi, Silvios Bruder, ist Herausgeber der fünftgrößten Zeitung des Landes – eine Rolle, die ihm in der Not der Stunde zufiel: Er musste die Tageszeitung Il Giornale von Silvio übernehmen, weil die Gesetzgeber plötzlich feststellten, dass man in Italien nicht Besitzer der größten Privatsendergruppe und Tageszeitungsverleger zugleich sein kann. Familienbande sind in Italien heilig. Oder wie es der italienische Anthropologe Fabio Cusin pessimistisch formulierte: „Der Italiener ist daran gewöhnt, die Welt klar in zwei Teile zu scheiden, den der Familie und den außerhalb der Familie.“ Das Fundament der Berlusconi-Macht ist die Familienholding Fininvest. Auf Deutschland übertragen sähe die Berlusconi’sche Macht so aus: Er ist der Mann, dem alle privaten Fernsehsender des Landes bis auf Kabel 1 gehörten, die Bertelsmann- Verlagsgruppe, die Constantin-Filmproduktion und der angeschlossene Filmverleih, die Commerzbank, die Kaufhausketten Karstadt und Hertie, der Fußballclub Bayern München, die größte Werbeagentur des Landes, BBDO, die Allianz-Versicherungsgesellschaft, dazu als Quantité négligeable noch diverse Investmentfirmen – mehr als 300 Firmen insgesamt. Dazu wären noch zwei der größten überregionalen Tageszeitungen in Familienbesitz, sagen wir, die FAZ und Die Welt. Wie es sich für eine Familiendynastie gehört, residieren die Protagonisten in Herrenhäusern – wobei das Ehepaar Berlusconi stets getrennt lebt: Silvio Berlusconi lebt in der Villa San Martino in Arcore bei Mailand, kurz Villa Arcore genannt. Hier befindet sich auch seine zukünftige Ruhestatt: Obwohl sich Silvio Berlusconi im Grunde für unsterblich hält, ließ er hier bereits ein Mausoleum mit 36 Belegplätzen errichten – wobei er dem ausführenden Bildhauer zur Auflage machte, er möge das Bauwerk nicht allzu traurig aussehen lassen. Villa Arcore konnte äußerst preisgünstig erworben werden. Die Verkäuferin der Villa, eine minderjährige Erbin, wurde vertreten vom Anwalt Cesare Previti, dem Berlusconi-Freund und späteren Verteidigungsminister. Die Wochenenden und den Sommer pflegt Silvio Berlusconi in seiner Villa Certosa auf Sardinien zu verbringen. Das Grundstück ist mit 47 Hektar etwas größer als der Vatikanstaat und umfasst unter anderem einen künstlichen See, eine legendäre Kakteensammlung und einen vollautomatischen Vulkan, per Fernbedienung zu betätigen.

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