Uns Udo
Ob in Hollywood oder im Leben: Was der deutsche Schaupieler Udo Kier macht, hat Cinemascope-Format. Als PARK AVENUE ihn um einen Fototermin bat, hatte er nur eine Bitte: WENN SCHON, DENN SCHON!
Guck mal“, sagt Udo Kier, ständig sagt er „Guck mal“, schon jetzt, morgens um elf, und er wird es in den kommenden Stunden immer wieder sagen. „Guck mal, das Hollywood-Sign.“ Er steht auf der Terrasse seines Hauses in den Hügeln von L.A., Stadtteil Silver Lake, strahlt vor Begeisterung, weist auf den gegenüberliegenden Hügel, und von dort strahlt groß und rein dieser magische Schriftzug zurück: Hollywood. Das teuerste Panorama der Welt. Und sofort muss der Besucher weitergucken. „Guck mal, ein Mapplethorpe.“ Kier läuft ins Wohnzimmer, einen lichten Raum mit Glasfront und papierbraunen Wänden, und zeigt auf ein Porträt in Schwarz-Weiß. Udo Kier, fotografiert vom großen Robert Mapplethorpe. Daneben Kier, gezeichnet von David Hockney. Daneben was von Sigmar Polke. „Guck mal.“ Auf dem Sofa ein Fotostapel, obenauf wieder ein Bild, das Kier zeigt. „Lieber Udo, ein Gruß aus Berlin. Peter Lindbergh“, steht auf der Rückseite. Udo Kier, so viel ist klar, umgibt sich gern mit schönen Dingen, zum Beispiel mit sich selbst. Ein paar Minuten später, zurück auf der Terrasse. „Madonna ließ anrufen“, sagt Udo Kier, „ob ich bereit wäre, mit ihr Hardcore-Fotos für ihr Buch ‚Sex‘ in einem Sexclub in Leder machen zu lassen. ‚Klar‘, hab ich gesagt.“ Kier lehnt mit Grandezza in einem weißen Metallkorbstuhl aus den 60ern und erzählt aus seinem Leben. Stolz redet er, mit einer kindlichen, einer unschuldigen Freude an seinem Erfolg, dann wirkt er plötzlich wieder lässig, wie einer, der schon zu lange dabei ist. Kier ist ein unruhiger Typ, sprintet von Anekdote zu Anekdote. Mal geht es um seine Kücheneinrichtung: „Guck mal, bald bekomme ich eine Ikea-Küche, bei der man alles aufziehen kann.“ Mal um Lars von Trier: „Er sah wie ein Schüler aus, als ich ihn kennenlernte, mit Turnschuhen, Jeans, Pullover und sehr fein gekämmt. Ein ordentlicher Junge.“ Gleich darauf spricht er von den Dreharbeiten zu dem Kurzfilm „Werewolf Women of the SS“, produziert von Quentin Tarantino und Robert Rodriguez. „Mein Name ist der erste im Abspann – vor dem von Nicolas Cage.“ Und immer wieder springt er auf, läuft ins Haus, holt etwas, zeigt es. Guck mal. Ein weißes Taschentuch von den Tarantino-Dreharbeiten, in allen vier Ecken mit einem schwarzen SS-Totenkopf bemalt. „Das Taschentuch war meine Idee.“ Ein braun kariertes Jackett von Armani, für fünf Dollar vom Flohmarkt. Eine wild geblümte, vorwiegend türkisfarbene Krawatte von Oscar de la Renta für zwei Dollar, auch vom Flohmarkt. „Guck mal hier, Oscar de la Renta. Da kann ich einfach nicht Nein sagen.“ Überbordend ist das, manchmal überkandidelt, exaltiert, irre, wirr und außer Rand und Band. Er saugt einen ein in seine Welt, er zieht schamlos blank, er zeigt noch den letzten Winkel seines Hauses, seines Lebens, seines Kleiderschranks auch. „Hier hängen die dunklen Anzüge. Viel Helmut Lang.“ Das macht schwindelig. Aber das ist auch faszinierend, das ist hingebungsvoll, das provoziert Zuneigung. Vielleicht, weil Kier bei all dem immer ein Gentleman der alten Schule bleibt, mit Manieren, offenherzig und unendlich liebenswert. Vielleicht aber auch, weil Kier gar keinen Tusch, gar keinen Applaus für seine Geschichten will. Auch nicht für seine Schätze, die er herzeigt wie ein Großwildjäger seine Kaffernbüffelköpfe. Dass jemand all das mit ihm teilt, scheint ihm schon zu reichen. Dass jemand mal guckt.
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Udo Kier ist jetzt 62. Seit 41 Jahren ist er Schauspieler, 182 Filme hat er gedreht. Er war der arrogante Vampirfürst in dem Hollywood-Blockbuster „Blade“ mit Wesley Snipes; der strenge Psychologe von Bruce Willis in „Armageddon“; Pamela Andersons poetischer Barkeeper in „Barb Wire“. Neun Filme hat er mit Lars von Trier gedreht, zehn mit Christoph Schlingensief, fünf mit Rainer Werner Fassbinder. Bekannt gemacht aber hat ihn Andy Warhol, Kier war Warhols Dracula und Warhols Frankenstein. Die Filme waren sein Durchbruch, das war in den 70ern. Seither liebt er abseitige Rollen. Spielt immer wieder Bösewichter, charismatische Wahnsinnige, attraktive Zwielichtige, Mörder, Freier und Vampire. Das US-Horrormagazin Fangoria verlieh ihm den Preis „Blutsauger des Millenniums, der Indepen- dent nannte ihn „Prinz Blutrausch“. Kier, der Underground-Star, der Exzentriker, der Avantgardist. Doch mit 47 Jahren, in einem Alter, in dem andere ihr Handicap auf dem Golfplatz pflegen, erfand Kier sich neu. Er zog nach Los Angeles und hob an zur zweiten Karriere: Hollywood. Mit Erfolg. Heute bedient er beides: Kunst und Popcornkino. Und er dreht wie ein Berserker. Allein fünf Filme macht er in diesem Jahr. In zweien ist er jetzt im Kino zu sehen: Ab 23. August läuft „Werewolf Women of the SS“, eine Trailerparodie, ein hübscher Insiderscherz, produziert von Tarantino und Rodriguez mit Kier als Werwolffrauen züchtendem Nazi. Der Kunsttrailer läuft vor Rodriguez’ Hauptfilm „Planet Terror“. Am 11. Oktober startet die deutsche Komödie „Tell“, in der er einen österreichischen Reichsvogt spielt, der seine Tochter Sissi mit dem Freiheitskämpfer verkuppeln will. Die Feuilletonisten danken Kier die Rackerei nicht. Zwar ist er neben Armin Mueller-Stahl der einzige deutsche Schauspieler, der in Hollywood etwas zählt, der meistbeschäftigte Deutsche obendrein, aber er spielt fast nur Nebenrollen. Und wen interessieren schon Nebenrollen? Kier echauffiert sich, kaum dass das Wort gefallen ist. „König der Nebenrollen“ wird er oft genannt. Aber das klingt nicht gut, es klingt nach einem, bei dem man dann doch nicht hingucken muss; es klingt nach Mitleid. Kier könnte einfach sagen: Das ist halt so. Das ist trotzdem gut. Sagt er aber nicht. Monologisiert stattdessen: „ ,König der Nebenrollen‘ – das finde ich eine Unverschämtheit, weil es in dem Sinne keine Nebenrollen gibt. Supporting act sagt man ja hier in Amerika. Aber wen muss ich denn unterstützen? Was heißt unterstützen? Es gibt kleine Rollen, das kann man schreiben, ‚Der König der kleinen Rollen‘ – ja wunderbar. Obwohl – ‚klein‘ ist auch falsch. ‚Kurzer Auftritt‘ geht. ‚Nebenrolle‘ hört sich einfach falsch an, das hieße ja, ich bin neben der Rolle, nicht in der Rolle. Wenn so was schon geschrieben wird, sollte man doch wenigstens sagen ‚Kaiser der Nebenrollen‘. Zumindest muss man das Höchste nehmen, was da ist.“ In Wahrheit ist Kier mit der Bezeichnung „Kaiser der kurzen Auftritte“ dann aber auch nicht froh: „Wenn ich sagen würde, ich bin gern der ‚Kaiser der Nebenrollen‘, müsste man mich ja für schwachsinnig erklären. Natürlich würde ich gern die Hauptrolle neben Robert De Niro spielen oder neben Al Pacino. Natürlich will ich mehr.“ Und: „Ich bin ja schon ein älterer Mann. In zehn Jahren bin ich alt, in 20 richtig alt. Also habe ich noch einige Jahre. Die sind wichtig für mich. Ich möchte noch so viel machen.“ In solchen Momenten wirkt er wie einer, der noch immer auf der Suche nach seinem Platz im Leben ist, ein ewig Hungriger, der Angst hat, auf der Stelle zu treten. Dazu passt, dass er ununterbrochen dreht. Dazu passt auch, dass er unermüdlich an seinem Netzwerk webt, Kontakte knüpft bis zum Umfallen. Hauptsache, es passiert was. Hauptsache vorwärts, keine Ruhe, keine Rast einlegen.
