"Die Augen sind halt so, Punkt"
Sie ist wohl die altmodischste 28-Jährige, die sich denken lässt: Für Alexandra Maria Lara sind "Demut" und "Respekt" nämlich keine Worthülsen. Dass sie es mit dieser seltenen Haltung geschafft hat, die bekannteste deutsche Schauspielerin der Welt zu werden, ist erstaunlich - aber gerecht. Interview mit einem Glücksfall.
Alexandra Maria Lara, Sie sind in den vergangenen Monaten Deutschlands größter internationaler Star geworden. Sie haben die Hauptrolle in Francis Ford Coppolas neuem Film „Youth Without Youth“ gespielt, der im Dezember in den ame rikanischen Kinos startet. Sie haben „Control“ gedreht unter der Regie des Star-Fotografen Anton Corbijn, der im September in Deutschland anlaufen soll. Außerdem haben Sie in „City of Your Final Destination“ zusammen mit Anthony Hopkins und Charlotte Gainsbourg vor der Kamera gestanden sowie in „I Really Hate My Job“ mit Neve Campbell. Wie haben Sie das geschafft? Es gibt einen Mann, dem ich letztes Jahr am liebsten jeden zweiten Tag auf die Mailbox gesprochen hätte: Oliver Hirschbiegel, dem Regisseur von „Der Untergang“. Ohne die Chance, in seinem Film Hitlers Sekretärin Traudl Junge zu spielen, hätte ich wahrscheinlich weder Francis Ford Coppola kennengelernt noch hätte ich eine Agentin in England. „Der Untergang“ hat im Ausland eine Beachtung gefunden, die wirklich unglaublich ist. Er ist dort weniger umstritten und wird von vielen als Meisterwerk empfunden, anders als in Deutschland. Auch Francis Ford Coppola war sehr begeistert und hat mir deswegen einen Brief geschrieben. Wir haben uns getroffen, und ich habe dann „Youth Without Youth“ mit ihm gedreht. Der Film handelt von einem Akademiker in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg, der zum Flüchtling wird. Waren Sie nervös, vor der Kamera einer Hollywood-Legende zu stehen? Ich habe beim Drehen zwar immer irrsinnigen Respekt für diesen Mann empfunden, der Meisterwerke wie „Der Pate“ und „Apocalypse Now“ gemacht hat. Aber Francis Ford Coppola hat mir von Anfang an das Gefühl vermittelt, ein Mensch zu sein, mit dem man reden kann. Mehr noch: dass es willkommen ist, sich über alles zu unterhalten. Er ist sehr herzlich. Er ist wie eine Vaterfigur für den gesamten Set, strahlt durchaus eine Gemütlichkeit aus. Doch gleichzeitig ist er in Gedanken immer schon einen Schritt voraus. Er ist keiner, den man glaubt durchschauen zu können – er ist ein Visionär. Der auch mal kurzerhand beschließt, eine Szene, die ursprünglich im Schlafzimmer gespielt werden sollte, im Meer zu drehen. War das eine Liebesszene? Nein, es war ein Dialog zwischen der männlichen Hauptfigur und seiner großen Liebe, gespielt von mir. Wir haben die Szene in Bulgarien gedreht, an der Grenze zu Rumänien. Es war ein unfassbar schöner Ort. Magisch. Ein Schloss mit alten Steintreppen. Wir haben auch am Set gewohnt. Es war der 13. November, ein Tag nach meinem Geburtstag. Ich saß, wie das gesamte Filmteam, mit Herrn Coppola und seiner Familie im Frühstücksraum. Da hat er mich zu sich rübergewinkt und mir das Meer gezeigt. Es war aufgewühlt, zum ersten Mal. In den zurückliegenden eineinhalb Wochen hatten wir kaum eine Welle gesehen. Den Aufruhr des Wassers wollte Coppola mit dieser Szene verbinden, und ich habe mich gern darauf eingelassen. Manchmal mache ich nämlich auch verrückte Sachen, wie einen Stunt in 90 Meter Höhe.
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Das war in der Komödie „Cowgirl“. Sie hingen da als Gangsterbraut über einer Dachkante. Ich hing an einem Seil, und meine Beine baumelten frei über dem Abgrund. Meine Eltern haben mich danach auch halb scherzhaft, halb im Ernst gebeten, so was nicht mehr zu machen. Aber so bin ich halt auch. Wenn ich mit einem leidenschaftlichen Regisseur zusammenarbeite, dann lasse ich mich leicht begeistern. Dann kenne ich keine Grenzen. Grenzen spüre ich nur, wenn ich mich so lala fühle. Bei Coppola dachte ich: Was für eine Chance! Egal, wie kalt das Meer ist – was für ein Bild! Sie mussten ins Wasser? Wir saßen auf einem Felsen am Meer, aber die Wellen waren so stark, dass sie über uns drübergeschwappt sind. Und ich trug nur ein Nachthemd. Im November. Dieser Beruf ist physisch sowieso sehr viel anstrengender, als Außenstehende sich das auch nur ansatzweise vorstellen. Wenn man zum Beispiel vier Wochen lang einen Nachtdreh hat, muss man körperlich fit sein, um das durchzuhalten. Mit einer Wischiwaschi-Kondition klappt das nicht. In historischen Filmen musst du den ganzen Tag Korsagen tragen, und wenn du danach rausgepellt wirst, merkst du, wie sich deine Organe schon halb verschoben haben. Auch das schmerzt. Während der Dreharbeiten zu „Der Untergang“ bin ich nachts in Russland gefühlte tausendmal durchs Feld gerannt und dabei gestürzt. Was ich schon für Unfälle an Drehorten hatte, ist sagenhaft. Was waren das denn für Unfälle? Einmal bin ich beim Rennen gestürzt und habe mir beinah den halben Daumen abgerissen. Ein anderes Mal habe ich eine Sektflasche angesetzt, und ein Stück vom Zahn ist mir abgebrochen. Und trotzdem musste ich diese Szenen noch zehnmal wiederholen. Glamourös sind Dreharbeiten wirklich nicht. Du bist an dreckigen Drehorten, an denen man nichts abstellen kann. Du atmest Staub. Die Schauspielerei ist im Grunde ein sehr unglamouröser Beruf – was ich aber sehr liebe. Das klingt, als seien Sie recht hart zu sich selbst. Das glaube ich eigentlich nicht, doch ich habe schon einen bestimmten Anspruch an mich selbst. Der Anspruch beinhaltet Disziplin, pünktlich zu sein, nicht meine private Laune an irgendwelche Arbeitsorte zu tragen und andere damit zu quälen. Manche Leute sind einfach Muffel und kommen immer wieder mit schlechter Laune zur Arbeit. Das mag ich nicht. Wenn man sich zur Arbeit trifft, muss man nicht alle um sich herum mit seiner Übellaunigkeit anstecken, weil man persönlich an etwas leidet. „Sei doch so nach Feier abend“, denke ich dann und ärgere mich. Ich möchte bei der Arbeit gern mein Bestes geben. Da bin ich ehrgeizig. Sie haben vor ein paar Monaten noch mit einer anderen Filmlegende zusammen gedreht, mit Anthony Hopkins. Ist er privat auch so Furcht einflößend wie in „Das Schweigen der Lämmer“? Überhaupt nicht. Als ich an den Drehort kam, hatte ich bereits von allen anderen gehört, was für eine Seele von Mensch er sein muss und wie herzlich er ist. Ich habe leider nur eine Szene mit ihm gedreht, sieben Stunden haben wir miteinander vor der Kamera gestanden. Das war ein unglaublicher Tag.
