Liebesgrüße aus Pullach

Systematisch hat der Bundesnachrichtendienst versucht, den Journalisten UDO ULFKOTTE anzuwerben. Er lehnte ab. Trotzdem wurde er zum Werkzeug des Geheimdienstes. Selbst im KANZLERAMT bekam der heutige PARK AVENUE-Autor gezielt BND-Akten zu sehen. Ein Bericht aus einer geheimen Welt, in der Information und Manipulation alles bedeuten – und darüber, was passiert, wenn man sich wehrt

 

Auf dunkelrotem Passepartout und in Blattgold gerahmt hängt ein Brief des Bundeskanzleramtes in meinem Büro. Ein ungewöhnlicher Brief. Man bestätigt mir darin, kein Spion zu sein – kein „Informant“ des Kanzleramtes und keine „Quelle“ des deutschen Auslandsgeheimdienstes BND. Anlass waren Medienberichte, die besagten, ich sei ein Zuträger des Kanzleramtes. August Hanning, damals Abteilungsleiter 6 im Bundeskanzleramt, hat ihn am 26. September 1997 unterzeichnet. Das Schreiben ist eine tägliche Erinnerung daran, was ich dem Kanzleramt und deutschen Geheimdiensten zu verdanken habe – vor allem Ärger. August Hanning wurde später Präsident des Bundesnachrichtendienstes. Heute ist er Innenstaatssekretär. Wie aber wird man Spion? Obwohl ich selber nie einer war, kann ich die Frage gut beantworten. Niemand tritt offen an Sie heran und sagt: „Guten Tag, gestatten Sie, Bundesnachrichtendienst. Möchten Sie vielleicht gern Agent werden?“ Der BND ist eine Spinne, und es gibt Menschen, die der Spinne die Beute ins Netz führen. Meistens dauert es lange, bis ein Opfer erkennt, dass es zur Beute geworden ist. Ich war damals unerfahren. Und es hat Jahre gedauert, bis ich des Spinnennetzes gewahr wurde. Anfang der achtziger Jahre studierte ich in Freiburg im Breisgau Rechtswissenschaften und Politik. Das Wintersemester 1979/80 war fast vorbei, die Semesterferien nahten. Eine Italienreise war geplant. Und weil das folgende Semester finanziert werden wollte, standen nach dem Urlaub Arbeiten auf dem Bau oder als Aushilfskellner an. Geldverdienen gehörte zu den Semesterferien dazu, so wollte ich es auch dieses Mal halten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich vom Bundesnachrichtendienst so viel Ahnung wie jeder andere auch. In meinem Studium spielte er keine Rolle, und ich hatte kein gesteigertes Interesse an der Arbeitsweise seiner Agenten. Das änderte sich erst viel später. In jener Zeit waren Professoren Respektspersonen, denen man als Student einen Wunsch nicht voreilig abschlagen sollte. So war es auch selbstverständlich, dass ich mir die Worte einer dieser Respektspersonen aufmerksam und höflich anhörte, als diese mir kurz vor den Semesterferien nach einer Vorlesung ein Flugblatt überreichte. Oberflächlich betrachtet sah es zumindest aus wie ein Flugblatt. Es war eine Einladung. „Daran sollten Sie unbedingt teilnehmen. Und berichten Sie mir doch, wie es Ihnen gefallen hat“, sagte der Jurist. Ein angesehener Mann. Ein bekannter Mann. (Und ein Mann mit einem Doppelleben.) Ob er noch andere Studenten eingeladen oder angesprochen hat, entzieht sich meiner Kenntnis, denkbar ist es. An einer Einladung zur Fortbildung an sich war zunächst einmal nichts Ungewöhnliches. Die Professoren kannten ihre Studenten, wer auffiel, wurde gefördert. So ist es heute noch. Es gab also für mich keinerlei Grund, mich zu wundern.

Rückblickend weiß ich, dass der ehrenwerte Professor ein Anbahner des BND war. Wie weit er selbst in das Netz verstrickt war, vermag ich nicht zu sagen. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, mit ihm später noch Gespräche über diese Anbahnungstreffen geführt zu haben. Sein Flugblatt war die Einladung für ein „Seminar zur Konfliktforschung“, Themenschwerpunkt: „Einführung in die Problematik des Ost-West-Konfliktes“. Etwas Langweiligeres hätte ich mir in jenen Tagen wahrlich nicht vorstellen können. Ich überlegte noch, wie man dem Professor nicht vorhandenes Interesse plausibel erklären könnte, als wohlklingende Worte mein Ohr erreichten: „Es gibt 20 Mark Tagesgeld, die Bahnfahrt zum Tagungsort Bonn wird erstattet. Und dort wartet natürlich ein Hotelzimmer auf Sie. Zum Abschluss noch 150 Mark Büchergeld.“ Der Professor hatte schlagartig ungeheures Interesse geweckt. Acht Stunden Arbeit auf dem Bau brachten maximal 50 Mark. Dagegen die Aussicht auf ein Hotelzimmer, warme Mahlzeiten und dazu das finanzielle Bonbon – warum hatte ich eigentlich nie zuvor diese starke innere Sehnsucht verspürt, ein „Seminar zur Konfliktforschung“ zu besuchen? Diese Sehnsucht konnte ich nun nicht einfach unterdrücken. Den Professor freute meine Zusage sichtlich. Die „Studiengesellschaft für Zeitprobleme“ – mittlerweile gibt es sie nicht mehr – hatte ihren Sitz in Bad Godesberg, einem vornehmen Vorort der damaligen Bundeshauptstadt Bonn. Sie wurde vom Verteidigungsministerium finanziert. Und heute ist längst bekannt, dass sie mit dem BND in Verbindung stand. Der BND-Kritiker Erich Schmidt-Eenboom hat viele Jahre später in seinem 1998 erschienenen Buch „Undercover – Der BND und die deutschen Journalisten“ solche Seminare und die Anwerbungspraxis von Studenten beschrieben. Am 25. Februar 1980 traf ich zum ersten Mal an der Ubierstraße 88 in einem zweistöckigen bürgerlichen Altbau auf etwa 20 weitere Studenten. Sie waren Studienanfänger wie ich und aus allen Bundesländern gekommen, um endlich nach den wahren Hintergründen des Ost-West-Konfliktes forschen zu können. In zum Gähnen langweiligen Referaten erfuhren wir viel über die Sowjetunion und über die DDR. Wir machten Rollenspiele und verteidigten oder kritisierten dabei den Kommunismus. In Gesprächen erfuhr ich, dass auch andere Teilnehmer auf ähnliche Weise ihren Weg nach Bonn gefunden hatten – sie waren für ein Fortbildungstreffen empfohlen worden. Ein wenig merkwürdig war es vielleicht, dass wir nie in den ersten Stock des Altbaus gehen durften. Die Treppe zum geheimnisvollen Obergeschoss war tabu. Wir ahnten damals nicht, dass wir beobachtet wurden. Im ersten Stock saß ein Mann, dem wir zwar ab und an im Haus begegneten, dessen Rolle in dem Spiel wir aber nicht kannten. Er nannte sich Schulte – ob das sein richtiger Name war, weiß ich nicht. Wie sich später zeigte, wusste Herr Schulte ziemlich genau über einen jeden von uns Bescheid. Die Rollenspiele und endlosen Diskussionen waren nichts anderes als ein gut getarnter Gesinnungstest. Wir haben davon nichts bemerkt. Und der damalige Geschäftsführer der Studiengesellschaft, Rudolf Rothe, gab laut Schmidt-Eenboom später ebenfalls an, von Herrn Schultes Arbeit nichts gewusst zu haben.

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in der Ausgabe 07/2006


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