Die letzte Fiesta
Die berühmteste Arena der Welt wird 75. Die Afi cionados feiern die Las Ventas in MADRID. Doch dem Stierkampf droht der gesellschaftliche Todesstoß, die Stiere sterben vor leeren Rängen. Sag zum Abschied leise olé…
An jenem Abend in Madrid kam der Tod mit Leichtigkeit und Eleganz; der Degen, blitzend im Flutlicht, glitt zwischen den Schulterblättern in den Stier hinein, ohne auf Knochen zu treffen. Empanado, vier Jahre alt und 593 Kilo schwer, erstarrte, wankte, seufzte und brach zusammen, erst in den Vorderbeinen, dann hinten. Es sah aus, als würde er sich verneigen vor seinem Matador, vor seinem Töter. César Jiménez legte dem sterbenden Stier die Hand auf das Horn, das seine Brust Minuten zuvor nur um eine Wimpernbreite verfehlt hatte. Der Anzug des Matadors war unter dem rechten Arm aufgeschlitzt, so dicht war dieses Horn vorbeigegangen. Die hohen Nackenmuskeln des Stiers, die einen kleinen LKW heben können, zeichneten sich zuckend unter dem schwarzen Fell ab. Das Fell glänzte vom Blut und vom Regen. César Jiménez stand stolz und reglos im Applaus, der dem sterbenden Tier galt. Der Tod war in sein edelstes Gewand gehüllt. An jenem Abend im Mai trugen sie César Jiménez, 22 Jahre alt und geboren in Madrid, auf ihren Schultern durch die Puerta Grande. Hinaus auf den vollmondhellen Platz vor der Las Ventas, der berühmtesten Stierkampfarena der Welt. Mütter streckten ihm ihre kleinen Söhne entgegen, damit er sie küsste. In seinen Händen hielt Jiménez die Ohren des Stieres, die Trophäen seines Triumphes (Empanado hing zu diesem Zeitpunkt aufgeschnitten an einer Stahlkette im Schlachthaus hinter der Arena. Sein Schwanz war schon auf dem Weg in ein Restaurant). In den nahen Bars beschrieben alte Männer sich gegenseitig bis tief in die Nacht, wie mutig Jiménez gekämpft und wie sauber er getötet hatte. Mira, mira, so ging der Degen hinein, noch zwei Bier, und jeder Mann war ein Matador. Jiménez sollte später sagen, er danke Gott dafür, dass er ihm einen solch tapferen Stier geschickt habe. Es war ein guter Abend. Die Las Ventas, die Kathedrale des kunstvollen Tötens, wird dieses Jahr 75. Und Abende wie jene sind wie ein Geschenk an diesen Mythos, an die Arena, in der Matadore vor dem kritischsten Publikum Spaniens um Ruhm, ihr Leben und viel Geld kämpfen. Und gegen dieses Gefühl, dass der Applaus leiser und die großen Abende seltener werden. Die Arena, im maurischen Stil erbaut, thront auf einer Anhöhe am östlichen Stadtrand von Madrid wie eine Verheißung, weithin sichtbar für die umliegenden ärmeren Viertel, aus denen die hungrigen, die furchtlosen Toreros kommen. Mit Toreros ist es wie mit Boxern: Ihr Geschick lernen sie von ihren Trainern, aber ihr Mut und ihre tödliche Wut kommen von der Straße. Wenn sie in der Las Ventas triumphieren, können sie plötzlich 70, 80, 100 000 Euro pro Kampfabend verlangen. Die Afi cionados verehren die Las Ventas, weil dort jeden Abend das Märchen „Vom Tellerwäscher zum Matador“ gegeben wird, und das Ende ist immer offen. Vor der Arena stehen zwei Bronzestatuen, die von dieser Unberechenbarkeit erzählen: eine Büste von Dr. Alexander Fleming, der mit der Erfi ndung des Penicillins vielen Toreros das Leben rettete. Und ein Matador, der von Engeln begleitet in den Himmel aufsteigt.
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Seitdem die Formel-1-Wagen so sicher sind, dass die Fahrer selbst sechsfache Überschläge unversehrt überleben, ist die Las Ventas einer der letzten Orte der Welt, an dem Mann und Tod einander gegenübertreten. Und trotzdem: Es könnte das letzte große Jubiläum der Arena werden. Denn die Corrida steckt in einer schweren Krise. Sinkende Zuschauerzahlen, sinkende Einschaltquoten im Fernsehen, überzüchtete Stiere, die sich hechelnd in ihren heldenhaften Kampf schleppen, schlechte Toreros, verheerende Umfragewerte. Es gibt eigentlich keinen Grund mehr, sich über Europas blutigste Tradition aufzuregen. Sie ist auf dem besten Weg, sich selbst abzuschaffen. „Wir befinden uns in einer kritischen Situation“, sagt Ramón Calderón, Präsident der Las Ventas. „Wir haben große Schwierigkeiten, junge Menschen in die Arena zu locken. Die meisten Zuschauer sind zwischen 50 und 75. Den jungen Leuten ist die Corrida oft zu grausam, zu blutig, und ich kann sie verstehen. Wenn man den Stierkampf nicht kennt, sieht man nur das Leid des Tieres und nicht die lange Tradition, die Symbolik und die große Kunst des Toreros.“ Ramón Calderón ist ein ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft. Seine grauen Haare sind akkurat zurückgekämmt, sein Anzug war nicht ganz billig. Er telefoniert in diesen Tagen viel, denn im Juli will er sich zum Clubchef von Real Madrid wählen lassen und seine Mehrheit steht noch nicht. Seine Bank bescheinigte ihm als Sicherheit für die Wahl bei Real eine Kreditwürdigkeit von 40 Millionen Euro. Er ist ein erfolgreicher Anwalt, ein Mensch, der Spaß am Organisieren von Mehrheiten hat. Mehrheiten, egal für was. „Hinzu kommt, dass wir ein Nachwuchsproblem haben“, sagt Calderón. „Spanien hat immer dann die besten Toreros hervorgebracht, wenn es dem Land wirtschaftlich schlecht ging, wenn die Corrida für viele die einzige Möglichkeit war, gesellschaftlich aufzusteigen. Aber heute geht es dem Land gut, und viele junge Leute wollen das gewaltige Risiko in der Arena nicht mehr auf sich nehmen. Sie können auch leichter zu Geld kommen. Vor 30 Jahren hatten wir noch 300 bis 400 sehr gute Matadore. Heute sind es noch einige Dutzend.“ Calderón steht in der VIP-Lounge der Arena und blickt auf ein Tablett mit Mini-Pizzas, dazu gibt es trockenen Weißwein, das Licht ist golden und gefällig. Die VIP-Lounge ist so eine Idee, um Geschäftsleute in die Arena zu locken. Inzwischen gibt es sogar einige Sky-Boxen, in denen reiche Kunden während der Corrida mit Häppchen gefüttert werden. Gut fürs Geschäft, aber verheerend fürs Image. Der Stierkampf lebt von Tradition, von Begeisterung und der Kenntnis seiner Anhänger, und auch von der seltsamen Verehrung der Stiere. Doch in den Sky-Boxen bietet sich an Kampfabenden ein bizarres Bild: Auf den teuren Plätzen sitzen schöne Frauen, die sich mehr für das Geld ihrer Männer interessieren als für den Kampf um Leben und Tod, und die Männer scheinen sich eher mit Bullen an der Börse auszukennen. Sie rauchen Cohibas, die an den Ständen vor der Las Ventas verkauft werden. Und es ist nicht ganz klar, ob sie ihre Zigarren rauchen, um bei der Corrida nicht albern auszusehen. Oder ob sie zur Corrida gehen, um mit der Zigarre nicht albern auszusehen. Während unten ein Stier von Maultieren aus der Arena geschleift wird, kreisen oben Tabletts mit zartem Jamón Ibérico. Eine junge Frau plappert in ihr mit Glitzersteinen besetztes Handy: „…Ja, sie ziehen ihn gerade raus. Wo treffen wir uns denn nachher?“
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in der Ausgabe 07/2006
