Der alte Mann & der Turm

Am 11. September 2001 stürzte sein Lebenswerk zusammen. Nur sechs Wochen vor den Anschlägen hatte Larry Silverstein das World Trade Center gekauft. Nun kämpft er für seinen Traum vom Freedom Tower. Es soll sein letzter Wolkenkratzer werden, sein Denkmal. Eine Reportage über den Turmbau zu New York

 

Unsterblichkeit, sagt man in New York City, gibt es nur im Yankee-Stadium und dort, wo die Hochhausspitzen die Wolken berühren. Denn die New Yorker schenken nur ihren Baseballhelden und den Bauherren der schillerndsten Türme ewige Zuneigung. Es ist Dienstag, genau 15 Uhr. In einem Konferenzraum 18 Etagen über der Fifth Avenue empfängt Larry Silverstein die Männer, die mit ihm an seiner Unsterblichkeit bauen. Sie haben nicht viel Zeit, denn Larry Silverstein ist erstens ungeduldig und zweitens schon 75. Durch die gro­ßen Fensterscheiben dringt gedämpft die „New York Symphony“ herein, der nie verstummende Lärm von zischenden Bussen, hupenden Taxis und jaulenden Polizeisirenen. „Willkommen, Gentlemen“, sagt Silverstein mit so leiser Stimme, dass seine Männer am Tisch sich zu ihm vorbeugen, „wir haben viel zu tun.“ Im Juli 2001 pachtete Larry Silverstein das World Trade Center für 99 Jahre von der Port Authority. Für jährlich 120 Millionen Dollar wurde er zum stadtgrößten Vermieter von Büroflächen – genau wie er es seinem Vater, einem mäßig erfolgreichen Immobilienmakler, Jahre zuvor versprochen hatte. Den „Hauptgewinn aller Hauptgewinne“ nannte Silverstein den Deal, der ihn aus dem Stand des anonymen Hochhausbauers in den Rang eines „local player“ erhob, und in New York ist „local“ größer als „global“. Es waren noch sechs Wochen bis zum 11. September. Die Männer, die an diesem Nachmittag um Silversteins glänzenden Konferenztisch sitzen, sollen für ihn etwas Neues errichten, am Ground Zero 60 Blocks weiter südlich. Architekten, Gebäudeentwickler, Statiker, Stadtplaner. „Bevor wir heute anfangen“, sagt Silverstein, „habe ich noch eine Überraschung. Ich gebe einen aus. Wer möchte seine Schuhe geputzt haben? Ich bezahle.“ Die Männer gucken betreten auf ihre Blackberrys. Niemand meldet sich. „Come on!“, sagt Larry Silverstein. Nach einigen peinlichen Sekunden bückt Silversteins Chefarchitekt David Childs sich unter den Tisch und schnürt seine schwarzen Budapester auf. Er wirkt nicht wirklich begeistert von der Idee. Aber schließlich gibt sein Chef einen aus. Symbolische Gesten, das weiß Childs inzwischen, sind wichtig in dieser Zeit, im Kleinen wie im Großen: „Und Larry liebt einfach diesen Anblick von blitzblank geputzten Schuhen.“ Ein Latino huscht herein, nimmt ihm die Budapester ab und verschwindet mit dem leisen Gang eines guten Dieners. Childs bleibt besockt zurück. Silverstein grinst zufrieden. Die Konferenz beginnt.

Links zum ThemaSeite vorschlagen >
  • Schlagen Sie hier relevante und interessante weiterführende Inhalte zu diesem Artikel vor.

Eine Woche nach dem 11. September schrieb der Spiegel, Manhattan sehe aus, als hätte jemand der Skyline die Schneidezähne ausgeschlagen. Fast fünf Jahre später sollen nun also die Bauarbeiten am Nachfolger der Twin Towers beginnen, am Freedom Tower – oder anatomisch betrachtet: am Mittelfinger der freien Welt, gerichtet gegen all jene, die den Fall der alten Türme bejubelten. 541 Meter hoch, 1776 Feet. 1776, wie das Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Wie gesagt, es geht sehr viel um Symbolik. „Die Botschaft dieses Turms? We are back“, sagt Larry Silverstein später auf der Fahrt zum Ground Zero, zur patriotischsten Baugrube der Welt. Er kauert hinten rechts in seiner silbernen Mercedes-E-Klasse, am Steuer sitzt sein schwarzer Fahrer Rocky, im Kofferraum liegen drei weiße Bauhelme, die er immer dabei hat. Seit dem 11. September ist sein Leben eine Baustelle. Silverstein ist klein und blass, seine sorgfältig in Stellung gesprühten Haare sind rotblond und glasig und se­hen aus, als würden sie augenblicklich zerbröseln, wenn man einen Helm darüberstülpt. Silversteins Handy klingelt, er hält das Gespräch kurz: „Nein. Nein, das schaffe ich einfach nicht heute, nächste Woche, okay? Ich flieg morgen runter nach Florida, und ich hab noch wahnsinnig viel zu tun.“ Kurze Stille. „Pass auf, das Einfachste ist, ich schick dir heute einen Scheck über die 50 Millionen raus, okay? Gut, so machen wir’s. Ja, für dich auch. Bis dann.“ Er legt auf und rollt mit den Augen. „Nachdem ich das World Trade Center gekauft hatte, verbrachte ich jeden Morgen da oben im Restaurant, im Windows on the World. Ich traf mich mit den Mietern, um mit ihnen ihre Vorstellungen für die Zukunft des World Trade Center zu besprechen.“ Er macht eine Kunstpause, die seine 9/11-Geschichte einläuten soll. „Sie wissen, dass da oben niemand überlebt hat, oder?“ Es war der frühe Morgen des 11. September 2001, die Stadt glitzerte unter dem blauen Himmel, den wenige Stunden später die ganze Welt live im Fernsehen sehen sollte. Larry Silverstein verließ nach seinem Frühsport auf dem Fitnessfahrrad sein Apartment an der Park Avenue. „Meine Frau hatte für mich für diesen Morgen einen Termin beim Hautarzt gemacht. Ich muss regelmäßig zum Check-up, weil ich so blasse, sonnenempfindliche Haut habe. Aber an diesem Tag hatte ich wahnsinnig viel im World Trade Center zu tun. Ich war wieder zum Frühstück verabredet. Ich bat meine Frau, den Termin abzusagen.“

Lesen Sie mehr ...
in der Ausgabe 05/2006


Klassentreffen

Das Leben der Anderen

Na schön,

Hugh Jackman

Angel Ball

TOD'S Art Plus Film Party 2008

AUFGETAUCHT

Metall-Tagespreise: Zwischen Realwirtschaft und Börse

Früher war Gold in erster Linie eine langfristige Anlage, bei der man auch


Was sollte man beachten, wenn man Gold ankaufen möchte?

Gold erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Besonders in wirtschaftlich i


Aus alt mach neu!

Altes Haus, neuer Look. Das Münchener Traditionshaus MAENDLER ließ seinen S


Kaminholz kaufen ist nicht nur in Baumärkten möglich

Wer sein Kaminholz kaufen muss, der sollte sich nicht nur in Baumärkten ums


Flüge nach Santorini an mehreren Tagen in der Woche

Die griechische Insel Santorini besitzt einen internationalen Flughafen. Vo


Liebesgrüße aus Pullach

Systematisch hat der Bundesnachrichtendienst versucht, den Journalisten UDO


Ein Referenzkonto für eine Investition angeben

Viele Menschen möchten ihr Geld in verschiedene Anlagen investieren, um ein