Das Leben muss auf der Haut brennen
Uschi Obermaier ist eine der aufregendsten Frauen, die Deutschland im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Im Februar kommt die Verfilmung ihrer Autobiografie ins Kino, Das wilde Leben. Eine Geschichte voller Rockstars, Leidenschaft und Nonkonformismus
Sie hocken in friedlicher Runde auf einem Flohmarktstand in Pasadena, die drei Holzaffen, umringt von Nippes, Schnickschnack und zweifelhaften Antiquitäten. „Die sind ja vielleicht toll!”, ruft eine kleine, dunkelhaarige Frau auf Deutsch und steuert die Affen zielgenau an. Uschi Obermaier nimmt eines der Viecher in die Hand, streicht liebevoll über das Schnitzwerk und klopft den Boden mit ihren Fingerknöcheln ab. „Wirklich wunderbar gearbeitet, das kann ich beurteilen, ich habe ja früher selbst geschnitzt.” Der Standbesitzer, ein blasser, teigiger Überkämmer Ende 50, schluckt und schaut die schöne Kundin an, als wäre er nur allzu gern das Äffchen in ihren Händen. „How much?“, fragt ihn Uschi mit ihrer kehlig-rauen, leicht verquarzten Stimme, in der ihre bayerische Herkunft auch nach einem Vierteljahrhundert Amerika noch deutlich anklingt. „Neunzig Dollar“, krächzt der Überkämmer. Die beiden einigen sich, auf erheblich weniger Geld natürlich, und Uschi zieht hocherfreut mit ihren Affen von dannen – einer Variante des klassischen „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“-Trios: Hände vor den Augen, über den Ohren und vor dem Mund. Es dauert einen Augenblick, bis man dahinterkommt, was einem an diesem Flohmarkthandel eigentlich so paradox und, na ja, irgendwie falsch erscheint. Aber dann dämmert es: Ausgerechnet Uschi Obermaier, das Wahrzeichen des wilden, frechen, mit Sex, Drogen und Rock’n’Roll gefütterten Revoluzzertums der deutschen Achtundsechziger-Bewegung, hat gerade die drei Affen, dieses Wahrzeichen der Feigheit und fehlenden Zivilcourage, als Wohnzimmerschmuck erstanden. Denn was immer man vom „schönsten Gesicht der APO“ denken mag: Feige war Uschi nie. Nein, sie hat sich immer getraut, ihr Ding durchzuziehen, mit den Kerlen und mit der in dicken Tüten herbeigerauchten Bewusstseinserweiterung und auf jeden Fall gegen alle Beschränkungen dieser kleinlichen, ängstlichen Welt.
- Schlagen Sie hier relevante und interessante weiterführende Inhalte zu diesem Artikel vor.
„Das wilde Leben“ hat Uschi Obermaier denn auch vor gut einem Jahrzehnt ihre erste, inzwischen vergriffene Autobiografie genannt, und unter diesem Titel kommt nun ein seit langem angekündigter Film über ihre Jugend in den sechziger und siebziger Jahren in die Kinos – eine Ode an eine unglaublich freie Frau, um die sich Männer wie Mick Jagger, Keith Richards und Jimi Hendrix gerissen haben. Mehrere Hundert junge Frauen wurden in einem ungewöhnlich aufwendigen, öffentlich ausgeschriebenen Casting für „Das wilde Leben“ getestet, ehe sich die richtige – Natalia Avelon – fand, die endlich die perfekte Mischung aus Sex-Appeal, Abenteuerlust, Talent und optischer Ähnlichkeit hatte. Der Film erzählt Uschis Geschichte vor allem an ihren Liebesgeschichten jener Jahrzehnte entlang und macht gleichzeitig deutlich, wie stark sie damals als gesellschaftliche Projektionsfläche fungierte: Uschi Obermaier ist eine der wenigen Frauen der deutschen Nachkriegsära, in deren Leben sich die Zeitgeschichte so eindrucksvoll abbilden lässt.
Parallel ist außerdem eine neue Autobiografie mit dem Titel „High Times“ erschienen, in der Uschi Obermaier ihr Leben bis in die Mitte der achtziger Jahre ein weiteres Mal erzählt. Die Erinnerungen, die sie dem Co-Autor Olaf Kraemer – der auch am Drehbuch des Films mitgearbeitet hat – seit 1992 in zahlreichen Gesprächen diktiert hat, wirken jedoch um einiges düsterer und kritischer als in ihrer ersten Autobiografie: Man erfährt dann doch so viel mehr über die Kämpfe, Schmerzen und Ängste, die Uschi Obermaier auf ihrer Suche nach einem freien, leidenschaftlichen Leben durchgestanden hat. „Ich musste die Dinge immer schon auf der eigenen Haut fühlen“, sagt die einstige Bürgerschreckheldin heute und fährt sich unwillkürlich mit dem Zeigefinger über den Handrücken. Nach einem ausführlichen Bummel über den Flohmarkt von Pasadena, einer Kleinstadt nordöstlich von Los Angeles, gönnt sich Uschi eine Pause auf der Bank einer Imbissbude. Sie hat sich rittlings hingehockt, nippt an einer Flasche Sprite und knibbelt am Filter einer American Spirit. Neben ihr stehen die Einkaufstüten mit den Affen und anderen Schnäppchen – einer Rauchglasschale im Raubtiermuster, ein paar Kerzen in Schädelform und einer schweren, antiken Gartenlaterne.
Dass Uschi Obermaier im vergangenen September 60 geworden ist, sieht man ihr nicht an, und das liegt nicht nur an den „guten Genen“, die sie gern beschwört, und auch nicht daran, dass sie gelegentlich in den Jungbrunnen der Schönheitsmedizin steigt. Nein, sie ist einfach so grazil wie eine wesentlich jüngere Frau, und sie bewegt sich mit großem Schwung durch die Welt, lebhaft, fast unruhig und ganz ohne die typische Hüftsteife der Frührentnergeneration: Wie viele 60-Jährige kämen schon auf die Idee, sich rittlings auf eine Bank zu fläzen?
Den Bohemienne-Look von einst pflegt sie auch heute noch, ohne dass es peinlich wirkt – heute trägt Uschi ihr wallendes langes Haar unter einem Ballonkäppi, dazu schwarze Hosen, ein schwarzes Tanktop, schwarze Basketballschuhe, einen schweren, selbst entworfenen Silberanhänger an einer langen Kette und ein kurzes Military-Khakijäckchen (das allerdings aus dem Edelkaufhaus Barneys stammt, wie Uschi zugibt, „leider nicht mal aus dem Ausverkauf, aber ich musste es unbedingt haben“). Vor allem aber sind es ihre Augen, die sie viel jünger als 60 wirken lassen. Sie schaut wie eine, die von der Welt noch so einiges will. Es liegt eine ständige Erwartung in ihrem Blick, eine Lust und Gespanntheit auf alles, was da kommen könnte. „Ich will mich freuen können, mir die Begeisterung erhalten“, wird sie an einem anderen Tag in ihrem Haus im Topanga Canyon sagen. Manchmal blitzen ihre grünen Augen auf wie ein Ampellicht, dann flirtet sie fast unbewusst, aber höchst routiniert mit ihrem Gegenüber und streicht sich alle paar Augenblicke das Haar hinter die Schultern.
Man spürt nie einen Hauch von Resignation oder jene ernüchterte, ergebene Haltung derer, die glauben, dass die besten Jahre ihres Lebens lange hinter ihnen liegen. Wenn ihr „heute der Kopf nach hinten wegfliegt“, sagt Uschi, dann immer noch für die gleichen Typen, auf die sie schon vor 30 Jahren abgefahren ist. „Die sind natürlich heute viel zu jung für mich“, fügt sie hinzu, aber es klingt nicht so, als würde sie das wirklich glauben. Mit den Kerlen hat damals alles angefangen, genauer gesagt mit einem Kerl: ihrem Vater. Der war ein blutjunger Hallodri, als Uschi 1946 geboren wurde, und ließ wenige Jahre später Frau und Kind im rechtschaffen-kleinbürgerlichen Münchner Stadtteil Sendling zurück, um sich mit schicken Mädchen und schnellen amerikanischen Schlitten in der Innenstadt zu vergnügen. Uschi hat ihn abgöttisch geliebt, diesen Vater, der so anders war, unstet, unzuverlässig, aber eben auch extravagant, ein Mann, um dessen Zuwendung sie buhlen musste. „Ich wusste: Ich muss eine schöne Frau werden“, sagt sie noch heute, „damit er mich überhaupt bemerkt.“
Sie wird eine schöne junge Frau, ein frühreifes Ding, könnte man auch sagen, das mit 13 von der Schule abgeht, unwillig eine Lehre zur Tiefdruckretuscheurin abreißt und sich von irgendeinem Burschen entjungfern lässt, um denjenigen, den sie eigentlich will, zu beeindrucken. Zuhause übt sie Kameraposen, lernt, einen Flunschmund wie die Bardot zu ziehen und mit dem Hintern zu wackeln, und noch ehe sie 18 ist, landet sie nach einer vermurksten Abtreibung im Krankenhaus. Die Nächte tanzt der Teenager im Big Apple durch, dem angesagtesten Beatclub der Stadt, und da lernt Uschi den Whisky und den Korn kennen und irgendwann auch das Speed und die kleinen Glasröhrchen, die man in der Mitte durchbrechen und sich unter die Nase halten muss. Amylnitrite, an denen sie auf dem Big-Apple-Klo schnieft, bis sie taumelt. Irgendwann kippt Uschi mitten auf der Tanzfläche einfach um. „Ich wollte raus aus meinem Alltag, Schwellen überschreiten“, sagt sie heute, „wir wollten damals einfach alles probieren.“ Im Club lernt sie auch die Rocker kennen, die erst vorne auf der Bühne stehen und sie mit ihren Klängen aufwühlen und dann hinter der Bühne darauf warten, dass Uschi mit ihnen ins Hotel geht. Die Dinge auf der eigenen Haut fühlen: Damals schon geht es los, dass sie der Erfahrung hinterherjagt, statt sich mit einem Secondhand-Leben zu begnügen, auch wenn diese Erfahrung manchmal weh tut. „Richtig benutzt, wie ein alter Handschuh“ kommt sie sich bei einem Typen von den Kinks vor – als sie gerade mit dem in einem Hinterzimmer herummacht, klopft jemand an die Tür, und der Typ ruft nur: „Komme gleich, Mann. Ich muss hier eben noch schnell die Braut fertig machen.“
