Wo GELD kein GESICHT hat

AM TEGERNSEE, südlich von München, ist die Gemeinschaft der Superreichen so homogen, dass sich niemand anstrengt, seinen Wohlstand zu zeigen. Man redet hier nicht über Finanzen und Geschäfte – dafür umso mehr über die Skandälchen und Affären, die im TAL DER MILLIARDÄRE das Blut in Wallung bringen

 

Sagen wir es mal so: Wenn man als Norddeutscher an einem sonnigen Mittag in einer der hellgrünen Gondeln in Enterrottach den Wallberg hinaufsurrt, überkommt einen leise Schadenfreude. Man blickt hinunter auf die steilen Wege, die spitzen Felsen und steinigen Pässe, die unter einem vorbeiziehen, und hofft, dass sie hier wieder zu Fuß hinaufmüssen. Alle. Oliver Kahn, Michael Ballack oder Bastian Schweinsteiger und der ganze Rest von Bayern München. Felix Magath, weiß man, mag den 1770 Meter hohen Wallberg als Konditionsfolter und hat die Bayern-Spieler im vergangenen Jahr hinauf­gehetzt; Gerüchte sagen, sie hätten sogar noch einen Medizinball schleppen müssen. Und während man gemütlich in der Gondel sitzt, stellt man sich unten im Gehölz den ächzenden Oliver Kahn vor. Mit dieser kleinen Ahnung, dass die Welt manchmal gerecht ist, steigt man an der Station aus. Glasklare Luft, ein Wirtshaus hier oben und unten der blau glitzernde See, grüne Wälder, aus denen Berggestein hervorschimmert. Nirgendwo gibt es so viele verschiedene Gesteinsarten wie in diesem Tal, sagt der Reiseführer. Doch je länger man auf den See und die Häuser der Dörfer hinunterschaut und nach einer Weile das Haus von dem einen und das größere Haus von dem anderen erkennt, spürt man die Demokratie der Höhe. Man kann von hier oben das Geld nicht sehen. Das Blöde ist: unten auch nicht. Dabei ist man genau deshalb gekommen, hierher ins Tal der Milliardäre und Millionäre am bayerischen Tegernsee. Ein Tal wie ein Becken, in dem sich schon seit über hundert Jahren erst Deutschlands Adelige und dann die neuen Reichen, Macht und Geld also, sammeln und zu einer Melange werden, die hier, tief aus dem Süden, das Land steuert. Und beim Steuern wollte man zuschauen. Einmal das Ohr an einer großen Entscheidung haben, wie in dem Ruderboot, mit dem Anfang der 90er-Jahre Theo Waigel und der französische Finanzminister Pierre Bérégovoy auf dem See einsam herumschipperten, als Theo zum Pierre sagte: „Du Pierre, an Euro müssata mia erfinden, da kannst dei Weischwurscht selbst zahln“, oder so ähnlich. Als sie am Ufer ausstiegen, war der Euro gemachte Sache. Und es gibt auch die Geschichte von Erich Sixt, der 1997 den Hof seiner Eltern am Tegernsee erbt und unter einer alten Plane einen Mercedes Pullman Landaulet entdeckt, mit dem der Vater Sixt nach dem Krieg US-Offiziere durch Bayern fuhr und so eine der ersten Taxi-Lizenzen bekam und das Auto manchmal an die Amis verlieh.

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Man macht sich also auf die Suche nach Ruderbooten, Planen oder nach Mächtigen, die sich nach ausgedehnten Spaziergängen am See die Hand geben und sagen: „Abgemacht, ab 2008 gucken die Deutschen nur noch rundes Fernsehen“, oder: „Beschlossen, die Bild wird in grüner Farbe gedruckt“, oder so was. Und was findet man? In Rottach-Egern eine kleine Sackgasse, ein breites Haus, dicke Büsche am Eingang, das Tor ist auf, in der Einfahrt steht ein VW Golf, sonst ist alles ruhig. Otto Beisheim wohnt hier, wenn er da ist. Otto Beisheim, 82, gehört der Handelskonzern Metro mit den Ketten Mediamarkt und Metro. Otto Beisheim hat geschätzte drei bis vier Milliarden Euro auf dem Konto, er ist einer der reichsten Männer Europas. Und, was sieht man hier davon? Nichts. In der Garage muss das Fahrrad mit Hilfsmotor stehen, auf dem der alte Mann im Sommer um den See juckelt oder zur Käsetruhe fährt, um sich einen französischen Brie zu kaufen. Drei Milliarden auf einem Elektrofahrrad, das muss man sich mal vorstellen. Man kann nun ganz zum anderen Ende des Sees zu Fuß gehen und sieht ein anderes Haus, auch in Bayerischholz mit diesem flachen Spitzdach, das hier vorgeschrieben ist. Allianz-Chef Michael Diekmann wohnt da, wenn er hier ist. Die Allianz machte 2005 zwei Milliarden Euro Gewinn, und Diekmann selbst erzählte einmal, dass er mit 900000 Euro im Jahr nach Hause gehe. Und? Wieder nichts, noch nicht einmal Diekmann, von dem sich hier die Menschen erzählen, er arbeite gern und hart im Garten. Auch das Werben des Verlegers Hubert Burda, doch einmal zu einem seiner Brotzeit-Netzwerke zu kommen, ignoriert der Allianz-Chef höflich und wortlos. Freitags kann man manchmal seine Frau sehen, wenn sie vom Sport kommt oder abends in der Weinstube an der Leo-Slezak-Straße am Holztisch Nudeln isst. Die Menschen erzählen sich auch, dass man im Sommer auf den Hügeln um Bad Wiessee ein wenig aufpassen muss, weil einem ein rasend schneller Mountainbike-Fahrer über den Weg sausen kann: Jochen Holy, 63, einst Hugo-Boss-Chef und heute Mitinhaber von Windsor und Strellson, geschätzte 400 Millionen Vermögen. In seinem Haus in Unterwiessee hängt viel moderne Kunst an den Wänden, von außen nicht zu sehen. Nur den Holy auf dem Fahrrad sieht man oft, er soll ein richtiger Kampf-Biker sein. Gleich daneben noch ein braunes Holzhaus, sehr lang, mit Steg in den See. Die Strehles, Inhaber von Strenesse, leben hier. Man geht die Straße am See dann weiter, an einer Biegung ein helles Haus, Bewohner: Ex-Springer-Aufsichtsrat Bernhard Servatius und Frau. Und wenn man die Augen offen hält, spaziert einem Premiere-Chef Georg Kofler mit einer Plastiktüte Gemüse aus der Markthalle in Rottach-Egern entgegen. Und wenn’s in der Luft knattert, landet irgendwo zwischen den Hügeln Hubert Burda mit dem Hubschrauber auf einer Wiese, was eigentlich keiner darf. Polizeilich sind sie hier am See aber sehr liberal. Milliardär Beisheim hat neben seinem Elektrorad auch einen Hubschrauber, aber nur zum Herkommen. Den Hubschrauber hat er sich grün-weiß lackieren lassen, so dass auch die Polizisten erst denken, da fliegt die Polizei heran, wenn Beisheim auf dem Sportplatz von Rottach landet.

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in der Ausgabe 04/2006


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