Sabine allein zuhaus

Mit seichten Fragen wurde SABINE CHRISTIANSEN zu einer der mächtigsten Frauen Deutschlands. Ihre Talkshow ist das Barometer für die politische Stimmung im Land. Für CNBC geht sie jetzt auch noch weltweit auf Sendung. Doch geliebt wird sie nicht für ihren Erfolg. Ein Einblick in das System Christiansen

 

Leicht kann jeder.“ Diesen Satz sagt Sabine Christiansen schon morgens um neun am Handy, während sie auf dem Beifahrersitz ihres 7er-Dienst-BMW vor Tor 11 des Berliner Flughafens Tempelhof darauf wartet, zum Flieger gefahren zu werden. Und sie wird ihn im Lauf des Tages immer wieder sagen. Leicht kann jeder. Eine Floskel, sicher, aber bei ihr ist es mehr. Motto mindestens, eher wohl Kampfparole, vielleicht sogar Charakterzug. Sie jedenfalls kann nicht leicht. Die letzte Mail hat sie vergangene Nacht mal wieder um 3.35 Uhr verschickt, bis dahin hat sie verhandelt. Mit „dem Mick“. Ein Name mehr in dem Beziehungskosmos der Sabine Christiansen, an den sich ihre Mitarbeiter gewöhnen mussten. Mick Buckley, Europa-Chef des US-Börsensenders CNBC. Bis Oktober wird sie für ihn zwölf Talkshows produzieren und moderieren, international besetzt und in Englisch, 340 Millionen Haushalte in 101 Ländern auf Empfang. „Global Players with Sabine Christiansen.“ Ihren Namen in den Titel zu setzen, hat sie kurz gezögert, weil er ja doch im Ausland schwer auszusprechen sei. Aber schließlich: „Christiane Amanpour“, lässig nennt sie den Namen des CNN-Weltstars der Kriegsberichterstattung, „kann inzwischen auch jeder sagen.“ Das Lächeln dazu wirkt weniger fröhlich als entschlossen. Die Glasfronten ihres Büros in Berlin-Mitte laufen spitz zu. Raumgefühl: Startrampe. Christiansen, Sabine, geb. Frahm, 48 Jahre alt, zweimal verheiratet, zweimal geschieden, keine Kinder, arbeitet zäh an ihrem Werk: Sabine Christiansen. Fernsehmoderatorin mit unverkennbarem Willen zum journalistischen Schwergewicht, Unternehmerin, Hauptfigur der Hauptstadt-Society. Das Urteil über ihre Gesprächsführung war nie lobend, oft vernichtend, die Sendung ist trotzdem Pflicht. In diesem Jahr wird sie die 400. machen, mit fünf Millionen Zuschauern ist sie unangefochten die Nummer eins im Polit-Talk, sonntagabends Viertel vor zehn. Sie hat viel erreicht, sie ist eine, die sich durchbeißt. Jetzt hebt sie ab zur dritten Karriere. Sabine Christiansen, die TV-Show, ist ein hart erarbeitetes Label. Sabine Christiansen, der TV-Star, ebenso. Und Sabine Christiansen selbst? Wohl auch, glaubt man nach Stunden an ihrer Seite. „Kaffee und niedriger Blutdruck“, antwortet sie auf die Frage nach dem Warum, nach dem, was sie antreibt. Es klingt nicht scherzhaft. Für einen Moment scheint sie ratlos. Dann findet sie wieder ins Schema, redet davon, dass sie in den vergangenen vier Jahren ein „stabiles Fundament“ für ihre Firma errichtet habe, dass es jetzt darum gehen müsse, das Ganze „zukunftsfest“ zu machen. Ein Satz, wie er auch von der Kanzlerin stammen könnte, straff und diszipliniert.

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Christiansen ist sehr dünn. Einmal unterdrückt sie ein Gähnen, sie reißt sich zusammen: aufmerksam, freundlich, extra-wach. Wachsam. Im Gespräch pariert sie. Glatt, wie ihr Hermès-Blazer faltenlos, ihr Haar perfekt frisiert und ihre Zahnfassade tadellos ist. Keine Lücke lässt sie im System zu. Die Beine übereinander geschlagen, der Rücken so gerade, dass er kaum die Lehne berührt. So wie in der Sendung sitzt sie jetzt auch im Flugzeug, später im Auto. Das Strenge, Staatstragende, das bemüht Forsche ist ausgeschaltet, nun ist Geschäftsfrau angesagt. Dieser angespannte, latent genervte Zug um den Mund, sie ist konzentriert, sie will etwas. Sehr. Auf dem Schoß die blaue Mappe „Sabine To Do aktuell“, unaufhörlich dreht sie an ihrem Blackberry – schon Antwort von Mick? – schreibt Mails, telefoniert, immer wieder. Ausrichten kann sie wenig, die Dinge haben ihr eigenes Tempo. Unterwegs ist sie heute für ihr Ressort Soziales. Unicef-Freund Hermann van Veen bekommt irgendwo in der holländischen Provinz eine Auszeichnung für sein Kinder-Engagement. Mittagessen, Podiumsdiskussion mit Schülern, Preisverleihung, keine A-Veranstaltung, aber sie hat zugesagt, die Laudatio zu halten. „Für den Hermann doch immer“, ganz kumpelhaft. Christiansens Schwester Kirsten, „Kiki“, schleppt einen leinenen Kleidersack hinter ihr her, mit Samtjackett für den frühen und Kleid für den späten Abend, da muss Sabine Christiansen in Leipzig sein. Das wird knapp, aber sie wird es schaffen. Sie bekommt dort selbst „irgend so einen World Award“, wie sie leichthin abtut, was sie aber nicht ganz so leicht nimmt. Bei Gelegenheit wird sie ein wenig spitz ihre ganzen Bambis & Co. gegen ihre Kritiker ins Feld führen. Sie muss was können. So viele Juroren können nicht irren. Kiki ist fünf Jahre jünger als Sabine, Ähnlichkeit hat sie kaum, etwas vielleicht mit der Sabine Christiansen von vor fünf Jahren. Sie sieht weicher aus, zugänglicher, sie wirkt bescheiden, in sich ruhend. Man hat das Gefühl, sie sorgt für ihre große Schwester, wacht über sie. Früher war Kiki immer die Wilde, Sabine die Ordentliche, die alles wieder ausbügelte. Heute ist es genau andersrum. Sabine raucht und schwirrt unstet durch die Welt, Kiki lebt solide. Mann, Kinder, Häuschen. Sie arbeitet als Handelsvertreterin für ein paar Modefirmen, und an ein paar Tagen im Monat, so wie heute, als Schwesters Stylistin und Begleiterin bei offiziellen Anlässen.

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in der Ausgabe 03/2006


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